Chancen und Risiken für Autoren

Es zweifelt heute kaum noch jemand daran, dass sich die Art, wie wir lesen und schreiben im digitalen Zeitalter verändern wird. Gut möglich, dass aus dem einsamen Schmökern bald ein vielschichtiges Erfahren von Geschichten, ja vielleicht sogar ein aktives Mitgestalten und ein mit vielen anderen Akteuren vernetztes Erleben wird. Dahingehende und vielleicht richtungsweisende Experimente stecken zwar noch in den Kinderschuhen, dennoch möchte ich hier ein paar aufregende Beispiele vorstellen.

Aufbruch in bewegte Wort-Welten

Der Beitrag „Als die Texte das Laufen lernten“ konzentrierte sich auf der Suche nach dem Bild der Literatur der Zukunft stark auf die innerliterarischen Aspekte beim Übergang zu digitalen Texten. Kurz gefasst: Letztere gewinnen durch die Loslösung eines „starren“ Trägermediums eine völlig neue Dimension der Sinnstiftung und der Interaktion mit dem Rezipienten hinzu. Am digitalen Bildschirm werden Worte dynamisch und im besten Wortsinn manipulierbar!

Heraus aus dem Buch und darüber hinaus – Die wachsende Bedeutung des Kontextes

Bis zu diesem Punkt habe ich den Fokus der Übersichtlichkeit halber nur auf den Text selbst und die Beziehungen zum Autor und Leser gelegt. (Die vielen multimedialen Anreicherungsmöglichkeiten, die z. B. in enhanced E-Books sicherlich auch zur Veränderung der Literatur beitragen, sollen hier zunächst ausgespart bleiben.) In der digitalen Welt wird es nun, da die Interaktion mit dem Text befeuert wurde, tatsächlich erst richtig spannend. Denn der Kontextualisierung wird beim Lesen am vernetzten Bildschirm eine immer größere Rolle zukommen. Ein Studienteam der Innovationsberater von IDEO hat ein Video mit dem Titel “The future of the book” (siehe unten) zusammengestellt, das darüber nachdenkt, inwiefern (digitale) Bücher der Zukunft mit über den Text selbst hinausreichenden Informationen angereichert sein werden. Hintergrundinformationen, aktuelle Diskussionsbeiträge und die grafisch aufbereitete Positionierung innerhalb eines übergeordneten Diskurses gehören danach ebenso zum mitgelieferten Datenangebot, wie die Möglichkeit, mit wenigen Klicks zwischen verschiedenen themenrelevanten Texten hin und her zu wechseln. (Vergleichen Sie dazu die Prognosen des institute for the future of the book).

Mach es zu deiner eigenen Geschichte

Gibt es kein abgeschlossenes Trägermedium für eine Geschichte mehr, so fällt als logische Folge bald auch die Vorgabe einer festgesetzten, invariablen Handlung. In Zukunft wird es möglich sein, selbst in den Verlauf belletristischer Werke einzugreifen. So werden wir, nach Meinung von IDEO, in Zusammenarbeit mit anderen Lesern, die Handlung beeinflussen und vorantreiben und, z. B. indem wir uns in der Realität an bestimmte, im Buch beschriebene Orte (etwa den Tatort eines Mordfalles) begeben, zusätzliche Inhalte freischalten können.

Zukunftsmusik? Mitnichten: Derzeit ist die innovative amerikanische Firma Pinbooks dabei, zentrale Daten (Orte, Personen, Gegenstände usw.) von Büchern zu digitalisieren, sie mit Geo-Tags in der Realität zu verorten und Benutzern zugänglich zu machen. Mithilfe des so entstehenden supraliterarischen Netzwerkes können Leser zukünftig nicht nur das Lieblingscafé ihres Lieblingshelden besuchen, alles über den bevorzugten Scotch von Kommissar XY erfahren, sondern auch an einem beliebigen Ort überprüfen, welche Texte darauf Bezug nehmen – ein Ausgangspunkt für ein ganz neues Erleben der Welt-Literatur.

Ein kleines Aber zum Schluss

So spannend all diese Denkrichtungen auch sind, solange digitale Lesegeräte (meist sind damit einfache E-Reader gemeint) dem Leser nicht mehr bieten als digitalisierte Surrogate papierener Literatur, werden die Bücher der Zukunft weit hinter den Möglichkeiten zurückbleiben, die das Lesen am vernetzten Bildschirm heute schon bieten könnte. Spannend wird es sein, zu beobachten, wie sich die derzeit rasante Verbreitung von Tablets auf die digitale Textwelt auswirken wird.

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„Wie schaffe ich es, mein Buch auf den Markt zu bringen?“ ist die alles entscheidende Frage, die sich Autoren immer wieder stellen. Crowdfunding heißt das neue Zauberwort, das für (werdende) Autoren zukünftig überaus interessant sein könnte.

Was ist Crowdfunding?

Vorreiter für das Crowdfunding – frei übersetzt „Schwarmfinanzierung“ – war die Musikbranche in  den USA, die sich am Anfang des neuen Jahrtausends wegen sinkender Einnahmen in einer tiefen Krise befand. Im Jahr 2000 gründete Brian Camelio, ein professioneller Musiker und Produzent, als Reaktion darauf die Internetplattform ArtistShare.com. Über diese Plattform wandten sich die Musiker dann an ihre Fans und baten um finanzielle Unterstützung für ihre jeweiligen Projekte, um das Geld für die Produktion eines Albums vor seiner eigentlichen Veröffentlichung zu bekommen. Mit Hilfe zahlreicher sogenannter „Believer“ gelang es so, jeweils genügend Geld zusammenzubekommen, dass die Musiker ins Tonstudio gehen und ihre Ideen umsetzen konnten. Eine neue Finanzierungsform war geboren. Auf diese Art und Weise wurden in den letzten Jahren mehr als 50 Bandprojekte umgesetzt. Die Idee ist also so simpel wie effektiv.

Crowdfunding heute

Am Anfang war die Musik, danach griff der Crowdfunding-Hype auf alle anderen kreativen Bereiche, wie Film, Mode, Fotografie oder Design, über. In Deutschland starteten ab 2010 mehrere Crowdfunding-Plattformen, z. B. Startnext, Pling oder Inkubato. Was einst als Finanzierungsalternative für Kreative angefangen hatte, steht nun sogar jungen Firmen und Unternehmen offen, die Ihre Innovationen über Portale wie Seedmatch, Mashup-Finance oder Innovestment präsentieren und finanzieren lassen können.

