Von Immersion, Haptik und sozialer Zeichenwirkung

December 8, 2011

Digitale Medien wie das E-Book bereiten dem Buch bezüglich Aktualität, Funktionsvielfalt und Transportfähigkeit starke Konkurrenz. Und trotzdem ist die Liebe zum Gedruckten bei vielen Menschen aus gutem Grunde ungebrochen.

Das Buch lebt!

Gedruckte Bücher begleiten uns durchs ganze Leben. Sie sind Unterhaltungs- und Informationsquelle, bieten Abenteuer und Zur-Ruhe-Kommen, bringen uns zum Lachen, zum Weinen oder zum Stirnrunzeln. Bücher helfen uns, die Welt zu erschließen. In Büchern ist nichts unmöglich: Mit ihnen lernen wir die Vergangenheit und Spekulationen über die Zukunft kennen, reisen in fremde Länder und fantastische Welten, erweitern unseren intellektuellen und praktischen Horizont.

Warum haben wir Bücher eigentlich so gern?

Bücher entsprechen der kognitiven Beschaffenheit und den emotionalen Bedürfnissen von Menschen. Ein wichtiger Aspekt ist dabei sicher ihre Materialität. Die Materialität macht das Buch automatisch zu einem Gegenüber, seine Haptik, aber auch sein Geruch, das Geräusch des Blätterns verleihen ihm Sinnlichkeit; das Öffnen eines Buches gleicht einer Verheißung. Unterstützt wird dies durch seine nicht alltägliche, nicht rein funktionelle, sondern bildhafte, differenzierte und sorgsam gewählte Sprache. Wie sagte Walter Benjamin? „Bücher und Dirnen kann man ins Bett nehmen.“ Apropos Bett: Vierzig Prozent der Buchliebhaber geben an, gern im Bett zu lesen, denn hier kommt man zur Ruhe und kann sich gänzlich auf etwas Neues, auf das lockende Angebot eines Buches, einlassen. Auch dieses Sich-Einlassen, die Immersion, ist ein Grund für unsere Hinwendung zu Büchern: wir genießen das Innehalten, die Entschleunigung, das Eintreten in einen selbst bestimmten Raum.

Ein Thema wird gleichsam für uns aus der Zeit genommen, denn im Buch sind Inhalte nicht mehr veränderbar, sie werden selektiert, separiert und fokussiert. Im Gegenzug schenken wir ihm unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. Bücher ermöglichen uns so den Zugang zu komplexen und Dauer beanspruchenden Inhalten. Wir können sie in ausgewählten Momenten immer wieder zu Rate ziehen und dabei auch immer wieder Neues entdecken, denn in jeder Lebensphase nehmen wir sie anders wahr.

Aufgrund dieses besonderen Stellenwertes in unserem Leben haben Bücher auch spezielle kommunikative Wirkungen.

Bücher sprechen an

Grundsätzlich vermitteln Bücher durch ihre materielle Form und den offensichtlichen Aufwand, der für ihre Entstehung betrieben wurde, Gewichtigkeit, Seriosität und Nachhaltigkeit. Hinzu kommt unsere kulturelle Prägung, die uns das Buch als geschichtsträchtiges, niveauvolles Medium wahrnehmen lässt, das Exklusivität verheißt. Deshalb sind wir gerne bereit, Büchern unser Vertrauen zu schenken und uns von ihnen einen Impuls geben zu lassen. Gleichzeitig schaffen sie Nähe, indem sie Meinungen wiedergeben, unterhalten, den Leser bilden und zu seiner Entwicklung beitragen. Darüber hinaus – und dies ist nicht zu unterschätzen – haben Bücher auch eine starke soziale Zeichenwirkung: Als Geschenk zeigen sie Wertschätzung, als Sammelobjekt manifestieren sie ein gehobenes Bildungsniveau, ihren Inhalten verleihen sie Exklusivität, ihrem Verfasser Expertenstatus.

Deshalb sind Bücher auch ein wichtiges Medium im Corporate Publishing, über das ich in Kürze ebenfalls berichten werde.

 

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