Wann ist ein Buch ein Buch?

August 23, 2012

Vor einigen Wochen habe ich bereits berichtet, dass der Börsenverein des Deutschen Buchhandels seit einiger Zeit beharrlich vom „Prinzip Buch“ spricht. Heute möchte ich mich einmal genauer mit diesem neuen Begriff auseinandersetzen: Was meint er eigentlich, was umfasst er und was nicht? Mit anderen Worten: Was wird auch in Zukunft aus einem Buch ein Buch machen?

Verpackung und Content

Die Coffee Table Books, mit denen ich mich anlässlich des neuen Billy-Regals auseinandergesetzt habe, betonen eine äußerliche Eigenschaft des Buches: Als physisch erlebbarer Gegenstand verdinglicht das Buch gewissermaßen seinen Inhalt. Es ist eine Verpackung und dient damit auch der Repräsentation. Dass wir es in Regalen im Wohnzimmer aufbewahren oder auf dem Couchtisch neben dem Sofa, zeigt auch unser Bewusstsein für die Rolle des Buches bei der Selbstdarstellung in sozialen Beziehungen. Beim Coffee Table Book spitzt sich das noch einmal zu, ist so ein Bildband doch gewissermaßen Corporate Publishing für Privatpersonen: Ein Buch über italienische Villen aus Renaissance und Barock soll wartenden Gästen Vergnügen bereiten und sagt zugleich etwas über den Gastgeber aus, unter anderem, dass dieser sich für Architekturgeschichte interessiert.

Das Buch erschöpft sich aber natürlich nicht darin, Verpackung zu sein. Es hat auch einen Inhalt – oder neudeutsch: Content. Wie sieht der aus? Typischerweise ist es hauptsächlich Text – entweder eine Sammlung kürzerer Beiträge oder ein einzelnes längeres Werk. Andere Inhalte verstehen sich meistens als Ergänzung zum Text. Und typischerweise ist der Inhalt eines Buches sehr gut aufbereitet – der Konsument wird durch eine verständliche Gliederung, durch narrative oder argumentative Strukturen geführt, außerdem gilt der Inhalt als qualitativ hochwertig. Deshalb haftet dem Buch in vielen Fällen auch der Nimbus des „ewig Gültigen“ an. Es ist in sich abgeschlossen, „ganz“ und ermöglicht damit eine besondere Form der Auseinandersetzung, die ich bereits in anderem Zusammenhang beschrieben habe.

Der Computer als Allesfresser

Die beiden letztgenannten Aspekte sind es aber auch, die nun durch technische Entwicklungen herausgefordert werden: durch Multimedialität und Digitalisierung.

Immer schon war es technisch möglich, Bücher zu illustrieren. Erst in den letzten 150 Jahren entstand aber die Fähigkeit, auch Töne und Bewegtbilder zu speichern. Die Speichertechnik war dabei jeweils an das zu speichernde Material angepasst. Filme und Musikaufnahmen traten deshalb in Konkurrenz zum Buch, drohten aber nicht, dieses aufzulösen. Diese Gefahr (die in Wahrheit eine Chance ist) entstand erst, als sich die Computertechnik all dieser Inhalte bemächtigte. Dieser Vorgang selbst ist recht komplex: Zum einen geht es um die Vereinheitlichung des Speichermediums – Filme, Musikaufnahmen und Texte lassen sich alle digitalisiert (und damit in gleicher Form) speichern. Zweitens entstand im Computer ein Gerät, das diese unterschiedlichen Inhalte wiedergeben kann, weil es einen sowohl für Bilder als auch für Text geeigneten Bildschirm und Lautsprecher besitzt. Und schließlich ermöglicht der Computer die flexible Kombination der Elemente, weil er von jeher mit der Vorstellung des Programmierens verbunden ist.

Anders als der Tonfilm, der auch schon Text, Ton und Bilder verband, erlaubt das „enriched E-Book“ oder das Computerspiel zusätzlich die selbstbestimmte Aneignung durch den Konsumenten, wie sie so typisch für das Buch ist. Beim Film ist mir die Konsumgeschwindigkeit vorgegeben, im gedruckten Buch kann ich blättern. Bei Apps, enriched E-Books und Computerspielen beeinflusst mein Verhalten sogar den Inhalt, die narrative Struktur.

Ein weites Feld statt klarer Grenzen

Wenn wir das Buch von seinen Geschwistern abgrenzen wollen, bekommen wir es also mit mindestens zwei Dimensionen zu tun. Die erste ist die Dominanz der Schrift. Verlangen wir in Büchern vor allem schriftlich fixierten Text, so fallen Computerspiele und Spielfilme als Bücher weitgehend aus. Allerdings sind dann auch Bilderbücher und Coffee Table Books bedroht – vor allem aber Hörbücher, die sich im Gegensatz zu den eben genannten auch nicht dadurch als Bücher „retten“ lassen, dass sie Seiten und einen Einband besitzen. Sind Hörbücher dagegen Bücher, dann sollten Spielfilme eigentlich auch welche sein – Schaubücher eben.

Die zweite Frage ist die der aktiven Aneignung durch den Konsumenten. Auf dem Weg vom reinen E-Book über das um Filme, Bilder, Musik und spielerische Elemente ergänzte E-Book zum ausgewachsenen Computerspiel nimmt die Gestaltungsleistung des Konsumenten zu, die Linearität ab. Hier kann man wohl nur willkürlich eine Grenze ziehen.

Eine weitere Frage stellt sich, wenn die Interaktion des Konsumenten sich nicht nur auf das „Buch“ selbst, sondern auch auf den Autor, die Autorin oder das Autorenteam bezieht. Damit geraten die sozialen Beziehungen in den Blick, die sich rund um die Buchproduktion gebildet haben. Auch diese reflektieren zum Teil die Produktionsstruktur. Bücher werden ja auch deshalb so sorgsam strukturiert, lektoriert und gestaltet, weil sie anschließend in möglichst hoher Auflage verkauft werden sollen. Sie sind deshalb umgeben von der speziellen Aura der Gegenstände aus Massenproduktion, einer kühlen Perfektion. Es ist heute aber denkbar, einen unfertigen Text in elektronischer Form zu publizieren und ihn dann gemäß den Rückmeldungen des Publikums nach und nach zu verbessern. Oder ihn durch die Gemeinschaft der Leser und Leserinnen strukturieren und lektorieren zu lassen. Die Rollen von Autorin, Lektor und Leserin würden sich durch ein solches Vorgehen beträchtlich wandeln. Aber entspräche das noch dem „Prinzip Buch“? Oder ist das Buch notwendigerweise ein in sich abgeschlossenes, vollkommenes Ganzes?

Der Übergang vom Buch zum Prinzip Buch ist also keinesfalls trivial. Der neue Begriff spricht aber viele virulente Themen an und spitzt sie auf die fruchtbare Fragestellung zu, was unser Leben mit den Büchern eigentlich ausmacht und was es davon zu bewahren gilt. Der Börsenverein zeigt mit der Einführung dieser Formel deshalb nicht nur seine Bereitschaft, einem grundlegenden Wandel seines ureigenen Gegenstandes Rechnung zu tragen – er vereinigt und fokussiert auch Diskurse, um die Auseinandersetzung produktiver werden zu lassen.

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