Google-Suchanfragen nach dem Begriff "Crowdfunding"

Jemand – das können eine Einzelperson, mehrere oder ein ganzes Unternehmen sein – hat ein Projekt oder ein Produkt, das am Markt etabliert werden soll, kann oder möchte es aber nicht selbst finanzieren. Nach der Annahme der Bewerbung wird das Projekt auf einem der Crowdfunding-Portale ausgeschrieben. Nun muss die Crowd, die Masse, aktiviert werden, was in der Regel über mehr oder weniger ausgeklügelte oder umfangreiche Marketingmaßnahmen passiert, Mund-zu-Mund-Propaganda eingeschlossen.

Eine solche Aktion ist durch eine Mindestkapitalmenge gekennzeichnet, die durch die Crowd finanziert werden muss. Im Vergleich zu dieser Mindestkapitalsumme ist der Anteil des einzelnen Crowdfunders aber eher gering. Der entscheidende Vorteil für das ausschreibende Unternehmen oder die handelnde Person: Sie erhalten die finanziellen Mittel, ohne Sicherheiten stellen zu müssen, ganz im Gegensatz zu einem Bankkredit. Der Crowdfunder, Believer, Anteilseigner erhält im Gegenzug eine geldwerte Leistung.

Was haben die Vertragspartner beim Crowdfunding von diesem Finanzierungsmodell?

Gehen wir noch einmal vom Beispiel der Musikindustrie aus: Durch die Unterstützung des Geldgebers kommt das Projekt (z. B. ein neues Musik-Album) überhaupt erst zustande. Er kann sich also als eine moderne Form des Mäzens fühlen. Durch die finanzielle Hilfe geht er zwar auch in Vorleistung (im Prinzip eine Vorbestellung vor Produktionsbeginn), erwirbt dafür aber das Vorzugsrecht, zu den Ersten zu gehören, die das neue Album in Händen halten, evtl. angereichert mit einer Widmung des Künstlers.

Auf der anderen Seite gewinnt der Produzent eines Produktes schon vor Beginn einen guten Überblick über die zu erwartenden Marktchancen. Sind genug Unterstützer dazu bereit, sich an dem Projekt zu beteiligen, ist davon auszugehen, dass sich später auch genug Käufer dafür finden lassen. Crowdfunding liefert also gewissermaßen die Marktanalyse gleich mit dazu. Plus: Mit der Vielzahl an Menschen, die nun teilhaben an der Verwirklichung des Projektes, steigt auch der Wirkungskreis bei Markteintritt. Jeder Crowdfunder ist ein potentieller Multiplikator, der die Kunde von dem neuen Produkt auf dem Markt begeistert weitergibt.

Crowdfunding für Autoren

Eine kreative Leistung steckt ohne Frage nicht nur in einer neuen Platte, einer extravaganten Modekollektion oder einem innovativen Film, sondern erst recht in einem Buch. Was also spricht dagegen, sein Buchprojekt durch Crowdfunding zu finanzieren?

Hier ein Beispiel aus meinem eigenen Verlag: Autor Heinz Klette schrieb seine Autobiografie, starb aber, ehe er sie veröffentlichen konnte. Ein guter Freund wollte das so nicht auf sich beruhen lassen, kontaktierte den Frieling-Verlag und bat um ein Veröffentlichungsangebot. Gleichzeitig mobilisierte er die anderen Freunde und bat sie um eine Spende, um dieses Buchprojekt so doch noch realisieren zu können. Binnen vier Wochen spendeten ausnahmslos alle, sodass die notwendige Summe ohne Probleme zusammenkam. Nun ist Heinz Klettes Werk im Druck … Dem Autor hätte die Veröffentlichung sicher große Freude bereitet.

Der Leser als Crowfunder

Man kann also sagen, dass diejenigen, die in eine Crowdfunding-Unternehmung investieren, sich mit dem „Produkt“ identifizieren oder einen ganz persönlichen Bezug dazu haben. Aber nicht nur das: Unabhängig von der Art der Gegenleistung ist der Crowdfunder ebenso ein Mitbestimmer. Denn mit ihm kann auch auf den Markt kommen, was sonst keine oder nur geringe Chancen gehabt hätte.

Einfluss zu nehmen und teilzuhaben an kreativen Ideen und Innovationen aller Art dürfte für viele Menschen ein starker Anreiz zum Handeln sein. Und einem Verlag kann es letztendlich nur recht sein, wenn eine interessierte Leserschaft aktiv dazu beiträgt, dass ein Buchprojekt verwirklicht werden kann. Und vielleicht oder gerade deshalb ist Crowdfunding  für Bücher ein Markt der Zukunft.

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Mit diesem gleichermaßen provokanten, wie gelungenen Slogan wirbt derzeit BookRix. Der Internetanbieter gibt Autoren seit Anfang dieser Woche die Möglichkeit, ihre unkorrigierten Texte kostenfrei als E-Books herauszugeben. So eröffnet sich für zukünftige Autoren eine ganz neue Möglichkeit, ihre Texte zu veröffentlichen – kostenfrei, als Selfpublisher, ganz ohne Verlag. Doch ist das wirklich für alle die richtige Lösung?

Wie funktioniert Self-Publishing?

Zunächst klingt es simpel: Man bringt sein Buch in ein gewisses Dateiformat und lädt es dann als E-Book hoch. Das wars schon. Verlangen Autor oder Markt nach dem Buch, wird das Buch gedruckt, und zwar genau so viele Exemplare, wie gerade nachgefragt werden. Das ist vergleichsweise kostengünstig und sehr effektiv. Allerdings macht der Selfpublisher so gut wie alles selbst. Ein geringer finanzieller Aufwand, eine akzeptable Marge und persönliche Unabhängigkeit stehen also hohem zeitlichem Aufwand und notwendigem Eigenengagement auf allen (medialen) Ebenen gegenüber.

