Die Literatur der Zukunft

Alle wollen grün sein

In Deutschland hat sich in den letzten Jahren ein starkes ökologisches Bewusstsein etabliert. Begriffe wie „Klimawandel“ oder „Energiewende“ sind in aller Munde. Immer häufiger bekommt man den Eindruck, alle wollen irgendwie ein bisschen „grün“ sein. So müssen sich auch Märkte und Unternehmen von der Öffentlichkeit die Frage gefallen lassen, wie ökologisch nachhaltig sie wirtschaften und wie umweltschonend die von ihnen hergestellten Produkte sind. Selbiges gilt natürlich auch für den Buchmarkt. Denn so wertvoll das Medium Buch auch ist – bei rund 100 000 Neuerscheinungen pro Jahr allein in Deutschland zeigt sich schon so manches Sorgenfältchen angesichts der Frage nach dem Rohstoffverbrauch. Nicht wenige sehen deshalb das digitale Buch als Lösung des Problems.

Der Antagonismus ist tot. Es lebe der Antagonismus!

Man sieht schon – auch hier kommt der gerne postulierte Antagonismus „elektronisches vs. gedrucktes Buch“ ins Spiel, zu dem ich mich ja bereits in einem meiner letzten Einträge geäußert habe. Lässt man aber die Prämisse einmal gelten, dass das elektronische und das gedruckte Buch Gegenspieler sind, so drängt sich schnell die Frage auf: Wird sich das E-Book in Zukunft allein deshalb durchsetzen können, ja müssen, weil es die unter ökologischen Gesichtspunkten bessere Publikationsform ist?

Leichtes Spiel fürs E-Book?

Auf den ersten Blick hat das E-Book leichtes Spiel, ein solches Kräftemessen für sich zu entscheiden – schließlich muss ja zur Produktion eines E-Books kein einziger Baum gefällt werden. Aber ist dem wirklich so?

Beschäftigt man sich eingehender mit der Frage, wie ökologisch nachhaltig E-Books sind, wird schnell klar, dass die Ökobilanz keineswegs so positiv ausfällt wie erwartet. Schließlich werden für die Herstellung der elektronischen Lesegeräte in großem Maße Rohstoffe und Energie verbraucht:  bis zu 15 kg Mineralien, circa 300 l Wasser und 100 kw/h Energie werden zur Produktion eines einzigen Tablets benötigt. Was dabei besonders ins Gewicht fällt: Mineralien sind fossile Rohstoffe, die nur begrenzt zur Verfügung stehen und vom Menschen nicht ersetzt werden können.

Demgegenüber handelt es sich bei Papier, der bekanntermaßen primären Ressource zur Herstellung eines gedruckten Buches, um einen nachwachsenden Rohstoff. Dennoch – in Deutsch­land werden jedes Jahr mehr als zehn Tonnen Primärfaser, die direkt aus Holz gewonnen werden, für die gesamte Papierproduktion (also von Büchern, Zeitungen, Zeitschriften und Werbematerialien) benötigt – eine ganze Menge Holz.

Bilanz 1:50

Stellt man die benötigten Rohstoffe einander gegenüber, so ergibt sich, dass die Herstellung eines elektronischen Lesegerätes etwa 40- bis 50- mal mehr Brennstoffe, Wasser, Mineralien und Energie benötigt als die eines gedruckten Buches. Umgekehrt heißt das, dass beim Download des 50. E-Books der Ressourcenverbrauch dem eines Printexemplars entspricht. Dies hieße, dass das E-Book erst ab dem 51. Download als Sieger aus dem Öko-Wettstreit hervorginge.

Remis

Neben diesen Zahlen und Fakten, die man detailliert in dem informativen Artikel „Grüner lesen“ im Börsenblatt (Ausgabe vom 09.02.2012) nachlesen kann, gibt es aber eine ganze Reihe weiterer Faktoren, die die Entscheidbarkeit dieser Frage verkomplizieren. Man denke zum Beispiel an Folgendes: In der Regel werden von Printbüchern gewaltige Auflagen produziert. Was sich nicht verkaufen lässt, landet unter Umständen als Remittende im Altpapier. Das Problem der Überproduktion gibt es dagegen bei E-Books nicht. Dafür stellt sich, wie bei allen elektronischen Geräten, die Frage nach der Entsorgung defekter Lesegeräte.

