Die Literatur der Zukunft

Es zweifelt heute kaum noch jemand daran, dass sich die Art, wie wir lesen und schreiben im digitalen Zeitalter verändern wird. Gut möglich, dass aus dem einsamen Schmökern bald ein vielschichtiges Erfahren von Geschichten, ja vielleicht sogar ein aktives Mitgestalten und ein mit vielen anderen Akteuren vernetztes Erleben wird. Dahingehende und vielleicht richtungsweisende Experimente stecken zwar noch in den Kinderschuhen, dennoch möchte ich hier ein paar aufregende Beispiele vorstellen.

Aufbruch in bewegte Wort-Welten

Der Beitrag „Als die Texte das Laufen lernten“ konzentrierte sich auf der Suche nach dem Bild der Literatur der Zukunft stark auf die innerliterarischen Aspekte beim Übergang zu digitalen Texten. Kurz gefasst: Letztere gewinnen durch die Loslösung eines „starren“ Trägermediums eine völlig neue Dimension der Sinnstiftung und der Interaktion mit dem Rezipienten hinzu. Am digitalen Bildschirm werden Worte dynamisch und im besten Wortsinn manipulierbar!

Heraus aus dem Buch und darüber hinaus – Die wachsende Bedeutung des Kontextes

Bis zu diesem Punkt habe ich den Fokus der Übersichtlichkeit halber nur auf den Text selbst und die Beziehungen zum Autor und Leser gelegt. (Die vielen multimedialen Anreicherungsmöglichkeiten, die z. B. in enhanced E-Books sicherlich auch zur Veränderung der Literatur beitragen, sollen hier zunächst ausgespart bleiben.) In der digitalen Welt wird es nun, da die Interaktion mit dem Text befeuert wurde, tatsächlich erst richtig spannend. Denn der Kontextualisierung wird beim Lesen am vernetzten Bildschirm eine immer größere Rolle zukommen. Ein Studienteam der Innovationsberater von IDEO hat ein Video mit dem Titel “The future of the book” (siehe unten) zusammengestellt, das darüber nachdenkt, inwiefern (digitale) Bücher der Zukunft mit über den Text selbst hinausreichenden Informationen angereichert sein werden. Hintergrundinformationen, aktuelle Diskussionsbeiträge und die grafisch aufbereitete Positionierung innerhalb eines übergeordneten Diskurses gehören danach ebenso zum mitgelieferten Datenangebot, wie die Möglichkeit, mit wenigen Klicks zwischen verschiedenen themenrelevanten Texten hin und her zu wechseln. (Vergleichen Sie dazu die Prognosen des institute for the future of the book).

Mach es zu deiner eigenen Geschichte

Gibt es kein abgeschlossenes Trägermedium für eine Geschichte mehr, so fällt als logische Folge bald auch die Vorgabe einer festgesetzten, invariablen Handlung. In Zukunft wird es möglich sein, selbst in den Verlauf belletristischer Werke einzugreifen. So werden wir, nach Meinung von IDEO, in Zusammenarbeit mit anderen Lesern, die Handlung beeinflussen und vorantreiben und, z. B. indem wir uns in der Realität an bestimmte, im Buch beschriebene Orte (etwa den Tatort eines Mordfalles) begeben, zusätzliche Inhalte freischalten können.

Zukunftsmusik? Mitnichten: Derzeit ist die innovative amerikanische Firma Pinbooks dabei, zentrale Daten (Orte, Personen, Gegenstände usw.) von Büchern zu digitalisieren, sie mit Geo-Tags in der Realität zu verorten und Benutzern zugänglich zu machen. Mithilfe des so entstehenden supraliterarischen Netzwerkes können Leser zukünftig nicht nur das Lieblingscafé ihres Lieblingshelden besuchen, alles über den bevorzugten Scotch von Kommissar XY erfahren, sondern auch an einem beliebigen Ort überprüfen, welche Texte darauf Bezug nehmen – ein Ausgangspunkt für ein ganz neues Erleben der Welt-Literatur.

Ein kleines Aber zum Schluss

So spannend all diese Denkrichtungen auch sind, solange digitale Lesegeräte (meist sind damit einfache E-Reader gemeint) dem Leser nicht mehr bieten als digitalisierte Surrogate papierener Literatur, werden die Bücher der Zukunft weit hinter den Möglichkeiten zurückbleiben, die das Lesen am vernetzten Bildschirm heute schon bieten könnte. Spannend wird es sein, zu beobachten, wie sich die derzeit rasante Verbreitung von Tablets auf die digitale Textwelt auswirken wird.

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Schön schaukelt es sich derzeit im Herzen der Buchbranche, schwer konzentriert werden die großen Herausforderungen im Zeitalter der Digitalisierung angepackt: neue Publikationsformen, neue Vertriebswege, neue Marketingstrategien. Worüber aber (noch) reichlich wenig gesprochen wird, ist der Wandel des eigentlichen Gegenstandes unserer Arbeit: Wie wird in zehn Jahren die Literatur selbst aussehen? Wird sie von der enormen Dynamisierung des Informations- und Datenflusses und von der stetig zunehmenden virtuellen Vernetzung revolutioniert werden? Die Literatur der Zukunft, ein äußert spannendes Thema und zudem eines, das noch ziemlich im Nebel liegt.

Mein liebes Buch, wo gehst Du hin?

Spätestens als sich im letzten Jahr der Börsenverein des Buchhandels öffentlichkeitswirksam dazu entschloss, fortan etwas knorrig von „Content“ anstatt von Büchern zu sprechen, wurde es Zeit zu fragen: Was passiert da eigentlich mit dem Text, wenn wir den Inhalt einmal mehr von seinem traditionellen Träger lösen. Über die Auswirkungen auf unser Leseverhalten hatte ich an dieser Stelle ja bereits nachgedacht. Nun möchte ich die Blickrichtung etwas verändern und mögliche Auswirkungen auf zukünftige Inhalte untersuchen. Und wie so oft lässt sich der gegenwärtige „Zustand“ der Literatur am besten begreifen, wenn man sich bewusst macht, wie wir „so weit“ gekommen sind.

Was heißt hier eigentlich digital? 

Norbert Bachleitner, Professor für Komparatistik an der Universität Wien, hat eine sehr spannende Abhandlung über digitale Formen der Literatur veröffentlicht – dem Thema entsprechend selbstverständlich online. Er untersucht darin (speziell am Beispiel der Lyrik), was sich an der Konzeption von Literatur beim Übergang vom analogen zum digitalen Datenträger ändert und stellt dabei verblüffend fest, dass sich dieser scheinbar hochaktuelle Schritt in eine Entwicklungslinie integrieren lässt, die bis in die Anfänge der Schriftkultur selbst zurückreicht.

