Vom Buch zum Spiel, die transmediale Zukunft des Geschichtenerzählens

November 7, 2011

Es sind die guten Geschichten, die Menschen bewegen. Aber längst nicht mehr alle guten Geschichten, die das digitale Zeitalter hervorbringt, findet man zwischen zwei Buchdeckeln. Joanne K. Rowling zum Beispiel begann ihre Erfolgsgeschichte mit den Romanen um den Zauberei-Schüler Harry Potter. Inzwischen dürfte aber die finanziell äußerst erfolgreiche Kinofilmreihe einen wesentlichen Beitrag zum Bekanntheitsgrad der Geschichte beitragen. Auch als Video- und Computerspiel kann man die Abenteuer in Hogwarts nacherleben. Und der neueste Coup: Auf der Internetplattform Pottermore.com, die bald der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll, können Fans J. K. Rowlings Geschichten fortschreiben. Das Hogwarts-Universum lebt inzwischen in vielen verschiedenen Medien unter jeweils spezifischen Bedingungen. Die Romane allein bilden dabei nur einen Teil davon ab, wenn auch einen wesentlichen. Schließlich waren es die Romane, die genügend Raum boten, um das Setting in all seiner Vielfalt und mit all den liebevollen Details zu entwickeln und damit die diversen Ansatzpunkte für eine multimediale Verwertung erst zu ermöglichen.

Das Phänomen Harry Potter ist ein gutes Beispiel für sog. Multichannel Marketing, einer Strategie, der in Zukunft immer mehr Bedeutung für die Verbreitung neuer Geschichten zukommen wird. Die Frankfurter Buchmesse hat diesen Trend erkannt und unter dem Titel Frankfurt StoryDrive eigens eine Konferenz initiiert, um Gedanken zur transmedialen Zukunft des Geschichtenerzählens zusammenzutragen. Hier trafen sich Verlage, Autoren, Filmemacher und Spiele-Entwickler, die ein gemeinsames Interesse an der Umsetzung guter Geschichten verbindet. Was dort bisher verhandelt wurde, lässt sich im Wesentlichen unter dem Begriff „Adaptionsgeschäft“ zusammenfassen. Dabei geht es vor allem um den Verkauf von Lizenzen, damit ein bereits vorhandener Stoff in andere Medien überführt werden kann. Man denke z. B. an Ken Follets Bestseller „Die Säulen der Erde“, der auch als TV-Mehrteiler und als Brettspiel erfolgreich war, oder an das preisgekrönte Familienspiel „Die Siedler von Catan“, das von Rebecca Gablé in einen Roman überführt wurde. Man denke auch an die unzähligen Buch- und Comicverfilmungen, die in den Kinos weltweit regelmäßig für Kassenerfolge sorgen. Der Gedanke, Geschichten von unterschiedlichen Medienmachern verwerten zu lassen, um sich dabei wechselseitig öffentlichkeitswirksam zu befruchten, hat sich also längst etabliert.

Die Visionäre der StoryDrive-Konferenz wollen aber noch einen Schritt weiter gehen. Sie bauen darauf, dass in Zukunft Vertreter unterschiedlicher Medien schon bei der Entwicklung von Stoffen zusammenarbeiten. Wie das Börsenblatt berichtet, hat beispielsweise Random House zu diesem Zweck eine Kooperation mit dem Videogame-Entwickler THQ angekündigt. Diese soll zunächst in den USA tätig werden, aber auch für Deutschland sind solche Kooperationen zu erwarten. Schließlich stellt die elektronische Spieleindustrie auch hierzulande einen enormen Wachstumsmarkt dar – und zwar einen mit einem rasant zunehmenden Bedarf an anspruchsvollen Inhalten. Solche Inhalte könnten aus Büchern kommen, den Verlagen und Autoren wird das nur recht sein. Insofern ist es also konsequent, wenn auch Vertreter der Gameindustrie auf die Buchmesse reisten. Berührungspunkte zwischen den unterschiedlichen Medien gibt es zu genüge. Abzuwarten bleibt, ob tatsächlich mehr aus der transmedialen Zusammenarbeit wird, als die Übertragung von Lizenzen und ob sich die Vision vom gemeinsamen Entwickeln neuer Stoffe umsetzen lässt. Auch spannend wird es sein zu beobachten, wie sich eine medienübergreifende Zusammenarbeit auf den Schreibprozess ebenso wie auf die Story selbst und ihre Charaktere auswirken wird. Schon jetzt kann es sicherlich nicht schaden sich beim Schreiben zu überlegen wie sich der eigene Stoff multimedial verwerten oder weiterführen lässt.

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