Ein weiterer Aspekt: Gedruckte Bücher sind wesentlich haltbarer und daher zumeist langlebiger als E-Books. Darüber hinaus können sie verliehen, verschenkt und vererbt werden, sodass mehrere Leser in den Genuss der Lektüre kommen. Da Haltbarkeit, Weitergabe und Recycling aber variable Kriterien sind, die nicht so einfach mathematisch summiert werden können, gestaltet sich eine fundierte Gesamtbilanz schwierig.

So bleibt im ökologischen Wettstreit nur ein unbefriedigendes Remis und die Gewissheit, dass die aufgeworfene Fragestellung in unserem grünen Deutschland ganz sicher nicht vergessen, sondern lediglich vertagt ist.

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Müssen wir uns vor elektronischen Publikationen in Acht nehmen?

Anfang des Jahres brachte die Nachricht, der Onlinehändler Amazon habe im Januar erstmals mehr E-Books als Paperbacks verkauft, einmal mehr die Buchbranche zum brodeln. Ohne Zweifel, wir befinden uns in einer Umbruchphase, einer Zeit, die mit rasanten technischen und konzeptionellen Innovationen, so manch dringende, manch bange Frage aufwirft – übrigens auch für Autoren. Welche Form des Veröffentlichens ist für ein bestimmtes Anliegen die richtige? Wie und über welche Kanäle erreiche ich die richtige Zielgruppe?

Es gibt viel zu bedenken und viel zu diskutieren in der Buchbranche. Dabei birgt der Umbruch selbstverständlich auch reichlich Spannendes für die Welt des Publizierens. Nie waren die Möglichkeiten, mit einer Botschaft an die Öffentlichkeit zu treten, vielfältiger. Insofern betrachte ich die Neigung der Branche, größtenteils mit Ablehnung oder gar mit Angst auf die entsprechenden Innovationen zu reagieren, mit einer gewissen Verwunderung. Besonders merkwürdig ist dabei der gerne postulierte Antagonismus „elektronisches vs. gedrucktes Buch“, der, angeheizt durch Pressemeldungen wie die eingangs zitierte, gerne in der Berichterstattung ausgebreitet wird. Es gibt meiner Ansicht nach keinen Grund, warum in Zukunft nicht digitale und „analoge“ Publikationsformen gleichberechtigt nebeneinander stehen und sich je nach Genre, Kommunikationsanlass und -ziel sogar sinnvoll ergänzen sollten.

Anlässlich der Berliner Lektionen befasste sich kürzlich der ausgewiesene Internetexperte und -vordenker David Gelernter mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf Sprache und Kultur. Gelernter ist Zukunftsforscher und Inhaber eines Lehrstuhls für Computerwissenschaften an der Univerität von Yale. In Publikationen wie „Mirror Worlds“ von 1991 sah er den Aufstieg des World Wide Webs voraus und gilt als Wegbreiter des sog. Cloud Computings. Seinen Vortrag, der in gekürzter und übersetzter Fassung vom Tagesspiegel veröffentlicht wurde, halte ich für sehr lesenswert.

Gelernter befürchtet u. a., das Internet sei inzwischen zu einer „Bedrohung für die Integrität der Sprache geworden.“ Unsere Gesellschaft neige dazu, alles Geschriebene in die Cybershäre zu verschieben. Briefe, Unterhaltungen, Termine, Journalismus, Bücher – alles werde elektronisch publiziert und erzeuge eine Flut an Informationen, die den Menschen schlichtweg überfordere. Infolge der digitalen Revolution werde immer mehr und immer schneller geschrieben, was dazu führe, dass auch schnell und nicht mehr allzu sorgfältig gelesen werde.

An Gelernters Argumentation finde ich vor allem zwei Dinge bemerkenswert. Zum einen zeigt sich, dass hier selbst ein sog. „heavy user“ des Internets Bedenken anmeldet, angesichts der Entwicklung, die unsere Medien- und Kulturlandschaft gegenwärtig erfährt. Finden sich keine geeigneten Steuerungsmechanismen, so befürchtet der amerikanische Forscher einen „Niedergang des Schreibens und Verlegens“ und damit eine existenzielle Bedrohung der Sprache an sich. Deshalb hält er in seinem Vortrag ein Plädoyer für langsameres Denken und Publizieren. Das Tempo zu drosseln und sich bewusst zu gründlichem Schreiben und Lesen zu bekennen, sei der beste Weg, um dieser Bedrohung zu begegnen. Für die Manifestation dieses Bekenntnisses und damit für „das beste Design der westlichen Geschichte“ hält der Internetpionier ausgerechnet das gedruckte Buch, das in seiner Haptik, in seiner Haltbarkeit, kurz in seiner Materialität ein unverzichtbares Kulturgut sei. Natürlich schmeicheln solche Aussagen der Buchmacherseele. Viele der Werte, die in dem Artikel mit dem Buch in Verbindung gebracht werden, halte auch ich für gut und wichtig.