Bereits in der Antike begannen Schriftsteller damit, Texten eine von der pragmatischen Zeilenabfolge abweichende, ganz bestimmte Form zu verleihen, die die Textaussage unterstützen, interpretieren und teils auch konterkarieren sollte. Ein antikes Gedicht von Simias von Rhodos variiert beispielsweise die Verslänge so, dass die Zeilen auf dem Papier die Form von Flügeln annehmen und so in ihrer Gestalt den Gott Eros symbolisieren. Man denke außerdem an die kunstvoll und bedeutungsschwer arrangierten Schriftschlangen mittelalterlicher Buchgestaltung. In der Barockzeit kamen sog. Figurengedichte richtiggehend in Mode. Über Christian Morgensterns „Die Trichter“, die konkrete Kunst der Nachkriegszeit und die Designkunst der Stuttgarter Gruppe (Vgl. Reinhard Döhls berühmte Textgrafik „Apfel“) führt Bachleitner die Entwicklungslinie weiter bis zur Visuellen Poesie im Internet.

Ein Haufen Pixel bittet zum Tanz – bewegte Texte

Begleitet wird diese Entwicklungslinie stets von einer zunehmenden Dynamisierung der Textgestalt. Dem Übergang zur digitalen Literatur verdankt der Text dabei die Loslösung von seiner statischen Form. Er gewinnt gleichsam eine neue Dimension der Sinnstiftung hinzu und kann nun nicht mehr nur durch Inhalt und Form, sondern auch über die dynamische Komponente interagieren. Am Bildschirm haben Texte das Laufen gelernt. Sehen Sie sich dazu beispielsweise Johannes Auers Fortführung der döhlschen Grafik unter dem Titel „worm applepie for döhl“ an.

Noch ein letzter Schritt ist nötig, um nun den Aufbruch ins digitale Zeitalter der Literatur zu vollziehen: Tatsächliche Interaktion! (Vergleichen Sie dazu die Forschungsarbeit des institute for the future of the book.) Erst am vernetzten Bildschirm ist es möglich geworden, den Leser eines Textes direkt in den Gestaltungsprozess miteinzubeziehen. Auch dazu ein anschauliches Beispiel: Jim Andrews präsentiert mit „Seattle Drift“ einen poetischen Text, der spannenderweise seine Neuartigkeit selbst thematisiert. Denn er (der Text) bezeichnet sich als „bösen Text“, als einen, der ständig den Drang verspürt, sich zu verselbständigen (Kontrollverlust als eine der zentralen Befürchtungen des Digitalzeitalters). Über eine Befehlsleiste kann der Leser dem Text nun die geforderte Freiheit schenken, ihn von der Leine lassen („Do the Text“), was dazu führt, dass die einzelnen Buchstaben über den gesamten Bildschirm auseinanderdriften. Der Leser hat anschließend jederzeit die Möglichkeit, den Text in einer Momentaufnahme erstarren zu lassen, oder ihn zu „disziplinieren“, also in die ursprüngliche Form zurückzuversetzen. Was Jim Andrews an seinem Textprogramm vorführt ist somit gleichsam eine Reflektion auf die Mechanismen, die Chancen und Risiken der Digitalisierung von Texten.

„Set me free“ – Why don’t you?

Einen Text zu digitalisieren heißt also, funktional gesehen, ihn von einem statischen Träger (z. B. Papier) auf einen manipulierbaren zu überführen. Stellen Sie sich vor, Sie könnten die wenigen (zugeben bei Jim Andrews noch streng vorgegebenen) Möglichkeiten der Einflussnahme auf einen vorgefundenen Text beliebig erweitern. Dann haben Sie eine Idee davon, wie sie tatsächlich aussehen könnte, die Literatur der Zukunft. Im direkten Anschluss an diesen Gedanken wird auch vorstellbar, wie sehr sich die Rollen auf dem literarischen Feld verändern werden. Noch ist niemand in der Lage zu sagen, welche Rollen Autoren, Leser, Verlage, Buchhändler usw. dabei bekleiden werden. Und auch wenn die Diskussion dieser Fragen (verständlicherweise) hoch emotional geführt wird, die Digitalisierung selbst wird sich davon völlig unbeeindruckt fortsetzen. Sie schlichtweg zu ignorieren, wird als Lösung des Problems nicht lange herhalten – besser wir beschäftigen uns frühzeitig mit den neuen, spannenden Möglichkeiten digitaler Texte.

 

Surf-Empfehlungen: Wenn Sie möchten, sehen Sie sich auch Robert Kendalls digitale (und multimedial angereicherte) Text-Komposition “Faith” an, oder lesen Sie die thematisch passende Forschungsarbeit “What’s next for text?” von Richard A. Lanham (University of Chicago). Eine große Auswahl der Litertur von Reinhard Döhl finden Sie ebenfalls online.

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Macht uns das Lesen am Bildschirm dumm? Zerstört das Internet unsere Fähigkeit, komplexe Texte zu verstehen? Oder geht es bei der Diskussion über die digitale Revolution um ganz andere Fragen?

Manfred Spitzer hat mit seinem im Sommer erschienenen Buch „Digitale Demenz“ die Debatte um die Vor- und Nachteile der digitalen Technologie erneut befeuert. Sein neuestes Werk traf aber weitgehend auf eher ablehnende bis vernichtende Kritik. Die Auswirkungen des Computers und seiner Verwandten auf Bildung und Kultur seien differenzierter zu betrachten. Und in der Tat vermischen sich in der Diskussion regelmäßig mehrere Ebenen. Die schon angesprochene Mainzer Lesestudie hat ja auch gezeigt, dass die Technik – bedrucktes Papier oder Bildschirm – für das Lesen selbst unerheblich ist.

Die Bedeutung des Kontextes

Im Kern geht es in der Debatte um die digitale Revolution des Lesens um kulturelle Kontexte. Lesen ist schließlich nicht natürlich, sondern eine Kulturtechnik – und aus der Perspektive der Entwicklung des Menschen relativ jung. Uns erscheint die Schriftkultur nur deshalb alt, weil wir hauptsächlich als geschichtlich wahrnehmen, was schriftlich festgehalten wurde. Lesen als Massenphänomen gibt es erst seit ein paar Generationen – fast zu jedem Zeitpunkt in den vergangenen 6000 Jahren war die Mehrheit der Menschen des Lesens nicht mächtig.

Entsprechend ist das „analoge“ Lesen kein monolithischer Block – babylonische Gutsverwalter, Theologiestudenten des Mittelalters, die Mimi aus dem Schlager, die ohne Krimi nicht ins Bett ging, und SMS-Schreiberinnen der Jahrtausendwende: Sie alle haben auch unabhängig von der Technik ganz unterschiedlich gelesen. So wie sich heute die Lektüre eines wissenschaftlichen Artikels von der eines Romans und der eines Artikels aus der Bunten unterscheidet. Deshalb ist der Zusammenhang zwischen Technik und Leseakt eher indirekt: Neue Medien ermöglichen neue Formen wirtschaftlichen und sozialen Austauschs, und diese prägen dann die Gewohnheiten des Lesens.

