Weiß Sascha Lobo wirklich, wie es geht?

June 22, 2012

Unser Redakteur war im Rahmen der Buchtage Berlin auf der AKEP-Jahrestagung 2012 und erlebte dort eine offene und kollegiale Atmosphäre, die vom gemeinsamen Wunsch geprägt war, die Zukunft der Verlagsbranche zu erfassen und mitzugestalten. Die Eröffnungsrede „Die Zukunft des Buchstabenverkaufs – professionell publizieren im Zeitalter der digitalen, sozialen Vernetzung“ hielt Sascha Lobo. Hier der Bericht unseres Redakteurs:  

Vierzehn Thesen über die „Zukunft des Buchstabenverkaufs“

Sascha Lobo habe es satt, so sagt er in seiner unverwechselbaren Art, den Verlagen immer wieder aus der Position des Beraters heraus erklären zu müssen, was zu tun sei, um für die Zukunft des Buchstabenverkaufs gewappnet zu sein. Auf der AKEP-Jahrestagung 2012 (dem zentralen jährlichen Treffen des „Arbeitskreises elektronisches Publizieren im Börsenverein des Deutschen Buchhandels“) gibt er deshalb die Beobachtungshaltung auf und kündigt am Ende seines Eröffnungsvortrages ein wenig überraschend an, mit der Gründung eines eigenen Verlages, seine Ideen endlich konsequent in die Tat umsetzen zu wollen.

Sascha Lobo ist sicherlich einer der bekanntesten Vordenker, Experten und Moderatoren des digitalen Wandels innerhalb der Publikationswelt, sein roter Irokesen-Haarschnitt ist längst zum Marken- und Erkennungszeichen geworden. Diesen Bekanntheitsgrad hat er sich durch nahezu unheimliche Geschäftigkeit als Medienwissenschaftler, Publizist, Blogger und Twitterer, als Vortragender und ja, auch nicht zuletzt, als klassischer Buchautor erworben. Zudem ist er einer, der sich freimütig in die heißen Diskussionen der Zeit einklinkt, einer, der seine Meinung sagt, seine Position vertritt, auch dann, wenn das dem jeweiligen Auditorium nicht immer gefällt. Genau deshalb wird er aber auch so gerne für Vorträge gebucht: weil er sich eben traut, sich erst schemenhaft abzeichnende Entwicklungen in knackige Worte zu fassen und mit heißen (manchmal auch heißblütigen) Thesen, sein Publikum zu verblüffen.

Und nun gibt er also, natürlich nicht ganz ohne Augenzwinkern, bekannt, die Seiten wechseln und, zusammen mit Partnern wie Christoph Kappes, einen eigenen Verlag gründen zu wollen. Dieser solle „Sobooks“ heißen und „nicht vor Ende des Jahres“ an den Start gehen. Wer Lobos Prokrastinations-Standardwerk „Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin“ gelesen hat, weiß, was der Berufsirokese damit meint. Dennoch, sollte „Sobooks“ wirklich an den Start gehen, wird es ein hochinteressantes Unternehmen sein, beruht dessen Firmenphilosophie doch auf 14 provokanten Thesen zur Zukunft des Verlagswesens, die Lobo zum Opening der Jahrestagung in Berlin vorstellte.

Darunter finden sich (für Brancheninterne) so atemberaubende Ideen wie „Das ‚Produkt Buch’ müsse zum ‚Buch als Service’ werden“, der Produktpreis müsse langfristig gegen Null gehen, dafür werde in Zukunft ein Finanzierungsmodell über den Service „drumherum“ gebraucht. Die Integration von Multimedia, bislang oft als Allheilmittel für digitales Publizieren gehandelt, löse dagegen nicht das Problem, schaffe aber neue Zielgruppen. Des Weiteren gehörten Aufbau und Pflege von Autorencommunities sowie die Bereitstellung von adäquaten Präsentationskanälen für lebendige Inhalte unbedingt zum Serviceangebot. Texte der Zukunft werden, so Lobo, prozessual, veränderbar und lebendig gestaltet sein, die Interaktion zwischen Autor und Leser werde enorm an Bedeutung zunehmen, bis schließlich die Grenze zwischen beiden Sphären verschwimmen werde. Hinzu kommt Lobos Idee der Social Reading Experience, der Möglichkeit nämlich, direkt beim Lesen mit anderen Lesern in Kontakt treten, Kommentare abgeben und teilen sowie Empfehlungen aussprechen zu können.