„Das physische Buch fügt dem geschriebenen Wort Gewicht, Substanz und Würde hinzu.“ Dem kann ich mich nur anschließen. Dennoch erstaunt es mich, und damit komme ich zum zweiten Punkt, dass ausgerechnet so ein verdienter Zukunftsforscher beim Thema E-Book in seinen Überlegungen so weit hinter dem Potential des Mediums zurückbleibt. Ich teile nicht Gelernters Befürchtung, dass E-Books in absehbarer Zukunft das gedruckte Buch ersetzen werden. Weder der geringere Preis noch der leichte Transport großer Datenmengen, beispielsweise auf Urlaubsreisen, wird so sehr ins Gewicht fallen, dass Leser dauerhaft und im großen Stile auf die Vorteile physischer Bücher verzichten werden. Eine aktuelle Umfrage in den USA hat im Übrigen ergeben, dass zwar die Zahl der Besitzer eines elektronischen Lesegerätes weiter zugenommen hat, gleichzeitig aber auch der Anteil der erklärten E-Reader-Verzichter gestiegen ist.

Ich bin der Meinung, dass auch in Zukunft Texte in gedruckter, gebundener und ästhetisch aufbereiteter Form geschätzt und gekauft werden. Daneben werden sich aber auch elektronische Publikationsformen etablieren. Dieser Markt ist zu spannend und bietet zu viele neue Möglichkeiten, als dass man sich ihm verweigern könnte. Lesen Sie dazu zum Beispiel meinen Artikel über die Arbeit des „institute for the future of the book“ oder den wunderbaren Gastbeitrag Michael Schikowskis auf börsenblatt.de. Letztlich geht es doch darum, für jedes Publikationsziel die geeignete -form zu finden. Hier gelten für Lehrbücher sicherlich andere Rahmenbedingungen, als für den Abenteuerroman oder einen Reiseführer. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt einen Antagonismus zwischen elektronischem und gedrucktem Buch zu konstruieren, wird für die Suche nach dem jeweils idealen Veröffentlichungsmodell sicherlich nicht zweckdienlich sein. Eine Gefahr für das Kulturgut Buch ist m. E. längst nicht in Sicht, höchstens eine Gefahr für unbewegliche Vorstellungen und starre Strukturen. Davon aber können wir uns zuversichtlich verabschieden, wenn wir flexibel und neugierig bleiben.

Außerdem, so ließe sich mit Schikowski argumentieren, kennen wir im Grunde noch gar nicht den eigentlichen Gegenstand der Diskussion. Denn das E-Book als eigenständige Publikationsform, als eine, die die Möglichkeiten des Mediums ausschöpft und nicht bloß digitalisiertes Surrogat der Druckversion ist, ist noch gar nicht gefunden. Derzeit wird allerdings fieberhaft genau daran gearbeitet. Ein erstes Zwischenergebnis stellt für Schikowski der bei Bastei Entertainment erscheinende digitale Serienroman „Apocalypsis“ dar. Wer mag, kann sich hier eine erste Idee davon verschaffen, was digitale Bücher in Zukunft leisten könnten. Eine weitere, sehr gute Möglichkeit, um ein offenes Ohr für spannnede Innovationen auf dem Publikationsmarkt zu bewahren, stellt selbstverständlich die Leipziger Buchmesse dar, die noch diese Woche ihre Pforten öffnet.

Ich meine, für Büchermacher sowie für alle an Sprache und Büchern Interessierte gilt es, sich die Neugier an den Möglichkeiten, alten wie neuen, zu bewahren und auf dieser Grundlage, für jedes Publikationsziel nach der idealen Umsetzungsmöglichkeit zu suchen. In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern (und allen Schreibenden) eine spannende, interessante und vor allem inspirierende Buchmesse.