Lesen als Training des Gehirns

Das gelingt dank der Plastizität des menschlichen Gehirns: Dieses passt sich den Anforderungen seiner Umgebung an. Nur deshalb können wir überhaupt das Lesen lernen – das Gehirn ist nicht auf die Umgebung der Steinzeit festgelegt, auch wenn wir einiges an genetischem Erbe aus dieser Zeit mit uns herumschleppen. Die Folge dieser Anpassungsfähigkeit: Wir lernen, was wir tun. Und das bedeutet auch, dass wir mit unserem alltäglichen Handeln ggf. Fähigkeiten verstärken, die wir gar nicht stärken wollen.

Vieles vom Unbehagen gegenüber dem „Digitalen“ scheint auf Beobachtungen zu beruhen, wie sie Maryanne Wolf im buchreport.magazin von August 2012 schildert: Nach jahrelangem flüchtigen, oberflächlichen Lesen im Internet habe ihr die Lektüre von Hesses „Glasperlenspiel“ keinen Genuss mehr geboten – sie hatte verlernt, sich gefühl- und fantasievoll mit dem Text auseinanderzusetzen. Dem Buch steht hier nicht das E-Book gegenüber, sondern „das Internet“.

Unsere Verwendung des Internets

Aber warum ist die dortige Lektüre „flüchtiger“, „oberflächlicher“? Das liegt nicht an der Technik – weder am Bildschirm, noch am HTML-Code. Sondern daran, wie diese neue kulturelle „Leinwand“ bespielt und genutzt wird. An der Nähe redaktioneller Inhalte zu Werbeanzeigen, die mit grafischen Elementen und Bewegtbildern vom eigentlichen Inhalt ablenken. An einem allgemeinen Kampf um Aufmerksamkeit, der auf journalistische Formen setzt, auf kurze Sätze und einfache Geschichten.

Das Internet hat zudem eine neue Freizeitbeschäftigung ermöglicht: das Surfen. Viel einfacher als in einer Bibliothek (und das sogar auf dem eigenen Sofa) kann man sich im Internet innerhalb kurzer Zeit mit ganz unterschiedlichen Themen beschäftigen. Die oberflächlichere Auseinandersetzung mit vielem (statt der intensiven Auseinandersetzung mit einem einzigen Roman beispielsweise) ist aber zunächst einmal wertfrei einfach eine andere Art, die eigene Intelligenz zu füttern. Ob es sich dabei um einen Gewinn oder einen Verlust handelt, lässt sich nur bewerten, wenn man einen Zweck der Tätigkeit unterstellt.

Spuren der Arbeit

Und hier kommt ein weiterer sozialer Aspekt ins Spiel: die Arbeit. Aus der Wirtschaft werden üblicherweise die Ansprüche abgeleitet, an denen sich die Fähigkeiten des einzelnen zu messen haben. Andererseits verstärkt das moderne Arbeitsleben aber vermutlich die Abwendung vom „tiefen“ Lesen. Wenn alles schneller werden muss, wenn die Datenverarbeitung gegenüber dem Verstehen an Bedeutung gewinnt, leidet die intensive Auseinandersetzung mit Texten gegenüber der Verwertung von Quergelesenem.

Hinter der Diskussion um unterschiedliche Medien steckt also – wie so oft – eigentlich die Frage, wie wir unser Leben führen wollen, was wir als Wertschöpfung begreifen und wie wir diese Wertschöpfung in und außerhalb von Unternehmen organisieren.

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In diesem Jahr präsentierten wir auf der Frankfurter Buchmesse stolz unser erstes eigenes enhanced E-Book auf dem iPad. Doch wie kam unsere Innovation an? Konnten die Besucher der Messe mit so viel Modernität und Interaktivität überhaupt umgehen? Ein reflektierender Erfahrungsbericht.

E-Books – zumindest komplementär nicht mehr zu stoppen

Der Umgang mit E-Books wird ja seit einigen Jahren konstant auf der Buchmesse diskutiert. Auch ich habe mich dem Thema hier schon häufiger zugewandt. In Frankfurt waren dazu auch in diesem Jahr wieder zahlreiche (und durchaus kritische) Stimmen zu vernehmen. So sagte etwa Jussi Adler Olsen bei der Vorstellung seines neuesten Thrillers „Erbarmen“, er bedauere es sehr, auf diese Weise von der Internet-Community gemobbt worden zu sein, sein Experiment zur Unterstützung des Buchhandels sei offensichtlich gescheitert. Hintergrund dieser Äußerung war, dass Olsen das E-Book zu seinem Bestseller erst ein halbes Jahr nach dem Erscheinen seines Romans herausbringen wollte. Daraufhin hagelte es Protestbriefe an Autor und Verlag. Dem Sturm der Entrüstung der vielen E-Book-affinen Leser hat Olsen dann schnell nachgegeben wie buchreport berichtete.

E-Book – enhanced und als App

Während einfache E-Books nun (fast) schon zum Alltagsgeschäft der Verlage zählen, verstärkt sich ein neuer Trend: die Erstellung von enhanced E-Books und Apps (also von multimedial angereicherten elektronischen Texten). Auch wir präsentierten auf der Buchmesse stolz unser erstes enhanced E-Book. (Programmiert wurde das Projekt als App, also als Anwendung, die eigenständig und ohne einen speziellen E-Reader auf einem Tablet o. ä. lesbar ist.) Mit banger Vorfreude erwarteten wir die Reaktionen der vielen Besucher, die an unserem Verlagsstand vorbeiströmten. Allerdings mussten wir erst einmal feststellen, dass die mediale Präsenz eines kleinen iPads gegen die riesigen Flatscreens von 3Sat und Co auf der gegenüberliegenden Seite des Flures nicht viel ausrichten kann. Unsere App war davon bedroht, schlichtweg übersehen zu werden.

Etwas verschüchtert wagten sich dann aber doch einige Besucher an das Tablet. Diese waren von den vielen Möglichkeiten und medialen Erweiterungen durchgehend angenehm überrascht. Allerdings herrschte insgesamt noch recht viel Verwirrung, sowohl was die Begrifflichkeiten, als auch was die Bedienung von Tablets und enhanced E-Books anging. Und so waren die Gespräche über unsere Buch-App doch häufig allgemeiner Art, da zumeist die vielen neuen technischen Möglichkeiten begrüßt und besprochen wurden. Manchmal konnte man dann ein schlichtes „Das’s ja doll!“ vernehmen. Manche Messebesucher fragten allerdings auch, inwiefern es sich hierbei eigentlich noch um ein Buch handeln würde?