Ein gewisses Maß an Selbstvertrauen und der Mut zur Eigenverantwortung sind also ohne Frage notwendig, wenn man sich ohne einen renommierten Verlag ins Wirrwarr des Veröffentlichens stürzen will. Denn nicht mehr nur für den Inhalt seines Werkes muss der Autor geradestehen, sondern auch für Orthografie, Grammatik, Gestaltung, E-Book-Plattform und Marketing. Die helfende, ordnende, korrigierende, präzisierende, manchmal auch zensierende, und oft rettende Hand des Verlages fehlt. Darüber hinaus obliegt es dem Autor, eine Datei seines Buches zu erstellen, die mit den Systemen der Anbieter kompatibel ist. Dafür kann er entscheiden, wann und wo er veröffentlicht, wo er welche Werbung macht und wie viel.

Social Media Marketing fürs eigene Buch

Um die Werbung aber muss sich der Autor nun ebenfalls allein kümmern, auch wenn vielfältige kostenpflichtige Angebote unterstützen können. Auch hier ist BookRix innovativ, da die Autoren ihre E-Books nicht nur verkaufen, sondern auch in der eigenen Social-Media-Gemeinschaft vermarkten können. Glücklich schätzen kann sich auf jeden Fall, wer selbst in sozialen Netzwerken aktiv ist. Ein Tweed hier, ein Posting dort, aber immer wieder und wieder, damit im Gedächtnis bleibt, was sonst in klassischer Anzeigenform auf die Öffentlichkeit einprasselt. Relativ neu und bei vielen Anbietern verbreitet ist die Möglichkeit, einen Buchtrailer erstellen zu lassen und diesen z. B. bei YouTube einzustellen.

Reich und berühmt

Wird man als Selfpublisher reich und berühmt? Eher nicht. Natürlich gibt es helle Sterne am Autorenhimmel wie Amanda Hocking, die schon 2010 ihr erstes Buch als E-Book über Amazon veröffentlichte und heute mehr als 1,5 Millionen Bücher verkauft hat. Allerdings bildet sie damit eher die Ausnahme.

Für wen ist Selfpublishing das Richtige?

Selfpublishing ist in jedem Fall ein guter Einstieg und bietet die Möglichkeit, sein Buch zu verlegen, auch wenn man keinen Verlag von sich überzeugen konnte und nicht das nötige Geld für einen Privatverlag hat. Und in jedem Fall ist das innovative Angebot von BookRix interessant und ein weitere Neuerung, die die Verlags- und Buchwelt verändern wird. Allerdings sollte man beim Selfpublishing die nötigen Kompetenzen und Kenntnisse zur Erstellung seines Buches mitbringen oder Menschen beauftragen, die z. B. das Korrektorat übernehmen. Sonst wird das Vorhaben schnell peinlich und die Veröffentlichung eher unangenehm.

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Durch die Möglichkeiten des E-Books können Autoren inzwischen „alles selber machen“. Theoretisch können sie Autor, Verlag und Hersteller in einer Person verkörpern. Aber ist dies in jedem Fall auch sinnvoll?

Ein Blick in die Historie

Aus publizistischer Sicht lassen sich E-Books in eine Reihe von Veränderungen und Erfindungen einordnen, die jeweils die Distanz zwischen Autor und Leser verringerten. Im Laufe dieser Entwicklung verschwanden ganze Berufsgruppen, die zuvor am Transport der Texte von den Autoren zu den Lesern beteiligt waren. Da heute ein Großteil der Texte bereits am Computer entsteht, entfällt zum Beispiel die Texterfassung durch spezielle Mitarbeiter. Durch die Entwicklung des Desktop-Publishings wurde es außerdem möglich, Texte auf demselben Rechner zu schreiben und zu setzen. Autoren und Redakteure konnten, wenn sie das nötige Know-how hatten, also auch die Arbeit der Setzer übernehmen.

Im Falle des E-Books entfällt nun auf einen Schlag die gesamte Produktion in Druckerei und Buchbinderei. Es wird möglich, als Autor sämtliche Herstellungsschritte zu übernehmen – bis zum Produkt, das die Leser schließlich auf ihre Lesegeräte laden. E-Books sind insofern das „wahre“ Desktop-Publishing – alle Arbeitsschritte können an einem einzigen Schreibtisch stattfinden.

Das neue Selbstverständnis des Autors

Damit gewinnt der Autor an Macht und Einfluss. Er ist auf niemanden mehr angewiesen. Aber ist es tatsächlich so einfach? Wenn es technisch denkbar ist, auf die Hilfe von Experten zu verzichten, muss das ja deshalb per se noch nicht sinnvoll sein.

In vielen Bereichen ist es einfach eine Frage des Anspruchs und des eigenen Könnens, wen man bei einer Veröffentlichung eigener Texte hinzuziehen sollte. Viele Autoren schätzen das Feedback aus dem Lektorat, das ihnen hilft, das, was sie sagen möchten, noch genauer und noch verständlicher auszudrücken. Auch ein professionelles Korrektorat und eine Gestaltung durch Fachleute verlieren durch die digitale Veröffentlichung grundsätzlich nicht an Wert. Manche Autoren können diese Aufgaben trotzdem gut selbst übernehmen.

Herausforderungen auf dem Weg zum eigenen E-Book

Die Produktion eines E-Books hat aber auch ihre ganz eigenen Tücken, mit denen ein Autor gegebenenfalls alleine zu kämpfen hat. So gibt es noch keinen allgemeinen technischen Standard für E-Books. Als offenes Format wäre EPUB zwar ein guter Kandidat. Ausgerechnet Amazon, der bekannteste Anbieter von E-Books in Deutschland, verwendet aber ein anderes Format. Durch die zahlreichen unterschiedlichen Anbieter von Lesegeräten und E-Book-Shops entsteht für den Autor also ein spezifisches Problem: Er muss herausfinden, welche Plattformen für seine Publikation besonders geeignet sind, er muss entscheiden, welche Shops und Lesegeräte er bedienen möchte – und er muss sein E-Book gegebenenfalls in mehreren Varianten mit dem entsprechenden Know-how erstellen. Auch diesen Aufwand kann er natürlich an andere abgeben – etwa, wenn es ihm wichtiger ist, Zeit zum Schreiben zu haben als völlig unabhängig von anderen zu sein. Entsprechende Dienstleister stehen inzwischen bereit.