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Bei allem theoretischen Nachdenken über Wesen, Alltag und Beweggründe des Autors sollte eines nicht vergessen werden: Der Wandel der Zeit, dem sowohl das (Selbst-) Verständnis des Autoren wie auch das Schreiben an sich unterworfen ist. In dieser Hinsicht möchte ich noch einen kurzen Nachtrag zu den Überlegungen des letzten Beitrags liefern.

Derzeit findet auf Initiative des Vereins Fun-For-Writing e. V. unter dem Titel „Federleicht“ ein offener Schreibwettbewerb statt, an dem jeder teilnehmen kann – und soll. Die Schirmherrschaft übernimmt der Regierende Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit höchstpersönlich. Das Besondere: Der Wettbewerb möchte unter dem Wahlspruch „Das Wichtigste ist der Spaß am Schreiben“ mit einem integrativen Ansatz zeigen, dass Schreiben eine enorm vielschichtige Kulturtechnik ist, zu der alle Menschen befähigt sind, bzw. die wir alle im Grunde fortwährend, teils unbewusst, ausüben. Konsequent nimmt der Wettbewerb ausdrücklich auch Schriftformen mit in den Fokus, die zunächst oft übersehen werden, beschäftigt man sich mit Sprache, Schrift und Literatur. So werden nicht nur Kurzgeschichten, Märchen und Romane prämiert, sondern auch Schriftformen wie SMS, Liedtexte und Briefe. Der Schreibwettbewerb richtet sich zudem ausdrücklich nicht nur an deutsche Staatsbürger, sondern an alle, die sich gerne mit der deutschen Sprache beschäftigen. Einsendeschluss ist der 30. April 2012. Aus den Einsendungen wählt eine prominent besetzte Jury (u. a. mit dem Schriftsteller Wladimir Kaminer, dem Kolumnisten Harald Martenstein, aber auch mit Dr. Motte, dem Gründer der Loveparade) die Sieger aus, welchen eine Reihe von Sach- und Geldpreisen winkt. Die feierliche Verleihung findet Anfang 2013 in der Neuköllner Oper statt, die zu den Sponsoren der Aktion gehört. Nähere Informationen finden sich auf der Website des Schreibwettbewerbs Federleicht.

Das Beispiel dieses Schreibwettbewerbs ist nicht nur deshalb interessant, weil es als ambitionierte und lobenswerte Aktion die Leidenschaft am Schreiben und den produktiven Umgang mit Literatur fördert, sondern weil es die Aufmerksamkeit auf einen Aspekt lenkt, der bei aller Konzentration auf die zukunftsweisende Trends und technische Innovationen gerne zu kurz kommt: Literatur fängt bei den Menschen an. Deren Schreibgewohnheiten, deren Zugang zur Schrift bzw. veränderte Rahmenbedingungen in deren Leben wirken sich ebenso auf die Zukunft des Publizierens aus, wie strategische Überlegungen des Verlagswesens oder drucktechnische Innovationen. Wenn sich alltägliches Schreiben (per SMS, per E-Mail, auf Blogs und in Social Media Anwendungen) in zunehmenden Maße digital abspielt, warum sollte dieses Phänomen dann nicht auch Auswirkungen auf unser Verständnis von Literatur mit sich bringen? Mit anderen Worten, können wir so tun, als ob alltägliches und literarisches Schreiben Sphären ohne gegenseitige Berührungspunkte darstellen? Oder müssen sich gegenwärtige Schreibtechniken nicht zwangsläufig auch in der Literatur unserer Zeit widerspiegeln? Und schließlich: Wer an einem repräsentativen Querschnitt durch die gegenwärtige deutsche Literatur interessiert ist, der sollte nicht allein auf renomierte Literaturpreisverleihungen schauen, sondern ebenso innovative Wettbewerbe wie den hier vorgestellten im Auge behalten.

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Lesen und lesen lassen

February 10, 2012

Nachgedacht und mitgemacht, die Zukunft des Buches

Wie sehen Bücher in Zukunft aus? So fragte der Börsenverein des Buchhandels unlängst in einem Schülerwettbewerb. Das Börsenblatt weiß von inzwischen mehr als 500 eingegangenen kreativen Ideen zu berichten, aus denen noch im Februar eine Jury die Gewinner wählt. Bilder, Skulpturen, Filmbeiträge und „der Buchträumer“, ein futuristischer Ansaugstutzen, den man vor dem Schlafen an die Schläfe setzt, um nachts eine Geschichte per Traum zu erleben – die schiere Vielfalt der Zukunftsvisionen ist beeindruckend. Das gilt für die hier angesprochenen Schüler ebenso wie für ausgemachte Branchenexperten. Aber wie auch immer das Buch der Zukunft im Detail aussehen mag, es besteht doch ein Konsens darin, dass Geschichten und das Lesen auch in Zukunft eine zentrale Rolle im Leben der Menschen spielen werden. Diese einfache Wahrheit übersieht man leicht bei all der Zukunftssorge und bei aller Konzeptsuche, mit der die Buchbranche gegenwärtig beschäftigt ist.