Digital Natives

Deutlich war zudem der Generationenunterschied bei der Annäherung an das enhanced E-Book spürbar. Während ein Achtjähriger ungeniert mehrmals die Anwendung verließ, um Angry Birds und Paper Toss zu spielen, näherten sich ältere Menschen der App mit großem Respekt und manchmal sogar mit übertriebener Vorsicht.

Nach der Messe ist vor der Messe

Neben der Frage der Präsentation eines im Trubel der Buchmesse winzig erscheinenden iPads werden wir für die kommenden Messeauftritte deshalb wohl verstärkt überlegen, wie wir auch ältere Besucher an die moderne Technik und unsere App heranführen können. Schließlich wird dies nicht die letzte Vorführung eines enhanced E-Books gewesen sein. Dafür birgt die Technik zu viel Potential, um aus der elektronischen Form eines Buches eben mehr zu machen, als nur eine digital präsentierte Kopie des Textes. Und die nächste Messe kommt bestimmt.

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Wann ist ein Buch ein Buch?

August 23, 2012

Vor einigen Wochen habe ich bereits berichtet, dass der Börsenverein des Deutschen Buchhandels seit einiger Zeit beharrlich vom „Prinzip Buch“ spricht. Heute möchte ich mich einmal genauer mit diesem neuen Begriff auseinandersetzen: Was meint er eigentlich, was umfasst er und was nicht? Mit anderen Worten: Was wird auch in Zukunft aus einem Buch ein Buch machen?

Verpackung und Content

Die Coffee Table Books, mit denen ich mich anlässlich des neuen Billy-Regals auseinandergesetzt habe, betonen eine äußerliche Eigenschaft des Buches: Als physisch erlebbarer Gegenstand verdinglicht das Buch gewissermaßen seinen Inhalt. Es ist eine Verpackung und dient damit auch der Repräsentation. Dass wir es in Regalen im Wohnzimmer aufbewahren oder auf dem Couchtisch neben dem Sofa, zeigt auch unser Bewusstsein für die Rolle des Buches bei der Selbstdarstellung in sozialen Beziehungen. Beim Coffee Table Book spitzt sich das noch einmal zu, ist so ein Bildband doch gewissermaßen Corporate Publishing für Privatpersonen: Ein Buch über italienische Villen aus Renaissance und Barock soll wartenden Gästen Vergnügen bereiten und sagt zugleich etwas über den Gastgeber aus, unter anderem, dass dieser sich für Architekturgeschichte interessiert.

Das Buch erschöpft sich aber natürlich nicht darin, Verpackung zu sein. Es hat auch einen Inhalt – oder neudeutsch: Content. Wie sieht der aus? Typischerweise ist es hauptsächlich Text – entweder eine Sammlung kürzerer Beiträge oder ein einzelnes längeres Werk. Andere Inhalte verstehen sich meistens als Ergänzung zum Text. Und typischerweise ist der Inhalt eines Buches sehr gut aufbereitet – der Konsument wird durch eine verständliche Gliederung, durch narrative oder argumentative Strukturen geführt, außerdem gilt der Inhalt als qualitativ hochwertig. Deshalb haftet dem Buch in vielen Fällen auch der Nimbus des „ewig Gültigen“ an. Es ist in sich abgeschlossen, „ganz“ und ermöglicht damit eine besondere Form der Auseinandersetzung, die ich bereits in anderem Zusammenhang beschrieben habe.

Der Computer als Allesfresser

Die beiden letztgenannten Aspekte sind es aber auch, die nun durch technische Entwicklungen herausgefordert werden: durch Multimedialität und Digitalisierung.

Immer schon war es technisch möglich, Bücher zu illustrieren. Erst in den letzten 150 Jahren entstand aber die Fähigkeit, auch Töne und Bewegtbilder zu speichern. Die Speichertechnik war dabei jeweils an das zu speichernde Material angepasst. Filme und Musikaufnahmen traten deshalb in Konkurrenz zum Buch, drohten aber nicht, dieses aufzulösen. Diese Gefahr (die in Wahrheit eine Chance ist) entstand erst, als sich die Computertechnik all dieser Inhalte bemächtigte. Dieser Vorgang selbst ist recht komplex: Zum einen geht es um die Vereinheitlichung des Speichermediums – Filme, Musikaufnahmen und Texte lassen sich alle digitalisiert (und damit in gleicher Form) speichern. Zweitens entstand im Computer ein Gerät, das diese unterschiedlichen Inhalte wiedergeben kann, weil es einen sowohl für Bilder als auch für Text geeigneten Bildschirm und Lautsprecher besitzt. Und schließlich ermöglicht der Computer die flexible Kombination der Elemente, weil er von jeher mit der Vorstellung des Programmierens verbunden ist.

Anders als der Tonfilm, der auch schon Text, Ton und Bilder verband, erlaubt das „enriched E-Book“ oder das Computerspiel zusätzlich die selbstbestimmte Aneignung durch den Konsumenten, wie sie so typisch für das Buch ist. Beim Film ist mir die Konsumgeschwindigkeit vorgegeben, im gedruckten Buch kann ich blättern. Bei Apps, enriched E-Books und Computerspielen beeinflusst mein Verhalten sogar den Inhalt, die narrative Struktur.

Ein weites Feld statt klarer Grenzen

Wenn wir das Buch von seinen Geschwistern abgrenzen wollen, bekommen wir es also mit mindestens zwei Dimensionen zu tun. Die erste ist die Dominanz der Schrift. Verlangen wir in Büchern vor allem schriftlich fixierten Text, so fallen Computerspiele und Spielfilme als Bücher weitgehend aus. Allerdings sind dann auch Bilderbücher und Coffee Table Books bedroht – vor allem aber Hörbücher, die sich im Gegensatz zu den eben genannten auch nicht dadurch als Bücher „retten“ lassen, dass sie Seiten und einen Einband besitzen. Sind Hörbücher dagegen Bücher, dann sollten Spielfilme eigentlich auch welche sein – Schaubücher eben.

Die zweite Frage ist die der aktiven Aneignung durch den Konsumenten. Auf dem Weg vom reinen E-Book über das um Filme, Bilder, Musik und spielerische Elemente ergänzte E-Book zum ausgewachsenen Computerspiel nimmt die Gestaltungsleistung des Konsumenten zu, die Linearität ab. Hier kann man wohl nur willkürlich eine Grenze ziehen.