Das E-Book führt also nicht automatisch zum Autor als Einzelkämpfer. Aber es wird die Karten im Verhältnis zwischen Autoren und Verlagen neu mischen – und vielleicht zur Herausbildung ganz neuer Institutionen führen. Der Autor kann mit den entsprechenden Wissens- und Zeitressourcen in Zukunft vieles selbst in der Hand behalten, häufig wird aber auch weiterhin das Expertenwissen spezialisierter Dienstleister hilfreich sein.

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Literatur per Flatrate – durch E-Books könnte dies Realität werden. Ähnlich wie beim Auto müsste man sich nur noch zwischen Leihen oder Kaufen entscheiden. Glaubt man den unbestätigten Annahmen der Financial Times, so kann man schon bald gegen eine monatliche Gebühr bei Amazon so viele Bücher als E-Books herunterladen, wie das Herz begehrt. Was würde das für die Verlage bedeuten? Unbegrenzt Leihen kann man schon jetzt – Online-Bibliotheken wie Skoobe machen’s möglich. Doch ist dieses Angebot derzeit wirklich attraktiv?

Flatrate – kulturelle Verkommenheit oder zeitgemäßes Modell?

Der Begriff „Flatrate“ ruft häufig ambivalente Gefühle hervor. Einerseits sind Flatrates praktisch – hat man doch durch sie unbegrenzten Zugang und muss daher nicht mehr jeden singulären Erwerb überdenken. Andererseits verschwindet bei einer Flatrate das Exquisite, das Besondere des einzelnen Kaufs. Viele Menschen denken deshalb auch an Billiganbieter, an Internet, an Handys, und manche sogar an das übermäßige Trinkverhalten unbesonnener Jugendlicher. Und dennoch: Flatrates sind beliebt und scheinen sich in vielen Branchen zumindest als ein mögliches Geschäftsmodell durchzusetzen.

Wie funktioniert Skoobe?

Skoobe ist ein Münchner Start-up und ein Gemeinschaftsprojekt der Verlagsriesen Random House und Holtzbrinck. Bereits der Name s-k-o-o-b-e als Ananym für e-b-o-o-k-s scheint sympathisch. Hier können die ersten 10.000 Nutzer für 9,99 Euro im Monat beliebig viele Bücher ausleihen. Fünf Bücher darf man gleichzeitig in sein virtuelles Regal stellen. Möchte man weitere Titel herunterladen, muss man erst entliehene „zurückgeben“. Wie bei einer Bibliothek. Nur eben online. Ohne enervierende Ausleihfristen, die überschritten werden könnten. Und ohne ein künstlich verknapptes Kontingent der ausleihbaren Titel (im Gegensatz z. B. zum Konkurrenten Onleihe. Das klingt attraktiv.

Derzeit nicht genügend Titel verfügbar

Ab März 2013 können die Skoobe-Mitglieder dann nur noch zwei Bücher pro Monat ausleihen. Außerdem sind momentan nur knapp 10.000 E-Books verfügbar. Diese stammen ausschließlich von Bastei Lübbe und Verlagen der Holtzbrink-Gruppe, da sich andere Verlage noch nicht dafür entschieden haben, bei Skoobe mitzumachen. Zum Vergleich: Der Marktführer Amazon mit seinem Lesegerät Kindle hat über 950.000 Titel als E-Book vorrätig. Natürlich von allen bedeutenden Verlagen. Da erscheint Skoobe schon weniger attraktiv. Darüber hinaus kann die Online-Bibliothek bislang noch nicht mit einem großen Angebot an Bestsellern punkten. Im Gegenteil. Von den ersten 20 Titeln auf der SPIEGEL-Bestsellerliste der Hardcover-Ausgaben sind bei Skoobe gerade mal drei verfügbar. Dies sind zu wenige, um massiv Kunden anzulocken. Dennoch präsentiert sich das Start-up-Unternehmen sympathisch. So fiel Skoobe etwa bei der Leipziger Buchmesse auf, als es mithilfe von 2012 eifrigen Lesern einen neuen Weltrekord im E-Book-Staffel-Lesen aufstellte. In jedem Fall scheint Skoobe Charme und Potenzial zu haben und wird vielleicht in der Zukunft als größerer Player noch interessant.

Und einfach kaufen?

Eine E-Book-Flatrate, bei der die Bücher tatsächlich von Kunden gegen eine monatliche Gebühr in unbegrenzter Zahl gekauft werden können, wie sie Amazon möglicherweise plant, scheint für Deutschland bislang eher unrealistisch. Schließlich stehen solche Ideen im scharfen Gegensatz zur deutschen Buchpreis­bindung, der hierzulande auch E-Books unterliegen. Immer häufiger werden daher Stimmen laut, die die Abschaffung der Buchpreisbindung zumindest für E-Books fordern. Doch auf derartige Ideen reagieren Verlage und Buchhandel mehr als nervös – sehen sie doch zu Recht ihre Existenz gefährdet.

Amazon ist allerdings bekanntlich immer für eine Überraschung gut. Vermutlich im Oktober wird der neue Tablet-PC des Medienriesen erscheinen. Auf diesem könnten dann auch E-Books anderer Anbieter gekauft und gelesen werden. Dieser Verlockung könnte Amazon mit einer Flatrate gezielt entgegenwirken. Spätestens dann wird das Thema wohl wieder aktuell.

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E-Books zum Anfassen

July 6, 2012

Ein Gespenst geht um

Wo immer man sich in der Verlagsbranche bewegt, überall hört man derzeit: E-Books, E-Books, E-Books. Manch einer findet den digitalen Trend und dessen Entwicklungen hochinteressant, der andere hingegen winkt entnervt ab, weil ihn das Dauerthema zusehends frustriert oder weil monetär nur wenig dabei herumzukommen scheint. Denn da die Deutschen, im Gegensatz zu den US-Amerikanern, ziemliche E-Book-Muffel zu sein scheinen, muten die Umsätze, die der Handel in Deutschland durch E-Books einfährt, derzeit noch recht bescheiden an. Und dennoch: Das Gespenst des mächtigen E-Books geht um und viele fürchten sich vor seinem tatsächlichen Erscheinen.

