Achtung E-Book schlägt aus

March 13, 2012

Müssen wir uns vor elektronischen Publikationen in Acht nehmen?

Anfang des Jahres brachte die Nachricht, der Onlinehändler Amazon habe im Januar erstmals mehr E-Books als Paperbacks verkauft, einmal mehr die Buchbranche zum brodeln. Ohne Zweifel, wir befinden uns in einer Umbruchphase, einer Zeit, die mit rasanten technischen und konzeptionellen Innovationen, so manch dringende, manch bange Frage aufwirft – übrigens auch für Autoren. Welche Form des Veröffentlichens ist für ein bestimmtes Anliegen die richtige? Wie und über welche Kanäle erreiche ich die richtige Zielgruppe?

Es gibt viel zu bedenken und viel zu diskutieren in der Buchbranche. Dabei birgt der Umbruch selbstverständlich auch reichlich Spannendes für die Welt des Publizierens. Nie waren die Möglichkeiten, mit einer Botschaft an die Öffentlichkeit zu treten, vielfältiger. Insofern betrachte ich die Neigung der Branche, größtenteils mit Ablehnung oder gar mit Angst auf die entsprechenden Innovationen zu reagieren, mit einer gewissen Verwunderung. Besonders merkwürdig ist dabei der gerne postulierte Antagonismus „elektronisches vs. gedrucktes Buch“, der, angeheizt durch Pressemeldungen wie die eingangs zitierte, gerne in der Berichterstattung ausgebreitet wird. Es gibt meiner Ansicht nach keinen Grund, warum in Zukunft nicht digitale und „analoge“ Publikationsformen gleichberechtigt nebeneinander stehen und sich je nach Genre, Kommunikationsanlass und -ziel sogar sinnvoll ergänzen sollten.

Anlässlich der Berliner Lektionen befasste sich kürzlich der ausgewiesene Internetexperte und -vordenker David Gelernter mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf Sprache und Kultur. Gelernter ist Zukunftsforscher und Inhaber eines Lehrstuhls für Computerwissenschaften an der Univerität von Yale. In Publikationen wie „Mirror Worlds“ von 1991 sah er den Aufstieg des World Wide Webs voraus und gilt als Wegbreiter des sog. Cloud Computings. Seinen Vortrag, der in gekürzter und übersetzter Fassung vom Tagesspiegel veröffentlicht wurde, halte ich für sehr lesenswert.

Gelernter befürchtet u. a., das Internet sei inzwischen zu einer „Bedrohung für die Integrität der Sprache geworden.“ Unsere Gesellschaft neige dazu, alles Geschriebene in die Cybershäre zu verschieben. Briefe, Unterhaltungen, Termine, Journalismus, Bücher – alles werde elektronisch publiziert und erzeuge eine Flut an Informationen, die den Menschen schlichtweg überfordere. Infolge der digitalen Revolution werde immer mehr und immer schneller geschrieben, was dazu führe, dass auch schnell und nicht mehr allzu sorgfältig gelesen werde.

An Gelernters Argumentation finde ich vor allem zwei Dinge bemerkenswert. Zum einen zeigt sich, dass hier selbst ein sog. „heavy user“ des Internets Bedenken anmeldet, angesichts der Entwicklung, die unsere Medien- und Kulturlandschaft gegenwärtig erfährt. Finden sich keine geeigneten Steuerungsmechanismen, so befürchtet der amerikanische Forscher einen „Niedergang des Schreibens und Verlegens“ und damit eine existenzielle Bedrohung der Sprache an sich. Deshalb hält er in seinem Vortrag ein Plädoyer für langsameres Denken und Publizieren. Das Tempo zu drosseln und sich bewusst zu gründlichem Schreiben und Lesen zu bekennen, sei der beste Weg, um dieser Bedrohung zu begegnen. Für die Manifestation dieses Bekenntnisses und damit für „das beste Design der westlichen Geschichte“ hält der Internetpionier ausgerechnet das gedruckte Buch, das in seiner Haptik, in seiner Haltbarkeit, kurz in seiner Materialität ein unverzichtbares Kulturgut sei. Natürlich schmeicheln solche Aussagen der Buchmacherseele. Viele der Werte, die in dem Artikel mit dem Buch in Verbindung gebracht werden, halte auch ich für gut und wichtig.