Eine weitere Frage stellt sich, wenn die Interaktion des Konsumenten sich nicht nur auf das „Buch“ selbst, sondern auch auf den Autor, die Autorin oder das Autorenteam bezieht. Damit geraten die sozialen Beziehungen in den Blick, die sich rund um die Buchproduktion gebildet haben. Auch diese reflektieren zum Teil die Produktionsstruktur. Bücher werden ja auch deshalb so sorgsam strukturiert, lektoriert und gestaltet, weil sie anschließend in möglichst hoher Auflage verkauft werden sollen. Sie sind deshalb umgeben von der speziellen Aura der Gegenstände aus Massenproduktion, einer kühlen Perfektion. Es ist heute aber denkbar, einen unfertigen Text in elektronischer Form zu publizieren und ihn dann gemäß den Rückmeldungen des Publikums nach und nach zu verbessern. Oder ihn durch die Gemeinschaft der Leser und Leserinnen strukturieren und lektorieren zu lassen. Die Rollen von Autorin, Lektor und Leserin würden sich durch ein solches Vorgehen beträchtlich wandeln. Aber entspräche das noch dem „Prinzip Buch“? Oder ist das Buch notwendigerweise ein in sich abgeschlossenes, vollkommenes Ganzes?

Der Übergang vom Buch zum Prinzip Buch ist also keinesfalls trivial. Der neue Begriff spricht aber viele virulente Themen an und spitzt sie auf die fruchtbare Fragestellung zu, was unser Leben mit den Büchern eigentlich ausmacht und was es davon zu bewahren gilt. Der Börsenverein zeigt mit der Einführung dieser Formel deshalb nicht nur seine Bereitschaft, einem grundlegenden Wandel seines ureigenen Gegenstandes Rechnung zu tragen – er vereinigt und fokussiert auch Diskurse, um die Auseinandersetzung produktiver werden zu lassen.

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Gedanken zu unserer Wertschätzung eines bedrohten Mediums

Seit Jahren begleitet ihn auf seinen Reisen stets eine 250 GB-Festplatte mit allen wichtigen Werken der Weltliteratur, dennoch ist er immer ein entschiedener Liebhaber des gedruckten Buches geblieben: Umberto Eco! Seine Lobeshymnen auf unsere papiergebundenen Kulturschätze sind Balsam auf die dieser Tage geplagten Büchermacherseelen. Gerne hören wir seine Bekenntnisse. Und doch kostet es uns immer mehr Mühe, stichhaltig zu belegen, worin der unersetzbare Wert der gefüllten Bibliotheksregale eigentlich begründet liegt.

Ja, wir lieben unsere Bücher, aber warum eigentlich?

In puncto Mobilität, Verbreitung und Verfügbarkeit überzeugt das Format E-Book längst auf der ganzen Linie. Selbst das Leseerlebnis wird dank nicht-spiegelnder E-Ink-Technologie zunehmend als zumindest äquivalent beschrieben. Wer beim Lesen nicht auf ein gewohntes Buch-Gefühl verzichten möchte, der kann sich beim Seitenwechsel eine „Umblätter-Animation“ anzeigen lassen, auf manchen Readern lässt sich dazu sogar ein kitschiger Papier-Raschel-Sound abspielen. Fast wird auf dem digitalen Lesegerät also ein „echtes“ Leseerlebnis simuliert. Fast! Denn ein Buch spricht in seiner Materialität natürlich eine Vielzahl von Sinnen des Lesers an, ein multisensorisches Erlebnis, das sich so sicher nie vollständig simulieren lässt. Aber kann es denn wirklich sein, möchte ich überspitzt formulieren, dass die Entscheidung darüber, auf welchem Trägermedium wir in Zukunft lesen möchten, beispielsweise davon abhängig ist, wie selbiges riecht? Es ist doch geradezu seltsam, wie häufig derzeit durch alle Medien über die olfaktorischen Qualitäten des gedruckten Buches gesprochen wird. Haben wir wirklich, bevor die Diskussion um digitale Buch-Surrogate zum Medienereignis geworden ist, bei der Lektüre im Stillen den Duft bedruckter Seiten goutiert? Ist es vielleicht vielmehr nur nostalgische Neigung, eine romantisch idealisierte Erinnerung, die uns das Bucherlebnis 1.0 überbewerten lässt?

Gehört die Zukunft allein dem digitalen Buch? Sollten wir das Unvermeidbare einfach akzeptieren?

Vor wenigen Wochen lehnte sich Tom Hillenbrand (erfolgreicher Romanautor und Wirtschaftsjournalist, u. a. für Spiegel Online) mit seinen „Zehn steilen Thesen zum E-Book“ auf gewohnt provokante Weise aus dem (digitalen) Fenster seines Blogs auf Netzfundbuero.de: Darunter so schmerzliche Prognosen wie, in 20 Jahren werde es (fast) keine Buchläden mehr geben, alle Bereiche des Buchmarktes wären dann digitalisiert sein und auch den (herkömmlichen) Verlagen gehe es deutlich an den Kragen, gingen doch wesentlich mehr Autoren dazu über, ihre Werke in Eigenregie zu veröffentlichen. Gerade weil sich mit Hillenbrand hier ein bekannter Autor äußerte, also einer, der selbst mit seinen Werken von dem prognostizierten Wandel betroffen ist, der durchaus als nicht unbedeutender „Player“ des Buchmarkts wahrgenommen wird, einer, dem man aber auch anmerkte, dass er seine Prognosen mit einer gewissen Portion Bedauern abgab, befeuerten die Thesen einmal mehr die hitzige Diskussion um die Zukunft des Buches. Und diese Diskussion wird zunehmend emotional geführt, man erinnere sich, um ein nur leicht entferntes Beispiel zu nennen, an die „Shitstorms“ und Drohungen, die Unterzeichner der „Wir sind die Urheber“-Kampagne im Internet über sich ergehen lassen mussten. Ohne hier auf die Details dieser Debatte einzugehen, kann sie doch verdeutlichen, wie sehr und wie breit das Thema Bücher zu mobilisieren vermag.

Warum liegt uns so viel am Buch? Eine filmische Spurensuche

Auch wenn wir immer noch weit davon entfernt sind, abschließende Aussagen darüber zu treffen, wie Literatur und wie Bücher in Zukunft aussehen werden oder sollten, es ist immerhin großartig zu sehen, dass eine fruchtbare Diskussion darüber geführt wird. Ins Feld geführt werden Argumente zur Haltbarkeit, zur Verfügbarkeit oder zum Verbreitungsgrad von Wissen und Kultur. Ebenso spannend wird etwa über anthropologische Aspekte debattiert: das Buch entspreche in seiner über die Jahrhunderte ausgeklügelten Gestaltungs- und Wesensform schlichtweg physiologischen, psychologischen oder auch sozialen Bedürfnissen des Menschen. An dieser Stelle geht es mir aber stärker um ästhetische Qualitäten. Deshalb möchte ich als Anregung ein wunderbares Video empfehlen, nämlich eine Dokumentation vom April 2012 mit dem vielversprechenden Titel „The future of print“. Regisseurin Hanah Ryu Chung hat eine Reihe ausgewiesener Buchmenschen interviewt, darunter Grafiker, Setzer, Drucker, Buchhändler und Verleger. Der Film vereint zahlreiche sehr persönliche An- und Einsichten und gerät so zu einer bildreichen Suche nach dem Proprium, nach der Faszination und dem Wert des gedruckten Buches. Ich wünsche viel Vergnügen und gute Inspiration!

