Wie werden medial präsentierte Inhalte eigentlich wahrgenommen?

September 13, 2012

Jeder hat wohl eine Vorstellung davon, wie er mediale Informationen aufnimmt. Wir alle vertrauen manchen Medien mehr als anderen, gehen bei manchen eher davon aus, gut und umfassend informiert oder kulturell bereichert zu werden, während wir bei anderen mit eher oberflächlicher Unterhaltung und Zerstreuung rechnen und von einigen erwarten, wirklich etwas zu lernen. Aber welche Hebel, welche Mechanismen sind es eigentlich, die unsere Wahrnehmung beeinflussen und steuern? Was passiert in unserem Gehirn, wenn wir ein Medium nutzen, ein Buch, einen E-Reader oder eine Zeitschrift zur Hand nehmen, eine Website anschauen, ein Blog lesen? Besonders interessant ist dies natürlich für Autoren, die wollen, dass ihre Inhalte in einer bestimmten Weise wahrgenommen werden.

Ein Wermutstropfen vorneweg: Die Forschung scheint weit davon entfernt, diese Fragen hinreichend beantworten zu können. Dennoch gibt es in vielen Forschungsbereichen interessante Ansätze dazu.

Haptik und Multisensorik

Ein wichtiger Aspekt ist für die Wissenschaftler beispielsweise die Tangibilität (Berührbarkeit), die Printprodukte von elektronischen Medien unterscheidet. Die Trendforscherin Lola Güldenberg macht darauf aufmerksam, dass taktile Einflüsse starke Auswirkungen auf unser Verhalten und unsere Einschätzungen haben. Tests belegen, dass die Annahme der Wertigkeit eines Produkts mit seinem Gewicht in Verbindung steht. Überhaupt fallen viele mögliche Kriterien in den Bereich der Haptik. Im Haptik-Forschungslabor der Universität Leipzig wird dazu unter Leitung von Martin Grunwald Grundlagen- und Auftragsforschung betrieben. Es ist möglich, ganz gezielt die Wahrnehmung von Oberflächenbeschaffenheiten und anderen haptischen Elementen zu untersuchen; solche Studien werden jedoch meist im Auftrag der Industrie durchgeführt und dienen dem Interesse der Produktentwickler. Öffentlich verfügbare Erkenntnisse gibt es dazu dagegen kaum.

Über die reine Haptik hinaus gehen Untersuchungen zur Multisensorik. Forschungen der Ruhr-Universität Bochum haben ergeben, dass das Gehirn besonders stark stimuliert wird, wenn mehrere Reize wie Optik, Formgebung und Oberflächenbeschaffenheit gleichzeitig eingehen. Diese Erkenntnisse können sicher für die Entwicklung wirkungsvoller Medienkonzepte genutzt werden.

Leseforschung

Ein weiteres bedeutendes Feld zur Wirkung von gedruckten oder elektronischen Medien ist die Leseforschung, die neuerdings auch vergleichende Studien zum Lesen auf Papier und im elektronischen Bereich anbietet und damit unter anderem zur Beantwortung der Frage herangezogen werden kann, welche Wahrnehmungseffekte zu erwarten sind. Hier liegt eine Mainzer Lesestudie von Stephan Füssel et al. vor, deren erste Ergebnisse zeigen, dass man nicht generell davon ausgehen kann, das Lesen elektronischer Texte sei bezüglich der Konzentration und Aufnahmefähigkeit, aber auch der nachhaltigen Erinnerung mühsamer oder wirkungsärmer als das von Printartikeln. Die vollständige Auswertung wird nach Auskunft der Forschungsgruppe voraussichtlich noch 2012 publiziert.

Neurologische und erziehungswissenschaftliche Aspekte

Noch nicht klar einschätzbar ist sicher auch, inwieweit das häufige Lesen elektronischer Texte gerade im Onlinebereich dazu führt, dass nur noch ein oberflächliches Verständnis möglich ist und der Leser nicht mehr wirklich in Texte eintaucht, sie versteht und eine Emotionalität dazu entwickelt. Das Medium beeinflusst die Intensität der Wahrnehmung. Es scheint, dass gerade die kontrollierbare Geschwindigkeit beim Lesen eines Buch- oder Zeitschriftentextes die Qualität der Kognition erhöht, so Maryanne Wolf vom Center for Reading and Language Research an der Tufts University in Massachusetts (Autorin des vielbeachteten Sachbuches „Das lesende Gehirn“). Der Mensch braucht etwas „Langsamkeit“, um denken, reflektieren und planen zu können. Außerdem sind die kognitiven Verknüpfungen, die wir brauchen, um zu lesen, nicht angeboren. Das bestätigt auch Gerald Hüther, der die Zentralstelle für neurobiologische Präventionsforschung der psychiatrischen Universität Göttingen leitet. Das Lesenlernen mit verschiedenen Medien beeinflusst die Hirnstrukturen und so auch die intellektuelle Entwicklung. Der Zeitraum des Lesenlernens und damit der Entstehung der Leseverknüpfungen bedarf daher einerseits einer besonders gründlichen wissenschaftlichen Untersuchung und andererseits einer besonderen pädagogischen Aufmerksamkeit.

Gesellschaftliche Funktionen

Der Lehrstuhl für Buchwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg beschäftigt sich speziell mit dem Medium Buch und setzt eher auf der strukturellen Ebene an. Das Institut betreibt Buchforschung nicht am Gegenstand „Buch“, sondern geht von einem systemischen Zusammenhang zwischen den Organisationen der Herstellung und Verbreitung (Verlag und Buchhandel), der Institutionalisierung des Mediums Buch in der Gesellschaft und den Funktionen und Leistungen von Buchkommunikation im Mediensystem aus. Ursula Rautenberg, Leiterin des Instituts, beschäftigt sich unter anderem mit der sozialen Zeichenwirkung von Büchern.

Ein weites Feld

Aber auch in vielen weiteren Bereichen werden Informationen generiert, die zum besseren Verständnis unserer Wahrnehmung von Medieninhalten herangezogen werden könnten. Psychologen wie Gerd Gigerenzer vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung untersuchen unser, auch unbewusstes, Entscheidungsverhalten, in der Neurologie betrachten Forscher wie Ernst Pöppel, welche Stimulanzien zu welcher Gehirnaktivität führen, welche Bilder, Überschriften oder Schrifttypen etwa erregen, faszinieren oder ärgern. Die Liste ließe sich sicher noch lange fortsetzen.

Was jedoch aussteht, ist, all diese Ergebnisse speziell auf die Wahrnehmung von Medien bezogen zusammenzuführen und auszuwerten. Eine echte Herausforderung, die für eine zielgerichtete Medienentwicklung aber von großem Wert wäre. Autoren werden sich diese Erkenntnisse zukünftig immer mehr vor Augen führen müssen, um den sich verändernden Wahrnehmungskanälen und -wegen Rechnung tragen zu können.

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