„Das physische Buch fügt dem geschriebenen Wort Gewicht, Substanz und Würde hinzu.“ Dem kann ich mich nur anschließen. Dennoch erstaunt es mich, und damit komme ich zum zweiten Punkt, dass ausgerechnet so ein verdienter Zukunftsforscher beim Thema E-Book in seinen Überlegungen so weit hinter dem Potential des Mediums zurückbleibt. Ich teile nicht Gelernters Befürchtung, dass E-Books in absehbarer Zukunft das gedruckte Buch ersetzen werden. Weder der geringere Preis noch der leichte Transport großer Datenmengen, beispielsweise auf Urlaubsreisen, wird so sehr ins Gewicht fallen, dass Leser dauerhaft und im großen Stile auf die Vorteile physischer Bücher verzichten werden. Eine aktuelle Umfrage in den USA hat im Übrigen ergeben, dass zwar die Zahl der Besitzer eines elektronischen Lesegerätes weiter zugenommen hat, gleichzeitig aber auch der Anteil der erklärten E-Reader-Verzichter gestiegen ist.

Ich bin der Meinung, dass auch in Zukunft Texte in gedruckter, gebundener und ästhetisch aufbereiteter Form geschätzt und gekauft werden. Daneben werden sich aber auch elektronische Publikationsformen etablieren. Dieser Markt ist zu spannend und bietet zu viele neue Möglichkeiten, als dass man sich ihm verweigern könnte. Lesen Sie dazu zum Beispiel meinen Artikel über die Arbeit des „institute for the future of the book“ oder den wunderbaren Gastbeitrag Michael Schikowskis auf börsenblatt.de. Letztlich geht es doch darum, für jedes Publikationsziel die geeignete -form zu finden. Hier gelten für Lehrbücher sicherlich andere Rahmenbedingungen, als für den Abenteuerroman oder einen Reiseführer. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt einen Antagonismus zwischen elektronischem und gedrucktem Buch zu konstruieren, wird für die Suche nach dem jeweils idealen Veröffentlichungsmodell sicherlich nicht zweckdienlich sein. Eine Gefahr für das Kulturgut Buch ist m. E. längst nicht in Sicht, höchstens eine Gefahr für unbewegliche Vorstellungen und starre Strukturen. Davon aber können wir uns zuversichtlich verabschieden, wenn wir flexibel und neugierig bleiben.

Außerdem, so ließe sich mit Schikowski argumentieren, kennen wir im Grunde noch gar nicht den eigentlichen Gegenstand der Diskussion. Denn das E-Book als eigenständige Publikationsform, als eine, die die Möglichkeiten des Mediums ausschöpft und nicht bloß digitalisiertes Surrogat der Druckversion ist, ist noch gar nicht gefunden. Derzeit wird allerdings fieberhaft genau daran gearbeitet. Ein erstes Zwischenergebnis stellt für Schikowski der bei Bastei Entertainment erscheinende digitale Serienroman „Apocalypsis“ dar. Wer mag, kann sich hier eine erste Idee davon verschaffen, was digitale Bücher in Zukunft leisten könnten. Eine weitere, sehr gute Möglichkeit, um ein offenes Ohr für spannnede Innovationen auf dem Publikationsmarkt zu bewahren, stellt selbstverständlich die Leipziger Buchmesse dar, die noch diese Woche ihre Pforten öffnet.

Ich meine, für Büchermacher sowie für alle an Sprache und Büchern Interessierte gilt es, sich die Neugier an den Möglichkeiten, alten wie neuen, zu bewahren und auf dieser Grundlage, für jedes Publikationsziel nach der idealen Umsetzungsmöglichkeit zu suchen. In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern (und allen Schreibenden) eine spannende, interessante und vor allem inspirierende Buchmesse.

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Ezekiel February 12, 2013 at 4:29 am

Really liked what you had to say in your post, Achtung E-Book schlägt aus, thanks for the good read!
— Ezekiel

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