EPILOGUE: the future of print from EPILOGUEdoc on Vimeo.

 

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Überlieferte Schätze

Auch Umberto Eco kommt nicht umhin, sich mit der Bedeutung von Büchern in der heutigen Zeit kritisch auseinanderzusetzen. Kürzlich habe ich dazu einen spannenden Aufsatz gefunden, der 2006 im Original erschien: „Das pflanzliche Gedächtnis“ (in: Eco, Die Kunst des Bücherliebens, 2011). Darin reflektiert Eco in gewohnter Eloquenz eine sehr wichtige Funktion von Büchern: die Bewahrung von Erinnerungen, von Geschichte und Wissen. Um die Welt um uns herum zu verstehen, sind wir auf Wissensspeicher angewiesen. Das gilt sowohl für einzelne Menschen als auch für größere Gemeinschaften: ohne Überlieferung ist alles Vergangene verloren. Aber welches Medium ist dafür das richtige?

Anhäufen oder selektieren?

Immer, wenn es darum geht, Wissen weiterzugeben, steht dem Wunsch nach Vollständigkeit die Notwendigkeit von Selektion gegenüber. Unser Gedächtnis kann viel leisten, aber natürlich kann es nicht jedes Detail behalten. Im Gegenteil, es ist sogar eine wichtige Aufgabe unseres Gehirns, eingehende Informationen nach Relevanz zu sortieren und gegebenenfalls auch wieder zu löschen. Während dem Menschen als Mittel zur Überlieferung in grauer Vorzeit nur die Sprache zur Verfügung stand und die Alten am Feuer ihr Wissen an die Jungen weitergaben, stehen uns heute durch die elektronische Speicherung schier unendliche Datenmengen zur Verfügung. „Es gibt kein größeres Schweigen als den absoluten Lärm“, sagt Eco – die vorhandene Flut an Informationen kann der Mensch nicht verarbeiten, ohne Selektion ist sie nutzlos. Hier zeigt sich eine Grundqualität von Büchern, unseres „pflanzlichen Gedächtnisses“, also der in Form von Schrift auf Papier festgehaltenen Erinnerungen und Erkenntnisse. Zugegeben, auch an Büchern herrscht bisweilen Überfluss und wir müssen eine Wahl treffen, doch jedes Buch für sich birgt eine abgeschlossene Einheit ausgewählter Inhalte. Gewiss können sich diese untereinander auch widersprechen – aber genau damit lehren sie uns, Inhalte kritisch zu bewerten. Und sie helfen uns, Muster und Schemata zu bilden, zu selektieren und damit Orientierung zu finden.

Wie schon die Alten sungen … – die Macht des geschriebenen Wortes

Ein Buch regt dazu an, sich zu fragen, wer die präsentierten Inhalte ausgewählt hat und unter welchem Gesichtspunkt. „Wir versuchen es nicht bloß zu entziffern, sondern suchen auch einen Gedanken zu interpretieren, eine Absicht.“ Durch diese permanente Befragung, den Dialog mit dem Medium, wird ein Kult des Buches möglich, der es zugleich zu einem Symbol der Wahrheit werden lässt. Während wir unser eigenes Gedächtnis oft in Zweifel ziehen, nutzen wir das pflanzliche Gedächtnis gerne als Argumentationshilfe: So steht es geschrieben! Bücher sind für uns, was einst die Alten waren. Sie besitzen Autorität, ihr transferiertes Wissen ist wertvoll und sorgsam ausgewählt. Durch sie können wir neben unserem eigenen viele weitere Leben leben.

Lesen Sie, sollten Sie Gelegenheit dazu haben, Ecos bildreichen Aufsatz – er ist eine mitreißende Liebeserklärung an das Buch!

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E-Books zum Anfassen

July 6, 2012

Ein Gespenst geht um

Wo immer man sich in der Verlagsbranche bewegt, überall hört man derzeit: E-Books, E-Books, E-Books. Manch einer findet den digitalen Trend und dessen Entwicklungen hochinteressant, der andere hingegen winkt entnervt ab, weil ihn das Dauerthema zusehends frustriert oder weil monetär nur wenig dabei herumzukommen scheint. Denn da die Deutschen, im Gegensatz zu den US-Amerikanern, ziemliche E-Book-Muffel zu sein scheinen, muten die Umsätze, die der Handel in Deutschland durch E-Books einfährt, derzeit noch recht bescheiden an. Und dennoch: Das Gespenst des mächtigen E-Books geht um und viele fürchten sich vor seinem tatsächlichen Erscheinen.

Der Buchhandel schlägt zurück

Wie ich bereits in meinem letzten Eintrag skizziert habe, stellt sich im Zusammenhang mit E-Books auch die Frage, ob der Buchhandel die digitale Revolution übersteht oder ob er geschlagen in den Untiefen der Bedeutungslosigkeit versinkt. In jedem Fall geht der Buchhandel nicht sang- und klanglos unter, sondern versucht, aktiv in das Geschehen einzugreifen und einen Platz im sich formierenden E-Book-Markt zu besetzen. Hierfür gibt es einige Beispiele, etwa den Versuch, die Leser durch die Entwicklung eines gebrandeten Readers an den eigenen (digitalen) Shop zu binden. Besonders interessant finde ich den neuesten Versuch der Alteingesessenen, sich der Umwälzungen in der Buchbranche zu erwehren: E-Book-Cards.

E-Book-Cards

Hierbei handelt es sich um Karten, die die Leser wie Bücher im Buchladen kaufen können und die einen Buch-Code zum Download eines E-Books enthalten. Die Kosten für die Karten sind mit dem Preis für das online erhältliche E-Book identisch. Die Karten brachte das Start-up-Unternehmen EPIDU vor einigen Monaten auf den Markt. Seitdem sind sie in ausgewählten Buchhandlungen erhältlich.

Der große Wurf?

Und was bringen die E-Book-Cards dem Leser? EPIDU und Buchhandel werben damit, dass der Kunde die Vorteile des stationären Buchhandels auch beim E-Book-Kauf nutzen kann: die Beratung der Verkäufer, die Auswahl, das Ambiente. Und dass er bar zahlen kann. Betrachtet man die Zielgruppe, scheinen die Vorteile der Karten jedoch genau für diese nur wenig attraktiv – handelt es sich doch mit hoher Wahrscheinlichkeit um Menschen, die gerne online einkaufen, das Zahlen mit Kreditkarte als unproblematisch empfinden und das blitzschnelle Runterladen einer Datei vom Sofa aus dem zeitintensiven Gang zum Buchladen vorziehen.

