Warum schnelle Zeiten langsame Medien brauchen – Entschleunigung in der Vorweihnachtszeit

December 14, 2012

Diese Woche titelte die ZEIT: „Halt mal! Der Wert der Zeit: Ein Leitfaden der Entschleunigung“. Auf acht Seiten wird skizziert, dass Zeitknappheit, notorischer Stress und technische Beschleunigung längst zum kollektiven gesellschaftlichen Problem geworden sind. Besonders schön und typisch ZEIT: ein Artikel, in dem die fehlende Zeit für die entspannte Lektüre der ZEIT in einem fiktiven Dialog zwischen Redakteur und gestresstem Leser reflektiert wird. Einfach wunderbar.

Besinnliche Vorweihnachtszeit

Gerade jetzt kurz vor Weihnachten scheinen die meisten Menschen keineswegs die so häufig gewünschte „besinnliche Vorweihnacht“ zu genießen, sondern hetzen den letzten Terminen des Jahres, fehlenden (Ideen für) Weihnachtsgeschenke(n) und nicht erfüllten Zielvorgaben hinterher. Dies gilt gleichermaßen für zeitlich überforderte Eltern, die Teilzeitjob, Kinder, Haushalt, Freunde, Sport und Partnerschaft irgendwie unter einen Hut bringen müssen, wie auch für gestresste Kinderlose, die einfach zuviel arbeiten und von denen man annimmt, sie müssten doch eigentlich immer und überall für alles bereit sein.

Effizienz und Erreichbarkeit

Doch warum ist unsere Zeit eigentlich so stressig geworden? Liegt es am gestiegenen Anspruch, immer mehr in immer kürzerer Zeit immer effizienter bewältigen zu wollen? Ein Grund scheint in jedem Fall im digitalen Zeitalter und der damit einhergehenden ständigen Erreichbarkeit zu liegen. Gerade die permanente Abrufbarkeit von Nachrichten aller Art und der eigene Anspruch, schnellstmöglich auf diese Nachrichten zu reagieren, führen auf Dauer zu Stress und Überforderung.

Bücher  entschleunigen uns

Passend zum Thema habe ich im vergangenen Jahr den Artikel „Warum schnelle Zeiten ‚langsame’ Medien brauchen“ in dem Magazin CP-Monitor veröffentlicht. Darin beschreibe ich, dass gerade Büchern eine entscheidende Rolle bei der Entschleunigung zukommt. „Prozesse wie Imagination, das Aufrufen eigener Bilder und Muster, und Immersion, das Eintauchen in einen linearen Text, werden aktiviert.“ Einfacher gesagt: Mit Büchern kann man in andere Welten eintauchen, sich in sie fallen lassen und nachdenken. Aber gilt dies nicht auch für digitale Medien? – Zumindest wohl nicht im gleichen Maße. Denn durch die langsamere, „kontrollierbare Geschwindigkeit [wird] die Qualität der Kognition erhöht.“ Der Mensch braucht also etwas Langsamkeit, um seine Gedanken zu ordnen und damit entspannen zu können. Nur so kann neue Kreativität entstehen. Eventuell kommt einem bei der entspannten Lektüre sogar die ein oder andere Idee für ein noch fehlendes Geschenk. Und falls nicht, entsteht vielleicht die Gelassenheit, die eigene Imperfektion zu ertragen.

 

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