Paradigmenwechsel im Verlagswesen?

October 11, 2011

Zur Symbolkraft eines neuen Buchpreises für Self-Publishing Autoren

Am 13. Oktober 2011 wird auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ein immerhin mit 20.000 € dotierter neuer Buchpreis verliehen und er heißt sinniger Weise: „Der neue Buchpreis“. Ausgelobt wird er von dem Berliner Publikationsdienstleister epubli in Zusammenarbeit mit Der Tagespiegel und ZEIT ONLINE. Alle drei Unternehmen gehören übrigens zur Holtzbrinck Verlagsgruppe. Der neue Buchpreis hat sich nach eigenen Angaben zum Ziel gesetzt, die Leistungen „innovativer Self-Publishing Autoren“ zu würdigen. Das Preisgeld wird auf insgesamt vier Sieger aus den unterschiedlichen Kategorien Belletristik, Sachbuch, Wissenschaft und Buchgestaltung verteilt.

Zum Modus der Preisverleihung

In einer ersten Phase waren Autoren aufgerufen, sich an einem Schreibwettbewerb zu beteiligen und ihre Texte einzureichen. Aus dem erwartungsgemäß riesigen Textkorpus wurden im Anschluss auf sehr moderne Weise, nämlich über ein offenes Abstimmungsverfahren durch die Internetgemeinde, per Facebook „Gefällt mir“ Button die Top5 aus jeder Kategorie bestimmt. Diese Bestenlisten wurden dann einer prominent besetzten Jury aus Feuilleton, Wissenschaft und Buchbranche vorgelegt, die bis zum Oktober die vier Gewinner kürt. Die offizielle Preisverleihung findet in Frankfurt a. M. auf der Buchmesse statt.

Die Besonderheit des Neuen Buchpreises

Bemerkenswert an dem Verfahren ist, dass sich der Preis ausdrücklich direkt an Autoren richtet, die dadurch selbst aktiv werden können, um mit ihren Texten an die literarische Öffentlichkeit zu treten. Das ist selten, denn in der Regel richten sich Ausschreibungen für Buchpreise an Verlage, die in ihrer Mittlerfunktion Texte stellvertretend für ihre Autoren einreichen und damit eine gewisse historisch begründete Filterfunktion wahrnehmen. In dieser Hinsicht geht „Der neue Buchpreis“ tatsächlich „revolutionäre“ Wege. Er trägt damit einer Entwicklung Rechnung, die sich in der Verlagsbranche seit einigen Jahrzenten abzeichnet. Im Zeitalter der digitalen Medien, von Web 2.0 und „Schwarmintelligenz“ offenbart sich besonders im Publikationswesen mehr und mehr ein Trend zur Verlagerung von Entscheidungsprozessen. Immer stärker ergreifen Autoren und Leser selbst die Initiative und loten in direkter Vernetzung aus, was interessiert und was gelesen werden will.

Der neue Buchpreis wendet sich ausschließlich an Self-Publishing Autoren  (von epubli). Nur wer seinen Text zuvor auf der Homepage von epubli hochgeladen hatte, konnte an dem Preisausschreiben teilnehmen und bewertet werden. Damit lag die Entscheidung über Relevanz und Qualität der Textbeiträge, zumindest in der ersten Phase des Verfahrens, ganz in Händen der Leser und der Schreibenden selbst. Epubli übernahm als Dienstleister in diesem Prozess lediglich die Rolle der Moderation zwischen Angebot und Nachfrage; indem sie nämlich ihre Internetplattform zum Austausch von Vorschlägen zur Verfügung stellten.

Zum Self-Publishing in aller Kürze

Wer als Self-Publisher auftritt, der trägt, so die Wortbedeutung, zugleich die Verantwortung von Autor und Verleger. Das heißt, er behält die volle Entscheidungsgewalt über seinen Text, die Initiative liegt bei ihm. Das heißt aber auch, er allein zeichnet verantwortlich für Orthographie, Inhalt, Gestaltung und Marketing. Die ordnende, kategorisierende, ja manchmal auch zensierende Hand der klassischen Verlage wird hier nicht mehr bemüht. So manch ehrwürdiger Feuilletonist und nicht wenige der Lektoren, Programmchefs und Verleger betrachten diese Entwicklung mit Sorge. Ohnehin sei bereits die Flut der auf den Buchmarkt strömenden Neuerscheinungen kaum zu bändigen, sei die Suppe der literarischen Kulturlandschaft ständig davon bedroht, verwässert zu werden, ein Überblick sei kaum mehr zu behalten.