E-Books verschenken

Eine Lücke könnten die Karten allerdings schließen. Bisher kann man E-Books in Deutschland nicht verschenken, da diese immer durch den Endnutzer direkt über seinen Reader bestellt werden müssen. Möchte jemand ein E-Book verschenken, so kann er lediglich eine Gutschrift für Online-Anbieter wie Thalia oder Amazon weitergeben, nicht aber einen Gutschein für ein konkretes Buch. Dieses Problem wird durch die Karten auf elegante Art und Weise gelöst. Sie haben zudem den Vorteil, dass etwas Repräsentatives überreicht werden kann.

Back to the roots?

Dennoch ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis es den digitalen E-Book-Anbietern gelingt, auch diese Verkaufslücke zu schließen. Dann könnten die E-Book-Cards genauso schnell in Vergessenheit geraten, wie sie aufgetaucht sind.  Doch auch wenn die letzte Schlacht im E-Book-Handel noch nicht geschlagen ist, scheinen die Karten zum Verschenken eine gute Übergangslösung zu sein. Bis zur nächsten Veränderung. Und so wispert es wohl auch weiterhin überall: E-Books, E-Books, E-Books.

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Unser Redakteur war im Rahmen der Buchtage Berlin auf der AKEP-Jahrestagung 2012 und erlebte dort eine offene und kollegiale Atmosphäre, die vom gemeinsamen Wunsch geprägt war, die Zukunft der Verlagsbranche zu erfassen und mitzugestalten. Die Eröffnungsrede „Die Zukunft des Buchstabenverkaufs – professionell publizieren im Zeitalter der digitalen, sozialen Vernetzung“ hielt Sascha Lobo. Hier der Bericht unseres Redakteurs:  

Vierzehn Thesen über die „Zukunft des Buchstabenverkaufs“

Sascha Lobo habe es satt, so sagt er in seiner unverwechselbaren Art, den Verlagen immer wieder aus der Position des Beraters heraus erklären zu müssen, was zu tun sei, um für die Zukunft des Buchstabenverkaufs gewappnet zu sein. Auf der AKEP-Jahrestagung 2012 (dem zentralen jährlichen Treffen des „Arbeitskreises elektronisches Publizieren im Börsenverein des Deutschen Buchhandels“) gibt er deshalb die Beobachtungshaltung auf und kündigt am Ende seines Eröffnungsvortrages ein wenig überraschend an, mit der Gründung eines eigenen Verlages, seine Ideen endlich konsequent in die Tat umsetzen zu wollen.

Sascha Lobo ist sicherlich einer der bekanntesten Vordenker, Experten und Moderatoren des digitalen Wandels innerhalb der Publikationswelt, sein roter Irokesen-Haarschnitt ist längst zum Marken- und Erkennungszeichen geworden. Diesen Bekanntheitsgrad hat er sich durch nahezu unheimliche Geschäftigkeit als Medienwissenschaftler, Publizist, Blogger und Twitterer, als Vortragender und ja, auch nicht zuletzt, als klassischer Buchautor erworben. Zudem ist er einer, der sich freimütig in die heißen Diskussionen der Zeit einklinkt, einer, der seine Meinung sagt, seine Position vertritt, auch dann, wenn das dem jeweiligen Auditorium nicht immer gefällt. Genau deshalb wird er aber auch so gerne für Vorträge gebucht: weil er sich eben traut, sich erst schemenhaft abzeichnende Entwicklungen in knackige Worte zu fassen und mit heißen (manchmal auch heißblütigen) Thesen, sein Publikum zu verblüffen.

Und nun gibt er also, natürlich nicht ganz ohne Augenzwinkern, bekannt, die Seiten wechseln und, zusammen mit Partnern wie Christoph Kappes, einen eigenen Verlag gründen zu wollen. Dieser solle „Sobooks“ heißen und „nicht vor Ende des Jahres“ an den Start gehen. Wer Lobos Prokrastinations-Standardwerk „Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin“ gelesen hat, weiß, was der Berufsirokese damit meint. Dennoch, sollte „Sobooks“ wirklich an den Start gehen, wird es ein hochinteressantes Unternehmen sein, beruht dessen Firmenphilosophie doch auf 14 provokanten Thesen zur Zukunft des Verlagswesens, die Lobo zum Opening der Jahrestagung in Berlin vorstellte.

Darunter finden sich (für Brancheninterne) so atemberaubende Ideen wie „Das ‚Produkt Buch’ müsse zum ‚Buch als Service’ werden“, der Produktpreis müsse langfristig gegen Null gehen, dafür werde in Zukunft ein Finanzierungsmodell über den Service „drumherum“ gebraucht. Die Integration von Multimedia, bislang oft als Allheilmittel für digitales Publizieren gehandelt, löse dagegen nicht das Problem, schaffe aber neue Zielgruppen. Des Weiteren gehörten Aufbau und Pflege von Autorencommunities sowie die Bereitstellung von adäquaten Präsentationskanälen für lebendige Inhalte unbedingt zum Serviceangebot. Texte der Zukunft werden, so Lobo, prozessual, veränderbar und lebendig gestaltet sein, die Interaktion zwischen Autor und Leser werde enorm an Bedeutung zunehmen, bis schließlich die Grenze zwischen beiden Sphären verschwimmen werde. Hinzu kommt Lobos Idee der Social Reading Experience, der Möglichkeit nämlich, direkt beim Lesen mit anderen Lesern in Kontakt treten, Kommentare abgeben und teilen sowie Empfehlungen aussprechen zu können.

Ein „Buch“, das wird in Zukunft vielleicht am Besten beschrieben werden als der Ort, an dem (viele) Leser und Autoren (gleichzeitig) interagierend zusammenkommen. Im Grunde genommen ist diese These aber gar nicht so neu, auch wenn sie bisher wenig (öffentlich) diskutiert wurde. Sie deckt sich beispielsweise weitestgehend mit der Idee vom „Buch der Zukunft als sozialer Ort“ des „institutes for the future of the book“, die ich hier bereits vorgestellt hatte.

Die Frage aber, die sich vor allem im Zusammenhang der AKEP-Jahrestagung stellte, war doch: Was bedeutet denn eine solche Zukunftsperspektive für die Verlagslandschaft? Nun, zum einen lässt sich sicher sagen, Verlage werden auch in Zukunft gebraucht werden. Zum Beispiel als diejenige Institution, die den Zugang zu jenem sozialen Ort, formerly known as „book“,  auf einer speziell dafür vorgesehenen Plattform bereitstellt, als Trägermedium und Servicekraft und als diejenige Position, die die Inszenierung einer Geschichte vorantreibt, die den Zusammenhang herstellt, Heimathafen und fester Ankerplatz ist für den sich im Fließen und im Sich-Verändern begriffenen Text.