Der Buchhandel schlägt zurück

Wie ich bereits in meinem letzten Eintrag skizziert habe, stellt sich im Zusammenhang mit E-Books auch die Frage, ob der Buchhandel die digitale Revolution übersteht oder ob er geschlagen in den Untiefen der Bedeutungslosigkeit versinkt. In jedem Fall geht der Buchhandel nicht sang- und klanglos unter, sondern versucht, aktiv in das Geschehen einzugreifen und einen Platz im sich formierenden E-Book-Markt zu besetzen. Hierfür gibt es einige Beispiele, etwa den Versuch, die Leser durch die Entwicklung eines gebrandeten Readers an den eigenen (digitalen) Shop zu binden. Besonders interessant finde ich den neuesten Versuch der Alteingesessenen, sich der Umwälzungen in der Buchbranche zu erwehren: E-Book-Cards.

E-Book-Cards

Hierbei handelt es sich um Karten, die die Leser wie Bücher im Buchladen kaufen können und die einen Buch-Code zum Download eines E-Books enthalten. Die Kosten für die Karten sind mit dem Preis für das online erhältliche E-Book identisch. Die Karten brachte das Start-up-Unternehmen EPIDU vor einigen Monaten auf den Markt. Seitdem sind sie in ausgewählten Buchhandlungen erhältlich.

Der große Wurf?

Und was bringen die E-Book-Cards dem Leser? EPIDU und Buchhandel werben damit, dass der Kunde die Vorteile des stationären Buchhandels auch beim E-Book-Kauf nutzen kann: die Beratung der Verkäufer, die Auswahl, das Ambiente. Und dass er bar zahlen kann. Betrachtet man die Zielgruppe, scheinen die Vorteile der Karten jedoch genau für diese nur wenig attraktiv – handelt es sich doch mit hoher Wahrscheinlichkeit um Menschen, die gerne online einkaufen, das Zahlen mit Kreditkarte als unproblematisch empfinden und das blitzschnelle Runterladen einer Datei vom Sofa aus dem zeitintensiven Gang zum Buchladen vorziehen.

E-Books verschenken

Eine Lücke könnten die Karten allerdings schließen. Bisher kann man E-Books in Deutschland nicht verschenken, da diese immer durch den Endnutzer direkt über seinen Reader bestellt werden müssen. Möchte jemand ein E-Book verschenken, so kann er lediglich eine Gutschrift für Online-Anbieter wie Thalia oder Amazon weitergeben, nicht aber einen Gutschein für ein konkretes Buch. Dieses Problem wird durch die Karten auf elegante Art und Weise gelöst. Sie haben zudem den Vorteil, dass etwas Repräsentatives überreicht werden kann.

Back to the roots?

Dennoch ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis es den digitalen E-Book-Anbietern gelingt, auch diese Verkaufslücke zu schließen. Dann könnten die E-Book-Cards genauso schnell in Vergessenheit geraten, wie sie aufgetaucht sind.  Doch auch wenn die letzte Schlacht im E-Book-Handel noch nicht geschlagen ist, scheinen die Karten zum Verschenken eine gute Übergangslösung zu sein. Bis zur nächsten Veränderung. Und so wispert es wohl auch weiterhin überall: E-Books, E-Books, E-Books.

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Aller Anfang ist schwer

Ein Buch zu schreiben, ist ein großes Abenteuer. Je nach Genre ringt der Autor mit Recherchen, Argumentationen, Figurenzeichnungen oder den eigenen psychischen Abgründen. Doch irgendwann ist es vollbracht, der letzte Satz ist geschrieben, die letzte Durchsicht vollendet: Das Manuskript ist fertig. Für alle, die ihr Werk nicht aus reiner Freude am literarischen Schaffen, zur Aufarbeitung oder Selbstreinigung zu Papier gebracht haben, ist der nächste logische Schritt die Suche nach einem geeigneten Partner, mit dessen Hilfe das Buch veröffentlicht werden kann, kurz: nach einem Verlag. In Deutschland gibt es mehrere Tausend Verlage, und doch gestaltet sich die Unterbringung auch eines sehr gelungenen Manuskriptes in einem Verlagsprogramm oftmals sehr mühsam. Warum ist das so?

Die Verlagslandschaft

Unser Buchmarkt ist heiß umkämpft. Den Löwenanteil der Gewinne, die erwirtschaftet werden können, streichen alljährlich die wenigen Bestseller ein, Qualitäts- und Nischenverlage haben es oft schwer, die Aufmerksamkeit der Kunden und die begehrten Regalplätze im Buchhandel, gerade bei den monopolisierten Ketten, zu ergattern. Die meisten Verlage sind deshalb auf eine strikte Programmplanung angewiesen, die wenig Spielraum lässt. Veröffentlicht wird, was (so hofft man) der Masse gefällt. Denn jede Veröffentlichung bedeutet zunächst eine finanzielle Investition und damit neben der Chance auf Gewinn ein erhebliches wirtschaftliches Risiko, da der Erfolg beim Publikum auch für erfahrene Verleger stets ein unberechenbarer Faktor bleibt. Bei vielen Titeln, die tatsächlich auf den Markt kommen, handelt es sich deshalb um lange bestellte Auftragsarbeiten arrivierter oder auf anderen Gebieten prominenter Autoren. Für innovative, eigenwillige Projekte und unbekannte Autoren bestehen bei den großen Programmverlagen hingegen geringe Chancen.

So findet der Topf seinen Deckel

Finden Sie also Ihre Nische! Das wichtigste Kriterium bei der Auswahl der Verlage, denen Sie Ihr Manuskript anbieten, ist, dass der Verlag zu Ihnen und Ihrem Manuskript passt. Stöbern Sie im Internet, in den entsprechenden Regalen Ihres Lieblingsbuchhändlers (der Ihnen übrigens als Branchenkenner auch noch den einen oder anderen Tipp geben kann), streifen Sie über die Buchmessen in Leipzig und Frankfurt und studieren Sie Novitätenlisten, Vorschauen und Backlists. So werden Sie sicher geeignete Umfelder für Ihr Manuskript finden. Das mag banal klingen, ist jedoch für Ihre Chance, wahrgenommen zu werden, essenziell: Ein Lektor wird ein wahllos eingesandtes, unpassendes Manuskript – völlig ungeachtet seiner Qualität – in der Regel rundweg ablehnen und sich über die Zeitverschwendung ärgern. Wenn Sie unsicher sind, ist es allemal besser, sich vorab noch einmal telefonisch zu erkundigen.