Paradigmenwechsel im Verlagswesen?

Manch einer mag es als bedrohlich empfinden, wenn Self-Publisher, die bisher vom traditionsbewussten Kulturbürger als irrelevante Randerscheinung mehr oder weniger ignoriert wurden, nun mit dem neuen Buchpreis ein zentrales Forum auf der Buchmesse erhalten. Zumindest aber wird anhand dieser Entwicklung ein Paradigmenwechsel innerhalb der Buchbranche erspürbar. Es scheint, als ob die Position der Verlage an der Schaltstelle zwischen Autoren und Buchmarkt inzwischen auch durch die Verlage selbst in Frage gestellt würde und als ob sich dadurch Autoren über die Etablierung des Self-Publishing-Gedankens zu emanzipieren beginnen. Schon jetzt wirbt epubli mit dem Slogan: „Wir entdecken die Starautoren von morgen“. Gerade der Anspruch des Berliner Unternehmens, über den (Um-)Weg des Self-Publishings, zukünftig erfolgreiche Autoren zu rekrutieren, platziert meines Erachtens ein leuchtendes Ausrufezeichen über dem Bereich „innovative Marketingstrategien für Autoren“. Eine äußerst interessante Entwicklung, die die Buchbranche bis in die tiefsten Strukturen beeinflussen könnte und aus der sich ettliche Fragen ergeben.

Offene Fragen für die Zukunft der Buchbranche

Wenn die großen Programmverlage bisher insgeheim für sich in Anspruch nahmen, für die Qualität der deutschen Literaturlandschaft zu garantieren, was kann dann von einer neuen Art des Publizierens erwartet werden, bei der solche Institutionen umgangen werden? Entsteht aus der Self-Publishing Szene tatsächlich eine selbständige Landschaft von Kulturschaffenden, oder wird der neue Buchpreis nur als Sprungbrett für literarische Greenhorns dienen, um nach der Entdeckung durch Webcommunity und Jury in eine bessere Verhandlungspositionen mit den klassischen Verlagen zu kommen? ­Und: Falls sich tatsächlich ein Markt für Self-Publisher etabliert, welche Texte kann man dort erwarten? Beim Blick in die Top5 des Publikumsvotings im Bereich Belletristik fällt beispielsweise auf, dass vier der fünf Beiträge dem Genre fantastische Literatur zugeordnet werden können. Was heißt das für die literarischen Ambitionen der Self-Publisher? Gibt es gerade bei Fantasy und fantastischer Kinderliteratur einen besonders großen Bedarf an neuen Büchern? Oder ist es lediglich die Internetaffinität, die bei Autoren im Fantasy-Bereich größer als in anderen Genres ist? Was bedeutet es für die Literatur der Zukunft, wenn die Abhängigkeit vom Medium Internet beständig wächst? Schließlich: Wenn Entscheidungsprozesse verstärkt im direkten Austausch zwischen Autor und Leser stattfinden, was heißt das für das Verlagswesen? Kann und soll es dem Markt selbst überlassen werden, was morgen gelesen wird? Welche Rolle wird der Verlag der Zukunft im Feld der literarischen Öffentlichkeit übernehmen? Sicher, nicht für jeden Autor wird Self-Publishing eine praktizierbare Alternative sein können. Nur wer sich zutraut, seinen Text ohne die Hilfestellung und Erfahrung eines Verlags marktfähig zu machen, wird zu diesem Publikationsmodell neigen. Wird die Zukunft der Verlage stärker als bisher vom Dienstleistungsgedanken geprägt sein müssen, wie es bei Privatverlagen schon länger üblich ist? Oder werden hier andere, neue Akteure – Agenturen, freie Lektoren, Onlinedienstleister, Marketingexperten, usw. – in den kulturellen Ring steigen, um Autoren, die in Eigenverantwortung veröffentlichen möchten, tatkräftig zu unterstützen?

Auf jeden Fall zeigt die große Aktivität im Self-Publishing Bereich, begleitet durch den angeregten medialen Diskurs, paradigmatisch wie sehr die Buchbranche in Bewegung geraten ist. Nirgends sonst kann dieser Trend in konzentrierterer Form beobachtet werden, als auf der Frankfurter Buchmesse. In diesem Sinne wünsche ich allen Besuchern einen eindrucksvollen und anregenden Messebesuch.

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Anonymous February 24, 2013 at 7:18 am

wohh precisely what I was looking for, thankyou for posting .

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