An dieser Stelle angekommen, gebe ich zu, dieses Modell ist nach wie vor reichlich abstrakt, viele weiße Bereiche im losen Gedankenkonstrukt gilt es sicher in den kommenden Jahren noch zu Füllen. Auch bleiben genug bange Fragen: Welche Art von Texten werden wir in Zukunft von diesen sozialen Orten zu erwarten haben? Gibt es oder braucht es “Kontrollinstanzen” für die Entwicklung einer Geschichte? Wer bändigt in Zukunft Trolle, Shitstorms und Konsorten? Sascha Lobo würde vermutlich empfehlen, was er auch als Reaktion auf das Thema Piraterie vorschlägt: Einfach ignorieren! Das spare Geld und man schlafe besser. Man müsse schlichtweg hinnehmen, dass es in der (digitalen) Gesellschaft „10 bis 15% Arschlöcher“ gebe. Diese seien selbiges aber glücklicherweise in der Regel nur temporär. Mit etwas Geduld könne sich das Problem von alleine lösen.

Ohnehin gibt es dringendere Fragen. Werden Verlage in Zukunft tatsächlich nicht mehr viel mehr als „Buchstabenverkäufer“ darstellen? Vorbei die Zeit der Mitgestaltung einer kulturellen Literaturszene? Und ja, ohne empörten Urhebern der Gegenwart zu nahe treten zu wollen, wie alle diese (von vielen Akteuren gemeinsam geschaffenen) Geschichten der Zukunft mit einem Urheberrecht in Einklang zu bringen sein könnten, das wird eine richtig harte Nuss. Erleben wir auch beim Medium Buch die endgültige Abkehr von der Vorstellung des originären Geniegedankens (seit dem 18. Jahrhundert personifiziert durch den Autor, bald in freundlicher Beratung durch seinen Lektor/Verleger) hin zur schwarmschlau sich selbst bildenden und kontrollierenden Massenkontribution?

Wer will diese Fragen schon beantworten? Wer traut sich an eine solche Prognose heran? Aber genau deshalb wird er ja auch immer wieder so gerne eingeladen, der Herr Sascha Lobo, weil er, ich wiederhole mich, sich eben traut, sich erst schemenhaft abzeichnende Entwicklungen in knackige Worte zu fassen. Aber diesmal haben wir ein ganz besonderes Versprechen bekommen: Wir werden sehen, ob uns „sobooks“ als Modell des neuen Publizierens die Augen öffnen kann. Spannend wird es allemal. Insofern wünschen wir Herrn Lobo viel Erfolg bei der Umsetzung seiner Idee.

Christian Sachseneder

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Ratgeber in Bewegung

June 14, 2012

Neue Formate für die Internetgesellschaft
Die Internetplattform Pink University mischt mit einem neuen Format die Ratgeberbranche auf und verspricht ein neuartiges, zeitgemäßes Lernangebot: Sie bietet Ratgeber im Videoformat zu den Themen Beruf und Karriere, Führung, Verkaufen, Gesundheit und Freizeit sowie betriebliche Weiterbildung für Firmenkunden – und bereitet damit dem klassischen Ratgeber in Buchform direkte Konkurrenz. Die Pink University setzt damit noch konsequenter um, was sich schon seit vielen Jahrzehnten im Telekolleg bewährt hat, und greift so einen nicht zu übersehenden Trend auf, denn immer mehr Gebrauchs- oder andere Anleitungen werden inzwischen als Video angeboten. Britta Kroker, Geschäftsführerin von Managementbuch.de, ehemalige Verlagsleiterin von Campus und damit verantwortlich für den Bestseller „Simplify your life“, hat Pink University 2011 gemeinsam mit Murmann-Verleger Sven Murmann ins Leben gerufen und damit schon für einige Aufmerksamkeit gesorgt. Anfang 2012 berichtete das Handelsblatt ausführlich über das Start-up, das angetreten ist, um den Ratgebermarkt zu revolutionieren: Vollmundig verspricht Pink University bessere Lernerfolge, als sie ein gedruckter Ratgeber bieten könne.

Was bietet die Pink University?
Pink University ist ein Weiterbildungsportal, das Videokurse von bekannten Autoren und Trainern anbietet. Geskriptet und für das Medium Video aufbereitet werden die Inhalte von Verlagsredakteuren. Der Nutzer kann Kurse oder Seminare buchen, die er jederzeit und so oft er möchte anschauen kann. Die Seminare umfassen acht bis zwölf Kurseinheiten, die einzelnen Kurse sind abgeschlossene Lerneinheiten und dauern je ca. zehn Minuten. Das Angebot orientiert sich an der klassischen Präsenzschulung, da die Video-Lectures das Lernen quasi von Angesicht zu Angesicht ermöglichen. Außerdem erhalten die Nutzer Checklisten, Auszüge und Zusammenfassungen zum Nachschlagen und als Umsetzungshilfen.

Die Zukunft des Ratgebermarktes?
Crossmediale Angebote sind im Trend. Apple beispielsweise wendet sich mit „iBooks 2“, einer App für interaktive und multimediale Lehrbücher, an Schüler und Studenten, wenn auch kritische Stimmen gerade in diesem Bereich vor einer Monopolisierung warnen. Ob die klassische Ratgeberliteratur gänzlich durch Anbieter wie Pink University ersetzt werden kann, darf jedoch bezweifelt werden. Ein mehrere Hundert Seiten umfassendes Buch wird mit Sicherheit immer mehr Tiefe und Reflexion bieten können, als ein wenige Stunden umfassendes Videoseminar, und die teilweise gegenüber Büchern verhältnismäßig hohen Preise dürften die Zielgruppe bei manchen Themen etwas eingrenzen. Unleugbar ist das Studium von Lernvideos aber deutlich bequemer und unmittelbarer, erleichtert so den Zugang zu den Inhalten und erhöht möglicherweise auch die Aufnahmebereitschaft – und es erfordert schlicht weniger Zeit. Vielleicht entspricht das Lernen per Video damit einer neuen digitalen Lebensweise und könnte durchaus ein Modell für die Zukunft werden. Aus meiner Sicht drängt sich jedenfalls eine Verbindung der Videoformate mit anderen Medien bzw. die Kooperation mit anderen Content-Anbietern förmlich auf; so könnte das Angebot beispielsweise die E-Book-Ausgaben klassischer Ratgeber ergänzen. Entsprechend gab es im Mai dieses Jahres bereits eine gemeinsame Reihe von Bild.de und Pink University zu den Spielregeln der Gehaltsverhandlung, und Kroker plant laut dem Handelsblatt für die Zukunft auch eine Zusammenarbeit mit Ratgeberverlagen.

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