Das Manuskript ins rechte Licht rücken

Ein Manuskript einzureichen, gleicht einem Bewerbungsverfahren: Eine gute Präsentation ist das A und O, der erste Eindruck zählt. Wenn Sie die Verlagsmitarbeiter für Ihr Werk gewinnen wollen, erleichtern Sie ihnen den Zugang zu Ihrem Projekt: Ein freundliches Anschreiben, das Ihr Anliegen präzise beschreibt, kann Ihnen bereits so manche Tür öffnen. Legen Sie ein Exposé bei, aus dem Genre, Zielgruppe, Handlungskonzeption und Umfang sowie Ausstattungsmerkmale wie geplante Abbildungen klar hervorgehen. Eine repräsentative Leseprobe dient als Visitenkarte für Ihren Stil und Ausdruck und kann die Atmosphäre Ihres Textes vermitteln.

Immer mit der Ruhe

Auch wenn Sie all dies beachten, müssen Sie aber damit rechnen, dass einige Wochen ins Land gehen, bis Sie einen Bescheid bekommen. In den meisten Verlagen treffen jährlich Hunderte von Manuskripten ein, die geprüft und bewertet werden wollen. Bleiben Sie also geduldig und lassen Sie sich vor allem nicht entmutigen, sollte es zunächst überwiegend Absagen hageln: Hat Ihr Manuskript das Interesse eines Lektors geweckt, wird er sich mit seiner Rückmeldung Zeit lassen, bis er sich intensiver mit Ihrem Werk auseinandergesetzt und es möglicherweise einem Entscheidungsgremium vorgestellt hat.

Literaturtipp
Weiterführenden Rat für die Verlagssuche bieten Ihnen Bücher wie das von Sandra Uschtrin und Heribert Hinrichs herausgegebene Standardwerk „Handbuch für Autorinnen und Autoren“ oder mein Ratgeber „Wie biete ich ein Manuskript an“.

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Ein Nachbericht von der Leipziger Buchmesse 2012

Verlage und Aussteller, Bücherfreunde und Fachbesucher, Autoren und Leser, Manga-Fans und Cosplayer und nicht zuletzt die Veranstalter zeigten sich hoch zufrieden mit dem Verlauf der Leipziger Buchmesse vom 14. bis 17. März 2012. Nicht nur die frühlingshaften Temperaturen und der herrliche Sonnenschein, die die große Glashalle in einen Bücherpalast verwandelten, sorgten für gute Stimmung auf dem europaweit größten Lesefest. Mit 163 500 Besuchern wurde das sehr hohe Vorjahresniveau sogar noch einmal leicht überboten.

Wie jedes Jahr trugen während der vier Tage an vielen Veranstaltungsorten der Stadt aber auch in den Messehallen zahlreiche Autoren aus ihren Neuerscheinungen vor. Das Entdecken, Erleben und Erlesen neuer Literatur steht bereits traditionell in Leipzig im Mittelpunkt, was nicht unwesentlich zur großen Beliebtheit des Buchfestes beiträgt. In diesem Zusammenhang gab es dieses Jahr übrigens eine ganz besondere Attraktion. Denn am Freitag wurde unter der Aufsicht eines offiziellen Schiedsrichters ein neuer Weltrekord im „Staffel-Lesen“ aufgestellt. Eingeladen hatte die Online-Bibliothek Skoobe – ein Gemeinschaftsprojekt von Random House, Holtzbrinck und der Bertelsmanntochter Arvato. Der Anbieter einer neuen „App“ zum elektronischen Verleih digitaler Bücher schaffte es tatsächlich, 2012 Menschen zu versammeln, die innerhalb von viereinhalb Stunden, ohne den Lesefluss zu unterbrechen, jeweils einen Satz aus Christopher Paolinis Buch „Eragon – Das Erbe der Macht“ vorlasen – und zwar vom Display eines iPads! Damit sicherte sich das Unternehmen einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde und lieferte gleichzeitig einen interessanten Beitrag zur gegenwärtigen Diskussion um Lesegewohnheiten und -qualität im Zeitalter der Digitalisierung ab.

Abgesehen von diesem medienwirksamen Spektakel hatte ich persönlich den Eindruck, dass das Thema elektronisches Publizieren und Onlinecommunities in Leipzig im Vergleich zur letzten Frankfurter Buchmesse verhältnismäßig dezent verhandelt wurde. Zwar stellten sich im sog. „Digitalen Wohnzimmer“ zum zweiten Mal einige interessante Online-Literaturportale vor, das Thema war aber weit weniger präsent als noch im Oktober 2011 in Frankfurt. Einige der größeren Player fehlten ganz, andere hatten relativ sparsame Messeauftritte. Möglicherweise lag das auch an der etwas anders gearteten Schwerpunktsetzung der Leipziger Buchmesse. Während Frankfurt als internationales Branchentreffen natürlich stärker auf interne Trends und Diskurse reagiert, rückt Leipzig den Leser, bzw. die Beziehung zwischen Autor, Verlag und Leser in den Mittelpunkt.

Insofern ist die Buchmesse in der sächsischen Metropole der ideale Ort für Bücherfreunde, um miteinander in Kontakt zu treten. Die vielen Lesungsorte auf der Messe waren gut gefüllt, das Interesse des Publikums groß und die Vielfalt der Autoren unterschiedlichster Art, die man in Leipzig unmittelbar erleben konnte, wie immer beeindruckend.

Selten bieten sich in der literarischen Welt so gute Gelegenheiten, um Neuerscheinungen und die klugen Köpfe, die dahinter stecken kennenzulernen, oder um sich als (angehender) Autor nach Publikationsmöglichkeiten umzusehen. Dazu passend startete in diesem Jahr mit dem Programm „Autoren@Leipzig“ eine spezielle Plattform, die mit einem Fortbildungs- und Netzwerkangebot speziell Autoren auf dem teils unübersichtlichen Publikationsmarkt unterstützen möchte – ein spannender Schritt, vom dem sicherlich in den kommenden Jahren noch zu berichten sein wird.

