Wie das Internet unsere Art zu lesen verändert

November 7, 2012

Macht uns das Lesen am Bildschirm dumm? Zerstört das Internet unsere Fähigkeit, komplexe Texte zu verstehen? Oder geht es bei der Diskussion über die digitale Revolution um ganz andere Fragen?

Manfred Spitzer hat mit seinem im Sommer erschienenen Buch „Digitale Demenz“ die Debatte um die Vor- und Nachteile der digitalen Technologie erneut befeuert. Sein neuestes Werk traf aber weitgehend auf eher ablehnende bis vernichtende Kritik. Die Auswirkungen des Computers und seiner Verwandten auf Bildung und Kultur seien differenzierter zu betrachten. Und in der Tat vermischen sich in der Diskussion regelmäßig mehrere Ebenen. Die schon angesprochene Mainzer Lesestudie hat ja auch gezeigt, dass die Technik – bedrucktes Papier oder Bildschirm – für das Lesen selbst unerheblich ist.

Die Bedeutung des Kontextes

Im Kern geht es in der Debatte um die digitale Revolution des Lesens um kulturelle Kontexte. Lesen ist schließlich nicht natürlich, sondern eine Kulturtechnik – und aus der Perspektive der Entwicklung des Menschen relativ jung. Uns erscheint die Schriftkultur nur deshalb alt, weil wir hauptsächlich als geschichtlich wahrnehmen, was schriftlich festgehalten wurde. Lesen als Massenphänomen gibt es erst seit ein paar Generationen – fast zu jedem Zeitpunkt in den vergangenen 6000 Jahren war die Mehrheit der Menschen des Lesens nicht mächtig.

Entsprechend ist das „analoge“ Lesen kein monolithischer Block – babylonische Gutsverwalter, Theologiestudenten des Mittelalters, die Mimi aus dem Schlager, die ohne Krimi nicht ins Bett ging, und SMS-Schreiberinnen der Jahrtausendwende: Sie alle haben auch unabhängig von der Technik ganz unterschiedlich gelesen. So wie sich heute die Lektüre eines wissenschaftlichen Artikels von der eines Romans und der eines Artikels aus der Bunten unterscheidet. Deshalb ist der Zusammenhang zwischen Technik und Leseakt eher indirekt: Neue Medien ermöglichen neue Formen wirtschaftlichen und sozialen Austauschs, und diese prägen dann die Gewohnheiten des Lesens.

Lesen als Training des Gehirns

Das gelingt dank der Plastizität des menschlichen Gehirns: Dieses passt sich den Anforderungen seiner Umgebung an. Nur deshalb können wir überhaupt das Lesen lernen – das Gehirn ist nicht auf die Umgebung der Steinzeit festgelegt, auch wenn wir einiges an genetischem Erbe aus dieser Zeit mit uns herumschleppen. Die Folge dieser Anpassungsfähigkeit: Wir lernen, was wir tun. Und das bedeutet auch, dass wir mit unserem alltäglichen Handeln ggf. Fähigkeiten verstärken, die wir gar nicht stärken wollen.

Vieles vom Unbehagen gegenüber dem „Digitalen“ scheint auf Beobachtungen zu beruhen, wie sie Maryanne Wolf im buchreport.magazin von August 2012 schildert: Nach jahrelangem flüchtigen, oberflächlichen Lesen im Internet habe ihr die Lektüre von Hesses „Glasperlenspiel“ keinen Genuss mehr geboten – sie hatte verlernt, sich gefühl- und fantasievoll mit dem Text auseinanderzusetzen. Dem Buch steht hier nicht das E-Book gegenüber, sondern „das Internet“.

Unsere Verwendung des Internets

Aber warum ist die dortige Lektüre „flüchtiger“, „oberflächlicher“? Das liegt nicht an der Technik – weder am Bildschirm, noch am HTML-Code. Sondern daran, wie diese neue kulturelle „Leinwand“ bespielt und genutzt wird. An der Nähe redaktioneller Inhalte zu Werbeanzeigen, die mit grafischen Elementen und Bewegtbildern vom eigentlichen Inhalt ablenken. An einem allgemeinen Kampf um Aufmerksamkeit, der auf journalistische Formen setzt, auf kurze Sätze und einfache Geschichten.

Das Internet hat zudem eine neue Freizeitbeschäftigung ermöglicht: das Surfen. Viel einfacher als in einer Bibliothek (und das sogar auf dem eigenen Sofa) kann man sich im Internet innerhalb kurzer Zeit mit ganz unterschiedlichen Themen beschäftigen. Die oberflächlichere Auseinandersetzung mit vielem (statt der intensiven Auseinandersetzung mit einem einzigen Roman beispielsweise) ist aber zunächst einmal wertfrei einfach eine andere Art, die eigene Intelligenz zu füttern. Ob es sich dabei um einen Gewinn oder einen Verlust handelt, lässt sich nur bewerten, wenn man einen Zweck der Tätigkeit unterstellt.

Spuren der Arbeit

Und hier kommt ein weiterer sozialer Aspekt ins Spiel: die Arbeit. Aus der Wirtschaft werden üblicherweise die Ansprüche abgeleitet, an denen sich die Fähigkeiten des einzelnen zu messen haben. Andererseits verstärkt das moderne Arbeitsleben aber vermutlich die Abwendung vom „tiefen“ Lesen. Wenn alles schneller werden muss, wenn die Datenverarbeitung gegenüber dem Verstehen an Bedeutung gewinnt, leidet die intensive Auseinandersetzung mit Texten gegenüber der Verwertung von Quergelesenem.

Hinter der Diskussion um unterschiedliche Medien steckt also – wie so oft – eigentlich die Frage, wie wir unser Leben führen wollen, was wir als Wertschöpfung begreifen und wie wir diese Wertschöpfung in und außerhalb von Unternehmen organisieren.

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