Umberto Eco über Bücher als pflanzliches Gedächtnis

July 12, 2012

Überlieferte Schätze

Auch Umberto Eco kommt nicht umhin, sich mit der Bedeutung von Büchern in der heutigen Zeit kritisch auseinanderzusetzen. Kürzlich habe ich dazu einen spannenden Aufsatz gefunden, der 2006 im Original erschien: „Das pflanzliche Gedächtnis“ (in: Eco, Die Kunst des Bücherliebens, 2011). Darin reflektiert Eco in gewohnter Eloquenz eine sehr wichtige Funktion von Büchern: die Bewahrung von Erinnerungen, von Geschichte und Wissen. Um die Welt um uns herum zu verstehen, sind wir auf Wissensspeicher angewiesen. Das gilt sowohl für einzelne Menschen als auch für größere Gemeinschaften: ohne Überlieferung ist alles Vergangene verloren. Aber welches Medium ist dafür das richtige?

Anhäufen oder selektieren?

Immer, wenn es darum geht, Wissen weiterzugeben, steht dem Wunsch nach Vollständigkeit die Notwendigkeit von Selektion gegenüber. Unser Gedächtnis kann viel leisten, aber natürlich kann es nicht jedes Detail behalten. Im Gegenteil, es ist sogar eine wichtige Aufgabe unseres Gehirns, eingehende Informationen nach Relevanz zu sortieren und gegebenenfalls auch wieder zu löschen. Während dem Menschen als Mittel zur Überlieferung in grauer Vorzeit nur die Sprache zur Verfügung stand und die Alten am Feuer ihr Wissen an die Jungen weitergaben, stehen uns heute durch die elektronische Speicherung schier unendliche Datenmengen zur Verfügung. „Es gibt kein größeres Schweigen als den absoluten Lärm“, sagt Eco – die vorhandene Flut an Informationen kann der Mensch nicht verarbeiten, ohne Selektion ist sie nutzlos. Hier zeigt sich eine Grundqualität von Büchern, unseres „pflanzlichen Gedächtnisses“, also der in Form von Schrift auf Papier festgehaltenen Erinnerungen und Erkenntnisse. Zugegeben, auch an Büchern herrscht bisweilen Überfluss und wir müssen eine Wahl treffen, doch jedes Buch für sich birgt eine abgeschlossene Einheit ausgewählter Inhalte. Gewiss können sich diese untereinander auch widersprechen – aber genau damit lehren sie uns, Inhalte kritisch zu bewerten. Und sie helfen uns, Muster und Schemata zu bilden, zu selektieren und damit Orientierung zu finden.

Wie schon die Alten sungen … – die Macht des geschriebenen Wortes

Ein Buch regt dazu an, sich zu fragen, wer die präsentierten Inhalte ausgewählt hat und unter welchem Gesichtspunkt. „Wir versuchen es nicht bloß zu entziffern, sondern suchen auch einen Gedanken zu interpretieren, eine Absicht.“ Durch diese permanente Befragung, den Dialog mit dem Medium, wird ein Kult des Buches möglich, der es zugleich zu einem Symbol der Wahrheit werden lässt. Während wir unser eigenes Gedächtnis oft in Zweifel ziehen, nutzen wir das pflanzliche Gedächtnis gerne als Argumentationshilfe: So steht es geschrieben! Bücher sind für uns, was einst die Alten waren. Sie besitzen Autorität, ihr transferiertes Wissen ist wertvoll und sorgsam ausgewählt. Durch sie können wir neben unserem eigenen viele weitere Leben leben.

Lesen Sie, sollten Sie Gelegenheit dazu haben, Ecos bildreichen Aufsatz – er ist eine mitreißende Liebeserklärung an das Buch!

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