Ein „Buch“, das wird in Zukunft vielleicht am Besten beschrieben werden als der Ort, an dem (viele) Leser und Autoren (gleichzeitig) interagierend zusammenkommen. Im Grunde genommen ist diese These aber gar nicht so neu, auch wenn sie bisher wenig (öffentlich) diskutiert wurde. Sie deckt sich beispielsweise weitestgehend mit der Idee vom „Buch der Zukunft als sozialer Ort“ des „institutes for the future of the book“, die ich hier bereits vorgestellt hatte.

Die Frage aber, die sich vor allem im Zusammenhang der AKEP-Jahrestagung stellte, war doch: Was bedeutet denn eine solche Zukunftsperspektive für die Verlagslandschaft? Nun, zum einen lässt sich sicher sagen, Verlage werden auch in Zukunft gebraucht werden. Zum Beispiel als diejenige Institution, die den Zugang zu jenem sozialen Ort, formerly known as „book“,  auf einer speziell dafür vorgesehenen Plattform bereitstellt, als Trägermedium und Servicekraft und als diejenige Position, die die Inszenierung einer Geschichte vorantreibt, die den Zusammenhang herstellt, Heimathafen und fester Ankerplatz ist für den sich im Fließen und im Sich-Verändern begriffenen Text.

An dieser Stelle angekommen, gebe ich zu, dieses Modell ist nach wie vor reichlich abstrakt, viele weiße Bereiche im losen Gedankenkonstrukt gilt es sicher in den kommenden Jahren noch zu Füllen. Auch bleiben genug bange Fragen: Welche Art von Texten werden wir in Zukunft von diesen sozialen Orten zu erwarten haben? Gibt es oder braucht es “Kontrollinstanzen” für die Entwicklung einer Geschichte? Wer bändigt in Zukunft Trolle, Shitstorms und Konsorten? Sascha Lobo würde vermutlich empfehlen, was er auch als Reaktion auf das Thema Piraterie vorschlägt: Einfach ignorieren! Das spare Geld und man schlafe besser. Man müsse schlichtweg hinnehmen, dass es in der (digitalen) Gesellschaft „10 bis 15% Arschlöcher“ gebe. Diese seien selbiges aber glücklicherweise in der Regel nur temporär. Mit etwas Geduld könne sich das Problem von alleine lösen.

Ohnehin gibt es dringendere Fragen. Werden Verlage in Zukunft tatsächlich nicht mehr viel mehr als „Buchstabenverkäufer“ darstellen? Vorbei die Zeit der Mitgestaltung einer kulturellen Literaturszene? Und ja, ohne empörten Urhebern der Gegenwart zu nahe treten zu wollen, wie alle diese (von vielen Akteuren gemeinsam geschaffenen) Geschichten der Zukunft mit einem Urheberrecht in Einklang zu bringen sein könnten, das wird eine richtig harte Nuss. Erleben wir auch beim Medium Buch die endgültige Abkehr von der Vorstellung des originären Geniegedankens (seit dem 18. Jahrhundert personifiziert durch den Autor, bald in freundlicher Beratung durch seinen Lektor/Verleger) hin zur schwarmschlau sich selbst bildenden und kontrollierenden Massenkontribution?

Wer will diese Fragen schon beantworten? Wer traut sich an eine solche Prognose heran? Aber genau deshalb wird er ja auch immer wieder so gerne eingeladen, der Herr Sascha Lobo, weil er, ich wiederhole mich, sich eben traut, sich erst schemenhaft abzeichnende Entwicklungen in knackige Worte zu fassen. Aber diesmal haben wir ein ganz besonderes Versprechen bekommen: Wir werden sehen, ob uns „sobooks“ als Modell des neuen Publizierens die Augen öffnen kann. Spannend wird es allemal. Insofern wünschen wir Herrn Lobo viel Erfolg bei der Umsetzung seiner Idee.

Christian Sachseneder

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