Resümee zur Frankfurter Buchmesse

October 20, 2011

Die Veranstalter der Frankfurter Buchmesse 2011 können eine positive Bilanz ziehen. Offiziell hatten sich 280.194 Besucher (ggü. dem Vorjahr ein leichtes Plus von 0,3 %) bei strahlendem Sonnenschein auf den Weg an den Main gemacht, um Ausschau zu halten nach neuen Büchern, spannenden Geschichten, richtungsweisenden unternehmerischen Einfällen, begnadeten Vorlesern, nach Anknüpfungspunkten für Netzwerke und Inspirationen verschiedenster Art. Über die Messetage nutzte ich die Gelegenheit, um viele anregende Gespräche zu führen. Dabei richtete ich in diesem Jahr besonderes Augenmerk auf die neuen Mitstreiter auf dem Publikationsmarkt: Dienstleister für Self-Publishing, E-Book-Hersteller, Online-Plattformen und die vielen Impulsgeber für Innovationen innerhalb der Buchbranche. Gerade in diesem Marktsegment ist vieles in Bewegung geraten, auch wenn dies vielleicht nicht immer gleich ins Auge stach. Zwei Aspekte sind mir dabei besonders aufgefallen.

Wie die Enten auf dem Teich – Viel Bewegung unterhalb der „Wasseroberfläche“ beim Thema E-Books

Zwar beschäftigt sich inzwischen ein Großteil neuer Studien und Diskussionen mit den technischen und strategischen Entwicklungslinien von E-Books (hier eine Zusammenstellung der wichtigsten Nachrichten, Interviews und Diskussionsbeiträge zur Buchmesse auf buchreport.de), wer sich aber als Besucher über die Möglichkeiten dieses neuen Mediums informieren wollte, musste Durchhaltevermögen und ein gutes Maß an Spürsinn an den Tag legen. Die Messehallen sind traditionell voll mit gedruckten Büchern, E-Book-Reader dagegen waren auch dieses Jahr in Frankfurt eher eine Randerscheinung. Das ist weniger verwunderlich, wenn man in Betracht zieht, dass die Branche das elektronische Buch inzwischen zwar konsequent weiterentwickeln will (sog. enhanced E-Books, elektronische Bücher angereichert mit multimedialem Content, werden derzeit von vielen Verlagen gefördert), diesem aber andererseits auch in Zukunft nur einen kleinen Marktanteil prognostiziert. Der Publizist Ranga Yogeshwar sieht das in einem erhellenden Interview zur Zukunft der Verlagsbranche ganz anders: „Der E-Book-Anteil der Zukunft wird von den Verantwortlichen derzeit auf 20 % geschätzt. Ich behaupte: Es wird genau umgekehrt sein: Der Anteil des Gedruckten wird künftig bei 20 % liegen.“ Yogeshwar, der selbst ein innovatives E-Book-Format, das Epedio, mitentwickelte, sieht einen dringenden Handlungsbedarf für Verlage, möchte man die Vielfalt des Buchmarktes auch für die Zukunft erhalten. Hier wird sich zeigen, ob die Anstrengungen, die von der Branche bisher unternommen werden, ausreichen, um der digitalen Herausforderung zu begegnen. Noch war an den Ständen der großen Verlage verhältnismäßig wenig Ausstellungsmaterial zum Thema E-Books zu finden. Eine unterschwellige Betriebsamkeit konnte dem aufmerksamen Messebesucher aber nicht verborgen bleiben.

Self-Publisher vor dem Tigersprung? – Neue Ehrenplätze auf der Buchmesse

Über die Einführung des „neuen Buchpreises“ für Self-Publisher hatte ich hier ja schon berichtet. Zur Preisverleihung im beliebten Agora Lesezelt der Buchmesse waren die Sitzreihen zwar nicht ganz gefüllt, an prominenten Gästen mangelte es dafür aber nicht. Die Holtzbrinck Verlagsgruppe warf ihr ganzes Gewicht in die Waagschale und schickte mit den Chefredakteuren Wolfgang Blau (ZEIT ONLINE) und Lorenz Maroldt (Der Tagesspiegel) gewichtige Laudatoren zur Veranstaltung. Enthusiastisch begrüßte Dr. Jörg Dörnemann, Geschäftsführer von epubli, die „Versammlung der größten Optimisten der Buchszene“ und appellierte an die Branche, die Angst vor einer „Überflutung des Buchmarktes durch Digitalisierung“ fallen zu lassen und stattdessen die großen Vorteile des Self-Publishing zu würdigen. Einer dieser Vorteile sei die hohe Geschwindigkeit, mit der über Self-Publishing nach dem „time-to-market“-Prinzip auf aktuelle Ereignisse publizistisch reagiert werden könne. Folgerichtig zeichnete die Jury beispielsweise mit Matthias Mattings „Reise nach Fukushima“ ein Sachbuch aus, das zeitnah über die Folgen der Katastrophe in Japan berichtet. Der festliche Rahmen für eine Präsentation von Self-Publishing Büchern war also gegeben, die mediale Aufmerksamkeit auch. Sicherlich, der Besucherandrang hielt sich (noch) in Grenzen, aber der Impuls für die Branche war nicht zu übersehen.

Übrigens wurde im Rahmen der Buchmesse noch ein weiterer neuer Buchpreis aus der Taufe gehoben, nämlich einer, der die hier vorgestellten Aspekte in sich vereint: Am 14.10. wurde in Halle 4.0 der insgesamt mit 1500 € dotierte „Erste Deutsche E-Book-Preis“ verliehen. Alle drei Preise gingen an Self-Publishing-Autoren, von denen zwei bei Neobooks, einer bei Bookrix veröffentlicht haben. (Eine Übersicht über Preisverleihungen auf der Buchmesse findet sich hier.)

Mögen auch viele dieser neuen Geschäftsmodelle und Denkansätze noch in den Kinderschuhen stecken, wer aufmerksam auf der Buchmesse unterwegs war, konnte sie spüren, die Aufbruchsstimmung und die neue Bewegung, die den Publikationsmarkt umtreibt. Natürlich bleibt zu klären, für welche Autoren der Weg über Self-Publishing eine probate Alternative darstellen kann, welche Bücher auf diesem Wege entstehen werden und welche Rolle diese innerhalb der Branche spielen können. In jedem Fall lässt sich zusammenfassen: die internationale Buchbranche hat erneut deutlich an Facettenreichtum gewonnen.

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Roman Terbes October 21, 2011 at 3:56 pm

Ihr Blog gefällt mir sehr gut.

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