Das Buch als sozialer Ort

November 24, 2011

Zukunftsperspektiven auf das Schreiben und Lesen

Dass sich die Buchbranche durch die fortschreitende Digitalisierung beständig verändert, habe ich hier schon mehrfach behandelt. Dazu gibt es eine Reihe von Untersuchungen und Meinungen, die darlegen, wie die Arbeit von Verlagen und Buchhändlern der Zukunft aussehen könnte. Was dagegen viel schwieriger vorhersehbar ist, ist das Thema: Wie wirken sich Aspekte der Digitalisierung und der globalen Vernetzung auf den Schreib- und Leseprozess selbst aus?

Bob Stein. Fotograf: James Duncan Davidson. Alle Rechte vorbehalten.

Nichts weniger hat sich eine ambitionierte internationale Forschergruppe zum Gegenstand gewählt. Das Institute for the Future of the Book mit Sitz in New York, London und Brisbane erforscht auf Initiative des Multimedia-Pioniers Bob Stein seit 2005 die Auswirkungen auf Schreiben und Lesen beim Übergang eines Textes vom Papier auf den (vernetzten) Bildschirm. Das Institut versteht sich selbst als Denkfabrik (engl.: Think-Tank), die internationale Experten zusammenbringt, um zukunftsweisende Modelle oder Strategien zu entwickeln und entsprechende öffentliche Diskurse zu fördern. Ihre These: Die schwerwiegendsten Veränderungen betreffen die Interaktion zwischen Lesern sowie zwischen Autor und Leser. Am vernetzten Bildschirm wird sich der soziale Aspekt von Lesen und Schreiben enorm verstärken.

Diese Idee klingt zunächst überraschend, gelten doch in unserer Kultur die Tätigkeiten des Autors, wie die des Lesers, als die am weitesten zurückgezogenen Beschäftigungen überhaupt. In Zukunft aber könnte Schluss sein mit der Isolation des Versschmiedes in seinem Kämmerlein oder mit der einsamen Lektüre im Ohrenbackensessel. Basierend auf HTML5 entwickelten die klugen Köpfe des Think-Tanks eine Software, die Autortext und Leserkommentare zusammenbringt. Neben den dort präsentierten Originaltexten wurde eine Extraspalte platziert, in der Leser erstere kommentieren, Fragen stellen und eigene Gedanken für Andere einsehbar anfügen konnten. Dadurch sei die Möglichkeit gegeben, bei der Lektüre mit anderen zu interagieren, ein gemeinsames Leseerlebnis zu schaffen und kreativ auf den Originaltext einzuwirken. Letzterer könne so über den ihm ursprünglich gesetzten Rahmen hinaus wachsen. An zunächst schwer verständlichen Stellen könne gefeilt werden. Der Lektürewert könne, durch die Beteiligung vieler Nutzer mit jeweils spezifischem Wissen, mit jedem neuen Zugriff steigen, zumindest wenn es nach der optimistischen Sichtweise des Instituts geht. Deren Vision geht sogar noch einen Schritt weiter.

Am Beispiel von McKenzie Warks „Gamer Theory“ wurde erfolgreich damit experimentiert, zukünftige Leser schon „früher“, also noch während des Schreibprozesses, kreativ mit einzubinden. Wark stellte seinen Text kapitelweise auf einer Onlineplattform des Intituts zur Verfügung und beteiligte sich anschließend an der, wie sich herausstellte, regen Diskussion. Erst nach dem Einpflegen hilfreicher Vorschläge und Anmerkungen erklärte er seinen Text verbindlich als „geschrieben“. Das Ergebnis kann auf der Homepage des Think-Tanks eingesehen werden.

 

Geht es nach Bob Stein und seine Kollegen wird dieses Beispiel Schule machen und so im Idealfall die Grenzen zwischen Schreiben und Lesen durchlässiger machen. Leser erhalten eine aktive Rolle bei der Produktion von Wissen und Ideen, die traditionellen Hierarchien zwischen Autor, Leser und Verleger werden sich abflachen. Über vernetzte Bildschirme können in Zukunft viele denkende Köpfe gemeinsam an der Entwicklung von Inhalten arbeiten. So übernehmen mehr Köpfe die Arbeit des Verstehens und schaffen so (hoffentlich) verständlichere Antworten. „Ein Buch ist auf dem Weg, ein ‚Ort’ zu werden, an dem Leser zusammenkommen, manchmal mit dem Autor“, sagt Stein, wie die Zeitschrift buchreport berichtet. Wie aber könnte so ein abstrakter „Ort“ aussehen? Dabei denke man vor allem an spezielle Online Communities, über die der fruchtbare Austausch, das Bündeln und schließlich die Präsentation von Inhalten ablaufen könnten. Diese werden eine entscheidende Rolle für die „Buchwelt“ der Zukunft spielen. Im Zeitalter des Lesens an vernetzten Bildschirmen wird sich der Vertrieb von Inhalten an den Regeln digitaler Netzwerke orientieren müssen. Immer wichtiger wird sein, wo die Dinge stehen und in welchem Zusammenhang. „Im Druckzeitalter mag der Inhalt König gewesen sein, aber in der Ära des Internets ist es der Kontext, für den die Menschen bezahlen“, so Stein. Bereitstellung, Betreuung und Ausbau solcher Kontexte wird die große Herausforderung ambitionierter Publizisten von morgen sein.

Was das Institute for the Future of the Book hier vorzeichnet, ist sicherlich Zukunftsmusik. Viele grundlegende Fragen dazu sind noch völlig ungeklärt. Man denke allein an die Problematik der Urheberschaft oder an die Frage nach der Verbindlichkeit einzelner Textfassungen angesichts einer fortlaufenden globalen Überarbeitung. Einen spannenden Ausblick auf eine mögliche Rollenverteilung bei der Textproduktion der Zukunft liefern diese Ansätze aber doch. Darüber hinaus sind die Wissenschaftler zuversichtlich, dass sich angesichts der rasch voranschreitenden Digitalisierung solch eine neue, zeitgemäße dominante Textform schneller durchsetzen wird als seinerzeit der Roman, der stattliche 200 Jahre für seine gesellschaftliche Etablierung benötigte.

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