Klimper, Klimper – Ich bitte um Eure Aufmerksamkeit

November 23, 2012

Facebook bietet in den USA Promoted Posts für private Accounts an

Facebook gehört mittlerweile bei vielen von uns zum Alltag. Weltweit nutzen 900 Millionen Menschen und Institutionen das soziale Netzwerk. Doch was passiert, wenn Facebook sich selbst kommerzialisiert? Für die in den USA lebenden Nutzer ist dies seit einigen Wochen Realität – in Form von „Promoted Posts“.

Kritik an Facebook – ein Dauerbrenner

Ein bekannter Leitsatz der 68er Bewegung lautet: „Das Private ist politisch. Und das Politische ist privat.“ Im Zeitalter von Social Media könnte dieser Spruch nun in „Das Private ist öffentlich. Und das Öffentliche ist privat.“ umgemünzt werden. Das behaupten zumindest die zahlreichen Kritiker von Facebook, die seit Jahren beanstanden, dass personenbezogene Daten weitergegeben, personalisierte Werbung geschaltet und gegen zahlreiche Persönlichkeitsrechte verstoßen wird. Für seinen schludrigen Umgang mit der Privatsphäre wurde der Internetgigant 2011 denn ja auch mit dem Big Brother Award ausgezeichnet.

Bezahlte Aufmerksamkeit

Neben den bekannten Datenschutzproblemen, gegen die Facebook nur wenig unternimmt, gibt es jetzt eine Neuerung, die ebenfalls einen Sturm der Entrüstung auslösen könnte: private Promoted Posts.

Hierbei handelt es sich um die Möglichkeit, auf den eigenen Post, also den eigenen Beitrag, noch einmal besonders aufmerksam zu machen – und zwar gegen Geld. Für rund sieben Dollar kann man seinem Post einen besonderen Popularitätsschub verleihen. Dies war bisher nur Unternehmen möglich, doch seit einigen Wochen kommen auch private Nutzer in den USA in den Genuss dieses Angebots. Testläufe gab es dazu bereits seit Mai dieses Jahres.

Möglich sind Promoted Posts für alle Arten von Beiträgen: Statusmeldungen, Fotos, Angebote, Videos und Fragen. Angepriesen wird der Promoted Post z. B. für besonders wichtige Nachrichten, wie etwa die Mitteilung, dass man bald heiraten wird. Spätestens hier legt sich die Stirn in Falten: Lag der große Vorteil von Facebook nicht immer darin, dass es sich um ein freies und in jedem Fall kostenloses Netzwerk handelt? Und ist es nicht etwas seltsam, wenn man (umgerechnet) 5,40 € investiert, damit „Freunde“ den eigenen Beitrag auch wahrnehmen? Oder anders gefragt: Wer bitte ist ernsthaft bereit, dafür zu bezahlen, dass seine Freunde die Beiträge im Newsfeed auch ansehen? Kratzt das dann nicht am Selbstwertgefühl? Und wie wenig interessieren wir uns eigentlich mittlerweile für einander, wenn wir nicht mehr darauf reagieren, wenn jemand so ein wichtiges Ereignis wie seine bevorstehende Hochzeit verkündet?

Lukratives Geschäftsmodell

In jedem Fall ist interessant, ob und wie häufig die Facebook-Nutzer in den USA von dem neuen Angebot Gebrauch machen werden. Erweist sich das Geschäftsmodell entgegen meiner Skepsis als lukrativ, wäre das natürlich gut für Facebook. Vielleicht nicht für sein Image, aber mit Sicherheit für seine Bilanz. Denn trotz steigender Nutzerzahlen schrumpft der Gewinn und ist je Nutzer erstaunlich gering.

Fazit

Kann man sich Aufmerksamkeit erkaufen? Ja, natürlich kann man das. Dafür gibt es Anzeigenteile, die jedes Medium – ob im Print- oder Digitalbereich – gerne und auch notwendigerweise anbietet. Das macht auch Facebook schon lange und das ist sicher legitim. Doch mit der Möglichkeit der Promoted Posts könnte die Kommerzialisierung des Privaten eine neue Ebene erreichen, die meines Erachtens besorgniserregend ist. Ist Facebook damit erfolgreich und wird das Angebot auf alle Accounts erweitert, dann muss der 68er Spruch vielleicht schon bald erneut umgedichtet werden. Vielleicht etwa so: „Nur durch viel Geld wird das Private öffentlich. Sonst bleibt’ s privat.“

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