Warum schreiben – Autor als Traumberuf?

February 21, 2012

Was ist ein Autor? Wo kommt er her und wo will er hin?

Nur sehr oberflächlich betrachtet, sind dies einfache Fragen. Wer das nicht glaubt, der kann z. B. bei Foucault, bei Roland Barthes, bei Heidegger und Benjamin – oder als Einstieg auch auf Wikipedia seitenweise Theoretisches zum Thema lesen. An dieser Stelle möchte ich mich solchen Fragen aber lieber von einer eher praktischen Seite nähern.

Schreiben ist in unserer Gesellschaft unbestreitbar eine äußerst angesehene Tätigkeit. Wer schreibt, dem traut man tief gehende Gedanken zu, der muss etwas zu sagen haben. Autoren sind geistvolle Zeitgenossen, die obendrein auch einen abenteuerlichen Lebenswandel zu genießen wissen. Die entschlossene Hingabe an das Reich von Schönheit und Genuss, die Freunden geistiger Höhenflüge und eine Ahnung von grenzenloser Freiheit – das Leben als Autor, da ist sich der Volksmund sicher, ist jedenfalls viel spannender als der tägliche Gang in die Werkstatt oder ins Büro. Aber ist dem wirklich so? Die Schriftstellerei als Traumberuf? Um sie ranken sich viele romantische Vorstellungen. Die kulissenbetonten Primetime-Fernsehfilme sind voll von den entsprechenden Stereotypen.

Wie aber sieht der Beruf des Autors tatsächlich aus?

Wie sehen Schriftsteller selbst ihren Beruf? Begibt man sich auf die Suche nach Äußerungen von Autoren, sieht das Bild bald viel weniger rosig aus. Friedrich Dürrenmatt etwa findet, als Beruf sei „die Schriftstellerei eine ungemütliche Sache.“ Der Schriftsteller sei zwar frei, müsse aber um diese Freiheit kämpfen, und zwar auf einer wirtschaftlichen Ebene. Wer aber gezwungen sei, beim Schreiben mit einem Auge auf mögliche Absatzzahlen zu schielen, der büße einen gewissen Teil an Freiheit ein. Daniel Kehlmann, der Autor des Bestellers „Die Vermessung der Welt“, bezeichnet seinen eigenen Beruf als seltsam, sogar ein „wenig lächerlich für einen erwachsenen Menschen.“ Sich Geschichten auszudenken, die nie passiert seien, werde von seiner Umwelt häufig nicht als ernst zu nehmende Beschäftigung akzeptiert. Der Schriftsteller als Geschichtenerfinder, als realitätsfliehender Fantast, als Gaukler und Trugbildhauer? Und dann ist da noch Thomas Mann, für den der Schriftsteller ein Mann ist, „dem das Schreiben schwerer fällt als allen anderen Leuten.“

Man könnte also zusammenfassen: Die Schriftstellerei sei, im Gegensatz zu dem weit verbreiteten Klischee, eine schwierige, eine anstrengende Sache. Wolle man als Autor ein Auskommen haben, so sei man nicht nur gezwungen, eigenes ästhetisches Empfinden und künstlerische Freiheit in gewisser Weise wirtschaftlichen Aspekten zu unterwerfen, man komme (vor allem dann, wenn der pekuniäre Ertrag unterhalb der Bestseller-Liga bleibt) zudem in Erklärungsnöte.

Warum, so ließe sich folgernd fragen, entscheiden sich dennoch viele Menschen dafür, ihre Zeit dem Schreiben zu widmen?

Nun, dazu muss zunächst darauf hingewiesen werden, dass die hier vorgestellten Autorenbilder natürlich ganze Bereiche der Publikationswelt ganz außer Acht lassen. Dass auch im Wissenschaftsbereich, im Sachbuchbereich und in der Publizistik gedruckte Texte essentiell sind für Informationsvermittlung und -bewahrung, soll hier nicht thematisiert werden. Dieser Beitrag beschäftigt sich stattdessen in der Hauptsache mit Aspekten der Belletristik. Und selbst hier gilt es genauer hinzusehen. Denn die Gründe, warum sich Menschen dem Schreiben widmen, sind weit vielfältiger, als es bisher anklingen konnte.

Man sollte sich vor Augen halten, dass tatsächlich nur ein geringer Prozentsatz der Autoren vom Schreiben leben kann. Sicher wird niemand ein ansehnliches Autorenhonorar ablehnen. Dennoch sind nicht immer finanzielle Interessen Anlass oder Auslöser des Schreibens. Die primäre Motivation sieht im Grunde häufig anders aus. Manchen Autoren geht es darum, sich mit ihrem Anliegen Gehör zu verschaffen, andere wollen Ihre Erinnerungen und Erlebnisse für kommende Generationen als Zeitzeugnis bewahren oder ihre Erfahrungen mit anderen teilen. Das Schreiben als Weg, am gesellschaftlichen Diskurs teilzuhaben, an der Meinungsbildung und an einer glücklichen Zukunft mitzuwirken, oder Erlebtes und Durchlittenes aufzuarbeiten – vielen Menschen ist es sowohl inneres Bedürfnis als auch Befriedigung, ihre Gedanken zu Papier zu bringen.

Schließlich darf auch der ästhetische Genuss bei der Kreation von Wortkunstwerken nicht außer Acht gelassen werden. Wer eine spannende Geschichte zu erzählen weiß, wer mit bewegtem Herzen lyrische Bilder für seine Empfindungen findet, der wird nicht fragen nach dem wirtschaftlichen Ertrag, der wird sich nicht schrecken lassen, von den Mühen der Dichtkunst und der wird sich auch nicht abbringen lassen, vom gelegentlichen Unverständnis seiner Mitwelt. „Schriftsteller, das ist nicht nur ein Beruf, sondern die Entscheidung, die Welt als Sprache zu sehen“, sagt der Lyriker und Hörspielautor Günther Eich und bringt damit auf den Punkt, was viele, die sich mit Leidenschaft dem Schreiben widmen, unterzeichnen würden: Die Beschäftigung mit Literatur kann Ausdruck eines Blickwinkels, eines ganz eigenen Zugangs zu und Umgangs mit unserer Umwelt sein. Schreibend erfahren wir die Welt, selbst jene Bereiche, die uns durch vielerlei Beschränkungen im täglichen Alltag verschlossen blieben. In den Worten des Nobelpreisträgers Mario Vargas Llosa: „Die wichtigste Eigenschaft der literarischen Berufung ist vielleicht, daß derjenige, der sie spürt, in der Ausübung seine schönste Belohnung sieht. Diese Belohnung ist viel befriedigender, als es je die Früchte des Erfolgs sein könnten.“

Die Beweggründe für das Schreiben sind so vielfältig wie die Biographien der Autoren.

Viele Autoren erfahren ihre Tätigkeit als tiefe Befriedigung lange bevor die Mühsamkeiten des Schriftstelleralltags zum Tragen kommen und finanzielle Aspekte eine Rolle spielen. Das Schreiben ist Ihnen ein Mittel zur Selbstverwirklichung und eine Erfüllung, für die sie bereit sind, vieles auf sich zu nehmen. In diesem Sinne ist meiner Ansicht nach der Beruf oder besser die Berufung des Autors eine höchst respektable, eine ehrenwerte, eine wahrhaft faszinierende Sache.

Wie geht es Ihnen? Warum schreiben Sie? Finden Sie sich in den hier vorgestellten Autorenbildern wieder, oder haben Sie noch ganz andere, eigene Beweggründe dafür, sich dem Schreiben zu widmen?

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