Was ist nun eigentlich das Besondere an der Leipziger Buchmesse, die bei Publikum und Ausstellern gleichermaßen so hoch im Kurs steht? Nun, nach meinem diesjährigen Eindruck würde ich sagen, dass nirgends sonst im literarischen Leben Leser, Autoren und Buchbrache so unmittelbar zusammenkommen. Zu diesem Gedanken passt vielleicht auch die schöne Tatsache, dass bei der Verleihung des diesjährigen Buchpreises der Leipziger Buchmesse im Bereich Belletristik Publikums-Voting und Jury-Entscheidung übereinstimmten, was durchaus nicht selbstverständlich ist: Beide stimmten für Wolfgang Herrndorfs aktuelles Buch „Sand“, das im Rowohlt Verlag erschienen ist.

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Müssen wir uns vor elektronischen Publikationen in Acht nehmen?

Anfang des Jahres brachte die Nachricht, der Onlinehändler Amazon habe im Januar erstmals mehr E-Books als Paperbacks verkauft, einmal mehr die Buchbranche zum brodeln. Ohne Zweifel, wir befinden uns in einer Umbruchphase, einer Zeit, die mit rasanten technischen und konzeptionellen Innovationen, so manch dringende, manch bange Frage aufwirft – übrigens auch für Autoren. Welche Form des Veröffentlichens ist für ein bestimmtes Anliegen die richtige? Wie und über welche Kanäle erreiche ich die richtige Zielgruppe?

Es gibt viel zu bedenken und viel zu diskutieren in der Buchbranche. Dabei birgt der Umbruch selbstverständlich auch reichlich Spannendes für die Welt des Publizierens. Nie waren die Möglichkeiten, mit einer Botschaft an die Öffentlichkeit zu treten, vielfältiger. Insofern betrachte ich die Neigung der Branche, größtenteils mit Ablehnung oder gar mit Angst auf die entsprechenden Innovationen zu reagieren, mit einer gewissen Verwunderung. Besonders merkwürdig ist dabei der gerne postulierte Antagonismus „elektronisches vs. gedrucktes Buch“, der, angeheizt durch Pressemeldungen wie die eingangs zitierte, gerne in der Berichterstattung ausgebreitet wird. Es gibt meiner Ansicht nach keinen Grund, warum in Zukunft nicht digitale und „analoge“ Publikationsformen gleichberechtigt nebeneinander stehen und sich je nach Genre, Kommunikationsanlass und -ziel sogar sinnvoll ergänzen sollten.

Anlässlich der Berliner Lektionen befasste sich kürzlich der ausgewiesene Internetexperte und -vordenker David Gelernter mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf Sprache und Kultur. Gelernter ist Zukunftsforscher und Inhaber eines Lehrstuhls für Computerwissenschaften an der Univerität von Yale. In Publikationen wie „Mirror Worlds“ von 1991 sah er den Aufstieg des World Wide Webs voraus und gilt als Wegbreiter des sog. Cloud Computings. Seinen Vortrag, der in gekürzter und übersetzter Fassung vom Tagesspiegel veröffentlicht wurde, halte ich für sehr lesenswert.

Gelernter befürchtet u. a., das Internet sei inzwischen zu einer „Bedrohung für die Integrität der Sprache geworden.“ Unsere Gesellschaft neige dazu, alles Geschriebene in die Cybershäre zu verschieben. Briefe, Unterhaltungen, Termine, Journalismus, Bücher – alles werde elektronisch publiziert und erzeuge eine Flut an Informationen, die den Menschen schlichtweg überfordere. Infolge der digitalen Revolution werde immer mehr und immer schneller geschrieben, was dazu führe, dass auch schnell und nicht mehr allzu sorgfältig gelesen werde.

An Gelernters Argumentation finde ich vor allem zwei Dinge bemerkenswert. Zum einen zeigt sich, dass hier selbst ein sog. „heavy user“ des Internets Bedenken anmeldet, angesichts der Entwicklung, die unsere Medien- und Kulturlandschaft gegenwärtig erfährt. Finden sich keine geeigneten Steuerungsmechanismen, so befürchtet der amerikanische Forscher einen „Niedergang des Schreibens und Verlegens“ und damit eine existenzielle Bedrohung der Sprache an sich. Deshalb hält er in seinem Vortrag ein Plädoyer für langsameres Denken und Publizieren. Das Tempo zu drosseln und sich bewusst zu gründlichem Schreiben und Lesen zu bekennen, sei der beste Weg, um dieser Bedrohung zu begegnen. Für die Manifestation dieses Bekenntnisses und damit für „das beste Design der westlichen Geschichte“ hält der Internetpionier ausgerechnet das gedruckte Buch, das in seiner Haptik, in seiner Haltbarkeit, kurz in seiner Materialität ein unverzichtbares Kulturgut sei. Natürlich schmeicheln solche Aussagen der Buchmacherseele. Viele der Werte, die in dem Artikel mit dem Buch in Verbindung gebracht werden, halte auch ich für gut und wichtig.

„Das physische Buch fügt dem geschriebenen Wort Gewicht, Substanz und Würde hinzu.“ Dem kann ich mich nur anschließen. Dennoch erstaunt es mich, und damit komme ich zum zweiten Punkt, dass ausgerechnet so ein verdienter Zukunftsforscher beim Thema E-Book in seinen Überlegungen so weit hinter dem Potential des Mediums zurückbleibt. Ich teile nicht Gelernters Befürchtung, dass E-Books in absehbarer Zukunft das gedruckte Buch ersetzen werden. Weder der geringere Preis noch der leichte Transport großer Datenmengen, beispielsweise auf Urlaubsreisen, wird so sehr ins Gewicht fallen, dass Leser dauerhaft und im großen Stile auf die Vorteile physischer Bücher verzichten werden. Eine aktuelle Umfrage in den USA hat im Übrigen ergeben, dass zwar die Zahl der Besitzer eines elektronischen Lesegerätes weiter zugenommen hat, gleichzeitig aber auch der Anteil der erklärten E-Reader-Verzichter gestiegen ist.