Das Buch liegt den Deutschen am Herzen und wird dies nach aktuellen Prognosen sehr wahrscheinlich auch in Zukunft tun. Dennoch bleiben wir als Buchbegeisterte immer dazu aufgerufen, Lesemuffel zu überzeugen und das Kulturgut Buch und dessen Wertschätzung in der Bevölkerung zu verbreiten. Letzten Endes kommt es doch darauf an, nicht nur ängstlich auf die Statistiken zu blicken, sondern aktiv zu werden und die Stärken des Buches zu nutzen. Wer mit Begeisterung dabei ist, der wird auch andere überzeugen.

Anlässlich des Welttages des Buches (dem 23. April 2012) hat sich ein Bündnis aus Verlagen, dem Börsenverein, der Stiftung Lesen und Sponsoren eine besondere Aktion ausgedacht: Lesefreunde können sich auf einer Internetseite eintragen und damit zum Buchschenker werden. Wer sich registriert, wählt aus einer hochkarätig besetzten Liste von Büchern kostenlos eines aus, das er oder sie an andere Menschen verschenken möchte. Ziel ist es, gerade diejenigen Menschen zu beschenken, die bisher eher selten oder gar nicht lesen. Die registrierten Buchschenker erhalten von dem ausgewählten Titel jeweils 30 kostenlose Exemplare zum Verschenken. Bisher sind etwa 25.300 von 33.333 möglichen Buchschenkern registriert. Die Anmeldung zur Aktion ist noch bis zum 20. Februar 2012 möglich. Schenken auch Sie Lesefreude und tragen Sie dazu bei, Menschen für Bücher zu begeistern!

Abschließend möchte ich Ihnen ohne große Erklärung noch ein Netzfundstück präsentieren. Sehen Sie sich das Video nach Möglichkeit bis zum Ende an und lassen Sie sich überraschen. Das Ende des Publizierens ist noch lange nicht gekommen.

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Das Buch als sozialer Ort

November 24, 2011

Zukunftsperspektiven auf das Schreiben und Lesen

Dass sich die Buchbranche durch die fortschreitende Digitalisierung beständig verändert, habe ich hier schon mehrfach behandelt. Dazu gibt es eine Reihe von Untersuchungen und Meinungen, die darlegen, wie die Arbeit von Verlagen und Buchhändlern der Zukunft aussehen könnte. Was dagegen viel schwieriger vorhersehbar ist, ist das Thema: Wie wirken sich Aspekte der Digitalisierung und der globalen Vernetzung auf den Schreib- und Leseprozess selbst aus?

Bob Stein. Fotograf: James Duncan Davidson. Alle Rechte vorbehalten.

Nichts weniger hat sich eine ambitionierte internationale Forschergruppe zum Gegenstand gewählt. Das Institute for the Future of the Book mit Sitz in New York, London und Brisbane erforscht auf Initiative des Multimedia-Pioniers Bob Stein seit 2005 die Auswirkungen auf Schreiben und Lesen beim Übergang eines Textes vom Papier auf den (vernetzten) Bildschirm. Das Institut versteht sich selbst als Denkfabrik (engl.: Think-Tank), die internationale Experten zusammenbringt, um zukunftsweisende Modelle oder Strategien zu entwickeln und entsprechende öffentliche Diskurse zu fördern. Ihre These: Die schwerwiegendsten Veränderungen betreffen die Interaktion zwischen Lesern sowie zwischen Autor und Leser. Am vernetzten Bildschirm wird sich der soziale Aspekt von Lesen und Schreiben enorm verstärken.

