Wie grün ist das E-Book?

May 24, 2012

Alle wollen grün sein

In Deutschland hat sich in den letzten Jahren ein starkes ökologisches Bewusstsein etabliert. Begriffe wie „Klimawandel“ oder „Energiewende“ sind in aller Munde. Immer häufiger bekommt man den Eindruck, alle wollen irgendwie ein bisschen „grün“ sein. So müssen sich auch Märkte und Unternehmen von der Öffentlichkeit die Frage gefallen lassen, wie ökologisch nachhaltig sie wirtschaften und wie umweltschonend die von ihnen hergestellten Produkte sind. Selbiges gilt natürlich auch für den Buchmarkt. Denn so wertvoll das Medium Buch auch ist – bei rund 100 000 Neuerscheinungen pro Jahr allein in Deutschland zeigt sich schon so manches Sorgenfältchen angesichts der Frage nach dem Rohstoffverbrauch. Nicht wenige sehen deshalb das digitale Buch als Lösung des Problems.

Der Antagonismus ist tot. Es lebe der Antagonismus!

Man sieht schon – auch hier kommt der gerne postulierte Antagonismus „elektronisches vs. gedrucktes Buch“ ins Spiel, zu dem ich mich ja bereits in einem meiner letzten Einträge geäußert habe. Lässt man aber die Prämisse einmal gelten, dass das elektronische und das gedruckte Buch Gegenspieler sind, so drängt sich schnell die Frage auf: Wird sich das E-Book in Zukunft allein deshalb durchsetzen können, ja müssen, weil es die unter ökologischen Gesichtspunkten bessere Publikationsform ist?

Leichtes Spiel fürs E-Book?

Auf den ersten Blick hat das E-Book leichtes Spiel, ein solches Kräftemessen für sich zu entscheiden – schließlich muss ja zur Produktion eines E-Books kein einziger Baum gefällt werden. Aber ist dem wirklich so?

Beschäftigt man sich eingehender mit der Frage, wie ökologisch nachhaltig E-Books sind, wird schnell klar, dass die Ökobilanz keineswegs so positiv ausfällt wie erwartet. Schließlich werden für die Herstellung der elektronischen Lesegeräte in großem Maße Rohstoffe und Energie verbraucht:  bis zu 15 kg Mineralien, circa 300 l Wasser und 100 kw/h Energie werden zur Produktion eines einzigen Tablets benötigt. Was dabei besonders ins Gewicht fällt: Mineralien sind fossile Rohstoffe, die nur begrenzt zur Verfügung stehen und vom Menschen nicht ersetzt werden können.

Demgegenüber handelt es sich bei Papier, der bekanntermaßen primären Ressource zur Herstellung eines gedruckten Buches, um einen nachwachsenden Rohstoff. Dennoch – in Deutsch­land werden jedes Jahr mehr als zehn Tonnen Primärfaser, die direkt aus Holz gewonnen werden, für die gesamte Papierproduktion (also von Büchern, Zeitungen, Zeitschriften und Werbematerialien) benötigt – eine ganze Menge Holz.

Bilanz 1:50

Stellt man die benötigten Rohstoffe einander gegenüber, so ergibt sich, dass die Herstellung eines elektronischen Lesegerätes etwa 40- bis 50- mal mehr Brennstoffe, Wasser, Mineralien und Energie benötigt als die eines gedruckten Buches. Umgekehrt heißt das, dass beim Download des 50. E-Books der Ressourcenverbrauch dem eines Printexemplars entspricht. Dies hieße, dass das E-Book erst ab dem 51. Download als Sieger aus dem Öko-Wettstreit hervorginge.

Remis

Neben diesen Zahlen und Fakten, die man detailliert in dem informativen Artikel „Grüner lesen“ im Börsenblatt (Ausgabe vom 09.02.2012) nachlesen kann, gibt es aber eine ganze Reihe weiterer Faktoren, die die Entscheidbarkeit dieser Frage verkomplizieren. Man denke zum Beispiel an Folgendes: In der Regel werden von Printbüchern gewaltige Auflagen produziert. Was sich nicht verkaufen lässt, landet unter Umständen als Remittende im Altpapier. Das Problem der Überproduktion gibt es dagegen bei E-Books nicht. Dafür stellt sich, wie bei allen elektronischen Geräten, die Frage nach der Entsorgung defekter Lesegeräte.

Ein weiterer Aspekt: Gedruckte Bücher sind wesentlich haltbarer und daher zumeist langlebiger als E-Books. Darüber hinaus können sie verliehen, verschenkt und vererbt werden, sodass mehrere Leser in den Genuss der Lektüre kommen. Da Haltbarkeit, Weitergabe und Recycling aber variable Kriterien sind, die nicht so einfach mathematisch summiert werden können, gestaltet sich eine fundierte Gesamtbilanz schwierig.

So bleibt im ökologischen Wettstreit nur ein unbefriedigendes Remis und die Gewissheit, dass die aufgeworfene Fragestellung in unserem grünen Deutschland ganz sicher nicht vergessen, sondern lediglich vertagt ist.

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