Ich bin der Meinung, dass auch in Zukunft Texte in gedruckter, gebundener und ästhetisch aufbereiteter Form geschätzt und gekauft werden. Daneben werden sich aber auch elektronische Publikationsformen etablieren. Dieser Markt ist zu spannend und bietet zu viele neue Möglichkeiten, als dass man sich ihm verweigern könnte. Lesen Sie dazu zum Beispiel meinen Artikel über die Arbeit des „institute for the future of the book“ oder den wunderbaren Gastbeitrag Michael Schikowskis auf börsenblatt.de. Letztlich geht es doch darum, für jedes Publikationsziel die geeignete -form zu finden. Hier gelten für Lehrbücher sicherlich andere Rahmenbedingungen, als für den Abenteuerroman oder einen Reiseführer. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt einen Antagonismus zwischen elektronischem und gedrucktem Buch zu konstruieren, wird für die Suche nach dem jeweils idealen Veröffentlichungsmodell sicherlich nicht zweckdienlich sein. Eine Gefahr für das Kulturgut Buch ist m. E. längst nicht in Sicht, höchstens eine Gefahr für unbewegliche Vorstellungen und starre Strukturen. Davon aber können wir uns zuversichtlich verabschieden, wenn wir flexibel und neugierig bleiben.

Außerdem, so ließe sich mit Schikowski argumentieren, kennen wir im Grunde noch gar nicht den eigentlichen Gegenstand der Diskussion. Denn das E-Book als eigenständige Publikationsform, als eine, die die Möglichkeiten des Mediums ausschöpft und nicht bloß digitalisiertes Surrogat der Druckversion ist, ist noch gar nicht gefunden. Derzeit wird allerdings fieberhaft genau daran gearbeitet. Ein erstes Zwischenergebnis stellt für Schikowski der bei Bastei Entertainment erscheinende digitale Serienroman „Apocalypsis“ dar. Wer mag, kann sich hier eine erste Idee davon verschaffen, was digitale Bücher in Zukunft leisten könnten. Eine weitere, sehr gute Möglichkeit, um ein offenes Ohr für spannnede Innovationen auf dem Publikationsmarkt zu bewahren, stellt selbstverständlich die Leipziger Buchmesse dar, die noch diese Woche ihre Pforten öffnet.

Ich meine, für Büchermacher sowie für alle an Sprache und Büchern Interessierte gilt es, sich die Neugier an den Möglichkeiten, alten wie neuen, zu bewahren und auf dieser Grundlage, für jedes Publikationsziel nach der idealen Umsetzungsmöglichkeit zu suchen. In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern (und allen Schreibenden) eine spannende, interessante und vor allem inspirierende Buchmesse.

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Bei allem theoretischen Nachdenken über Wesen, Alltag und Beweggründe des Autors sollte eines nicht vergessen werden: Der Wandel der Zeit, dem sowohl das (Selbst-) Verständnis des Autoren wie auch das Schreiben an sich unterworfen ist. In dieser Hinsicht möchte ich noch einen kurzen Nachtrag zu den Überlegungen des letzten Beitrags liefern.

Derzeit findet auf Initiative des Vereins Fun-For-Writing e. V. unter dem Titel „Federleicht“ ein offener Schreibwettbewerb statt, an dem jeder teilnehmen kann – und soll. Die Schirmherrschaft übernimmt der Regierende Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit höchstpersönlich. Das Besondere: Der Wettbewerb möchte unter dem Wahlspruch „Das Wichtigste ist der Spaß am Schreiben“ mit einem integrativen Ansatz zeigen, dass Schreiben eine enorm vielschichtige Kulturtechnik ist, zu der alle Menschen befähigt sind, bzw. die wir alle im Grunde fortwährend, teils unbewusst, ausüben. Konsequent nimmt der Wettbewerb ausdrücklich auch Schriftformen mit in den Fokus, die zunächst oft übersehen werden, beschäftigt man sich mit Sprache, Schrift und Literatur. So werden nicht nur Kurzgeschichten, Märchen und Romane prämiert, sondern auch Schriftformen wie SMS, Liedtexte und Briefe. Der Schreibwettbewerb richtet sich zudem ausdrücklich nicht nur an deutsche Staatsbürger, sondern an alle, die sich gerne mit der deutschen Sprache beschäftigen. Einsendeschluss ist der 30. April 2012. Aus den Einsendungen wählt eine prominent besetzte Jury (u. a. mit dem Schriftsteller Wladimir Kaminer, dem Kolumnisten Harald Martenstein, aber auch mit Dr. Motte, dem Gründer der Loveparade) die Sieger aus, welchen eine Reihe von Sach- und Geldpreisen winkt. Die feierliche Verleihung findet Anfang 2013 in der Neuköllner Oper statt, die zu den Sponsoren der Aktion gehört. Nähere Informationen finden sich auf der Website des Schreibwettbewerbs Federleicht.

Das Beispiel dieses Schreibwettbewerbs ist nicht nur deshalb interessant, weil es als ambitionierte und lobenswerte Aktion die Leidenschaft am Schreiben und den produktiven Umgang mit Literatur fördert, sondern weil es die Aufmerksamkeit auf einen Aspekt lenkt, der bei aller Konzentration auf die zukunftsweisende Trends und technische Innovationen gerne zu kurz kommt: Literatur fängt bei den Menschen an. Deren Schreibgewohnheiten, deren Zugang zur Schrift bzw. veränderte Rahmenbedingungen in deren Leben wirken sich ebenso auf die Zukunft des Publizierens aus, wie strategische Überlegungen des Verlagswesens oder drucktechnische Innovationen. Wenn sich alltägliches Schreiben (per SMS, per E-Mail, auf Blogs und in Social Media Anwendungen) in zunehmenden Maße digital abspielt, warum sollte dieses Phänomen dann nicht auch Auswirkungen auf unser Verständnis von Literatur mit sich bringen? Mit anderen Worten, können wir so tun, als ob alltägliches und literarisches Schreiben Sphären ohne gegenseitige Berührungspunkte darstellen? Oder müssen sich gegenwärtige Schreibtechniken nicht zwangsläufig auch in der Literatur unserer Zeit widerspiegeln? Und schließlich: Wer an einem repräsentativen Querschnitt durch die gegenwärtige deutsche Literatur interessiert ist, der sollte nicht allein auf renomierte Literaturpreisverleihungen schauen, sondern ebenso innovative Wettbewerbe wie den hier vorgestellten im Auge behalten.

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