Diese Idee klingt zunächst überraschend, gelten doch in unserer Kultur die Tätigkeiten des Autors, wie die des Lesers, als die am weitesten zurückgezogenen Beschäftigungen überhaupt. In Zukunft aber könnte Schluss sein mit der Isolation des Versschmiedes in seinem Kämmerlein oder mit der einsamen Lektüre im Ohrenbackensessel. Basierend auf HTML5 entwickelten die klugen Köpfe des Think-Tanks eine Software, die Autortext und Leserkommentare zusammenbringt. Neben den dort präsentierten Originaltexten wurde eine Extraspalte platziert, in der Leser erstere kommentieren, Fragen stellen und eigene Gedanken für Andere einsehbar anfügen konnten. Dadurch sei die Möglichkeit gegeben, bei der Lektüre mit anderen zu interagieren, ein gemeinsames Leseerlebnis zu schaffen und kreativ auf den Originaltext einzuwirken. Letzterer könne so über den ihm ursprünglich gesetzten Rahmen hinaus wachsen. An zunächst schwer verständlichen Stellen könne gefeilt werden. Der Lektürewert könne, durch die Beteiligung vieler Nutzer mit jeweils spezifischem Wissen, mit jedem neuen Zugriff steigen, zumindest wenn es nach der optimistischen Sichtweise des Instituts geht. Deren Vision geht sogar noch einen Schritt weiter.

Am Beispiel von McKenzie Warks „Gamer Theory“ wurde erfolgreich damit experimentiert, zukünftige Leser schon „früher“, also noch während des Schreibprozesses, kreativ mit einzubinden. Wark stellte seinen Text kapitelweise auf einer Onlineplattform des Intituts zur Verfügung und beteiligte sich anschließend an der, wie sich herausstellte, regen Diskussion. Erst nach dem Einpflegen hilfreicher Vorschläge und Anmerkungen erklärte er seinen Text verbindlich als „geschrieben“. Das Ergebnis kann auf der Homepage des Think-Tanks eingesehen werden.

 

Geht es nach Bob Stein und seine Kollegen wird dieses Beispiel Schule machen und so im Idealfall die Grenzen zwischen Schreiben und Lesen durchlässiger machen. Leser erhalten eine aktive Rolle bei der Produktion von Wissen und Ideen, die traditionellen Hierarchien zwischen Autor, Leser und Verleger werden sich abflachen. Über vernetzte Bildschirme können in Zukunft viele denkende Köpfe gemeinsam an der Entwicklung von Inhalten arbeiten. So übernehmen mehr Köpfe die Arbeit des Verstehens und schaffen so (hoffentlich) verständlichere Antworten. „Ein Buch ist auf dem Weg, ein ‚Ort’ zu werden, an dem Leser zusammenkommen, manchmal mit dem Autor“, sagt Stein, wie die Zeitschrift buchreport berichtet. Wie aber könnte so ein abstrakter „Ort“ aussehen? Dabei denke man vor allem an spezielle Online Communities, über die der fruchtbare Austausch, das Bündeln und schließlich die Präsentation von Inhalten ablaufen könnten. Diese werden eine entscheidende Rolle für die „Buchwelt“ der Zukunft spielen. Im Zeitalter des Lesens an vernetzten Bildschirmen wird sich der Vertrieb von Inhalten an den Regeln digitaler Netzwerke orientieren müssen. Immer wichtiger wird sein, wo die Dinge stehen und in welchem Zusammenhang. „Im Druckzeitalter mag der Inhalt König gewesen sein, aber in der Ära des Internets ist es der Kontext, für den die Menschen bezahlen“, so Stein. Bereitstellung, Betreuung und Ausbau solcher Kontexte wird die große Herausforderung ambitionierter Publizisten von morgen sein.

Was das Institute for the Future of the Book hier vorzeichnet, ist sicherlich Zukunftsmusik. Viele grundlegende Fragen dazu sind noch völlig ungeklärt. Man denke allein an die Problematik der Urheberschaft oder an die Frage nach der Verbindlichkeit einzelner Textfassungen angesichts einer fortlaufenden globalen Überarbeitung. Einen spannenden Ausblick auf eine mögliche Rollenverteilung bei der Textproduktion der Zukunft liefern diese Ansätze aber doch. Darüber hinaus sind die Wissenschaftler zuversichtlich, dass sich angesichts der rasch voranschreitenden Digitalisierung solch eine neue, zeitgemäße dominante Textform schneller durchsetzen wird als seinerzeit der Roman, der stattliche 200 Jahre für seine gesellschaftliche Etablierung benötigte.

