Requiem auf das gedruckte Buch?

July 20, 2012

Gedanken zu unserer Wertschätzung eines bedrohten Mediums

Seit Jahren begleitet ihn auf seinen Reisen stets eine 250 GB-Festplatte mit allen wichtigen Werken der Weltliteratur, dennoch ist er immer ein entschiedener Liebhaber des gedruckten Buches geblieben: Umberto Eco! Seine Lobeshymnen auf unsere papiergebundenen Kulturschätze sind Balsam auf die dieser Tage geplagten Büchermacherseelen. Gerne hören wir seine Bekenntnisse. Und doch kostet es uns immer mehr Mühe, stichhaltig zu belegen, worin der unersetzbare Wert der gefüllten Bibliotheksregale eigentlich begründet liegt.

Ja, wir lieben unsere Bücher, aber warum eigentlich?

In puncto Mobilität, Verbreitung und Verfügbarkeit überzeugt das Format E-Book längst auf der ganzen Linie. Selbst das Leseerlebnis wird dank nicht-spiegelnder E-Ink-Technologie zunehmend als zumindest äquivalent beschrieben. Wer beim Lesen nicht auf ein gewohntes Buch-Gefühl verzichten möchte, der kann sich beim Seitenwechsel eine „Umblätter-Animation“ anzeigen lassen, auf manchen Readern lässt sich dazu sogar ein kitschiger Papier-Raschel-Sound abspielen. Fast wird auf dem digitalen Lesegerät also ein „echtes“ Leseerlebnis simuliert. Fast! Denn ein Buch spricht in seiner Materialität natürlich eine Vielzahl von Sinnen des Lesers an, ein multisensorisches Erlebnis, das sich so sicher nie vollständig simulieren lässt. Aber kann es denn wirklich sein, möchte ich überspitzt formulieren, dass die Entscheidung darüber, auf welchem Trägermedium wir in Zukunft lesen möchten, beispielsweise davon abhängig ist, wie selbiges riecht? Es ist doch geradezu seltsam, wie häufig derzeit durch alle Medien über die olfaktorischen Qualitäten des gedruckten Buches gesprochen wird. Haben wir wirklich, bevor die Diskussion um digitale Buch-Surrogate zum Medienereignis geworden ist, bei der Lektüre im Stillen den Duft bedruckter Seiten goutiert? Ist es vielleicht vielmehr nur nostalgische Neigung, eine romantisch idealisierte Erinnerung, die uns das Bucherlebnis 1.0 überbewerten lässt?

Gehört die Zukunft allein dem digitalen Buch? Sollten wir das Unvermeidbare einfach akzeptieren?

Vor wenigen Wochen lehnte sich Tom Hillenbrand (erfolgreicher Romanautor und Wirtschaftsjournalist, u. a. für Spiegel Online) mit seinen „Zehn steilen Thesen zum E-Book“ auf gewohnt provokante Weise aus dem (digitalen) Fenster seines Blogs auf Netzfundbuero.de: Darunter so schmerzliche Prognosen wie, in 20 Jahren werde es (fast) keine Buchläden mehr geben, alle Bereiche des Buchmarktes wären dann digitalisiert sein und auch den (herkömmlichen) Verlagen gehe es deutlich an den Kragen, gingen doch wesentlich mehr Autoren dazu über, ihre Werke in Eigenregie zu veröffentlichen. Gerade weil sich mit Hillenbrand hier ein bekannter Autor äußerte, also einer, der selbst mit seinen Werken von dem prognostizierten Wandel betroffen ist, der durchaus als nicht unbedeutender „Player“ des Buchmarkts wahrgenommen wird, einer, dem man aber auch anmerkte, dass er seine Prognosen mit einer gewissen Portion Bedauern abgab, befeuerten die Thesen einmal mehr die hitzige Diskussion um die Zukunft des Buches. Und diese Diskussion wird zunehmend emotional geführt, man erinnere sich, um ein nur leicht entferntes Beispiel zu nennen, an die „Shitstorms“ und Drohungen, die Unterzeichner der „Wir sind die Urheber“-Kampagne im Internet über sich ergehen lassen mussten. Ohne hier auf die Details dieser Debatte einzugehen, kann sie doch verdeutlichen, wie sehr und wie breit das Thema Bücher zu mobilisieren vermag.

Warum liegt uns so viel am Buch? Eine filmische Spurensuche

Auch wenn wir immer noch weit davon entfernt sind, abschließende Aussagen darüber zu treffen, wie Literatur und wie Bücher in Zukunft aussehen werden oder sollten, es ist immerhin großartig zu sehen, dass eine fruchtbare Diskussion darüber geführt wird. Ins Feld geführt werden Argumente zur Haltbarkeit, zur Verfügbarkeit oder zum Verbreitungsgrad von Wissen und Kultur. Ebenso spannend wird etwa über anthropologische Aspekte debattiert: das Buch entspreche in seiner über die Jahrhunderte ausgeklügelten Gestaltungs- und Wesensform schlichtweg physiologischen, psychologischen oder auch sozialen Bedürfnissen des Menschen. An dieser Stelle geht es mir aber stärker um ästhetische Qualitäten. Deshalb möchte ich als Anregung ein wunderbares Video empfehlen, nämlich eine Dokumentation vom April 2012 mit dem vielversprechenden Titel „The future of print“. Regisseurin Hanah Ryu Chung hat eine Reihe ausgewiesener Buchmenschen interviewt, darunter Grafiker, Setzer, Drucker, Buchhändler und Verleger. Der Film vereint zahlreiche sehr persönliche An- und Einsichten und gerät so zu einer bildreichen Suche nach dem Proprium, nach der Faszination und dem Wert des gedruckten Buches. Ich wünsche viel Vergnügen und gute Inspiration!

EPILOGUE: the future of print from EPILOGUEdoc on Vimeo.

 

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