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Es sind die guten Geschichten, die Menschen bewegen. Aber längst nicht mehr alle guten Geschichten, die das digitale Zeitalter hervorbringt, findet man zwischen zwei Buchdeckeln. Joanne K. Rowling zum Beispiel begann ihre Erfolgsgeschichte mit den Romanen um den Zauberei-Schüler Harry Potter. Inzwischen dürfte aber die finanziell äußerst erfolgreiche Kinofilmreihe einen wesentlichen Beitrag zum Bekanntheitsgrad der Geschichte beitragen. Auch als Video- und Computerspiel kann man die Abenteuer in Hogwarts nacherleben. Und der neueste Coup: Auf der Internetplattform Pottermore.com, die bald der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll, können Fans J. K. Rowlings Geschichten fortschreiben. Das Hogwarts-Universum lebt inzwischen in vielen verschiedenen Medien unter jeweils spezifischen Bedingungen. Die Romane allein bilden dabei nur einen Teil davon ab, wenn auch einen wesentlichen. Schließlich waren es die Romane, die genügend Raum boten, um das Setting in all seiner Vielfalt und mit all den liebevollen Details zu entwickeln und damit die diversen Ansatzpunkte für eine multimediale Verwertung erst zu ermöglichen.

Das Phänomen Harry Potter ist ein gutes Beispiel für sog. Multichannel Marketing, einer Strategie, der in Zukunft immer mehr Bedeutung für die Verbreitung neuer Geschichten zukommen wird. Die Frankfurter Buchmesse hat diesen Trend erkannt und unter dem Titel Frankfurt StoryDrive eigens eine Konferenz initiiert, um Gedanken zur transmedialen Zukunft des Geschichtenerzählens zusammenzutragen. Hier trafen sich Verlage, Autoren, Filmemacher und Spiele-Entwickler, die ein gemeinsames Interesse an der Umsetzung guter Geschichten verbindet. Was dort bisher verhandelt wurde, lässt sich im Wesentlichen unter dem Begriff „Adaptionsgeschäft“ zusammenfassen. Dabei geht es vor allem um den Verkauf von Lizenzen, damit ein bereits vorhandener Stoff in andere Medien überführt werden kann. Man denke z. B. an Ken Follets Bestseller „Die Säulen der Erde“, der auch als TV-Mehrteiler und als Brettspiel erfolgreich war, oder an das preisgekrönte Familienspiel „Die Siedler von Catan“, das von Rebecca Gablé in einen Roman überführt wurde. Man denke auch an die unzähligen Buch- und Comicverfilmungen, die in den Kinos weltweit regelmäßig für Kassenerfolge sorgen. Der Gedanke, Geschichten von unterschiedlichen Medienmachern verwerten zu lassen, um sich dabei wechselseitig öffentlichkeitswirksam zu befruchten, hat sich also längst etabliert.

Die Visionäre der StoryDrive-Konferenz wollen aber noch einen Schritt weiter gehen. Sie bauen darauf, dass in Zukunft Vertreter unterschiedlicher Medien schon bei der Entwicklung von Stoffen zusammenarbeiten. Wie das Börsenblatt berichtet, hat beispielsweise Random House zu diesem Zweck eine Kooperation mit dem Videogame-Entwickler THQ angekündigt. Diese soll zunächst in den USA tätig werden, aber auch für Deutschland sind solche Kooperationen zu erwarten. Schließlich stellt die elektronische Spieleindustrie auch hierzulande einen enormen Wachstumsmarkt dar – und zwar einen mit einem rasant zunehmenden Bedarf an anspruchsvollen Inhalten. Solche Inhalte könnten aus Büchern kommen, den Verlagen und Autoren wird das nur recht sein. Insofern ist es also konsequent, wenn auch Vertreter der Gameindustrie auf die Buchmesse reisten. Berührungspunkte zwischen den unterschiedlichen Medien gibt es zu genüge. Abzuwarten bleibt, ob tatsächlich mehr aus der transmedialen Zusammenarbeit wird, als die Übertragung von Lizenzen und ob sich die Vision vom gemeinsamen Entwickeln neuer Stoffe umsetzen lässt. Auch spannend wird es sein zu beobachten, wie sich eine medienübergreifende Zusammenarbeit auf den Schreibprozess ebenso wie auf die Story selbst und ihre Charaktere auswirken wird. Schon jetzt kann es sicherlich nicht schaden sich beim Schreiben zu überlegen wie sich der eigene Stoff multimedial verwerten oder weiterführen lässt.

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