Die Medienlandschaft von morgen

Schön schaukelt es sich derzeit im Herzen der Buchbranche, schwer konzentriert werden die großen Herausforderungen im Zeitalter der Digitalisierung angepackt: neue Publikationsformen, neue Vertriebswege, neue Marketingstrategien. Worüber aber (noch) reichlich wenig gesprochen wird, ist der Wandel des eigentlichen Gegenstandes unserer Arbeit: Wie wird in zehn Jahren die Literatur selbst aussehen? Wird sie von der enormen Dynamisierung des Informations- und Datenflusses und von der stetig zunehmenden virtuellen Vernetzung revolutioniert werden? Die Literatur der Zukunft, ein äußert spannendes Thema und zudem eines, das noch ziemlich im Nebel liegt.

Mein liebes Buch, wo gehst Du hin?

Spätestens als sich im letzten Jahr der Börsenverein des Buchhandels öffentlichkeitswirksam dazu entschloss, fortan etwas knorrig von „Content“ anstatt von Büchern zu sprechen, wurde es Zeit zu fragen: Was passiert da eigentlich mit dem Text, wenn wir den Inhalt einmal mehr von seinem traditionellen Träger lösen. Über die Auswirkungen auf unser Leseverhalten hatte ich an dieser Stelle ja bereits nachgedacht. Nun möchte ich die Blickrichtung etwas verändern und mögliche Auswirkungen auf zukünftige Inhalte untersuchen. Und wie so oft lässt sich der gegenwärtige „Zustand“ der Literatur am besten begreifen, wenn man sich bewusst macht, wie wir „so weit“ gekommen sind.

Was heißt hier eigentlich digital? 

Norbert Bachleitner, Professor für Komparatistik an der Universität Wien, hat eine sehr spannende Abhandlung über digitale Formen der Literatur veröffentlicht – dem Thema entsprechend selbstverständlich online. Er untersucht darin (speziell am Beispiel der Lyrik), was sich an der Konzeption von Literatur beim Übergang vom analogen zum digitalen Datenträger ändert und stellt dabei verblüffend fest, dass sich dieser scheinbar hochaktuelle Schritt in eine Entwicklungslinie integrieren lässt, die bis in die Anfänge der Schriftkultur selbst zurückreicht.

Bereits in der Antike begannen Schriftsteller damit, Texten eine von der pragmatischen Zeilenabfolge abweichende, ganz bestimmte Form zu verleihen, die die Textaussage unterstützen, interpretieren und teils auch konterkarieren sollte. Ein antikes Gedicht von Simias von Rhodos variiert beispielsweise die Verslänge so, dass die Zeilen auf dem Papier die Form von Flügeln annehmen und so in ihrer Gestalt den Gott Eros symbolisieren. Man denke außerdem an die kunstvoll und bedeutungsschwer arrangierten Schriftschlangen mittelalterlicher Buchgestaltung. In der Barockzeit kamen sog. Figurengedichte richtiggehend in Mode. Über Christian Morgensterns „Die Trichter“, die konkrete Kunst der Nachkriegszeit und die Designkunst der Stuttgarter Gruppe (Vgl. Reinhard Döhls berühmte Textgrafik „Apfel“) führt Bachleitner die Entwicklungslinie weiter bis zur Visuellen Poesie im Internet.

Ein Haufen Pixel bittet zum Tanz – bewegte Texte

Begleitet wird diese Entwicklungslinie stets von einer zunehmenden Dynamisierung der Textgestalt. Dem Übergang zur digitalen Literatur verdankt der Text dabei die Loslösung von seiner statischen Form. Er gewinnt gleichsam eine neue Dimension der Sinnstiftung hinzu und kann nun nicht mehr nur durch Inhalt und Form, sondern auch über die dynamische Komponente interagieren. Am Bildschirm haben Texte das Laufen gelernt. Sehen Sie sich dazu beispielsweise Johannes Auers Fortführung der döhlschen Grafik unter dem Titel „worm applepie for döhl“ an.

Noch ein letzter Schritt ist nötig, um nun den Aufbruch ins digitale Zeitalter der Literatur zu vollziehen: Tatsächliche Interaktion! (Vergleichen Sie dazu die Forschungsarbeit des institute for the future of the book.) Erst am vernetzten Bildschirm ist es möglich geworden, den Leser eines Textes direkt in den Gestaltungsprozess miteinzubeziehen. Auch dazu ein anschauliches Beispiel: Jim Andrews präsentiert mit „Seattle Drift“ einen poetischen Text, der spannenderweise seine Neuartigkeit selbst thematisiert. Denn er (der Text) bezeichnet sich als „bösen Text“, als einen, der ständig den Drang verspürt, sich zu verselbständigen (Kontrollverlust als eine der zentralen Befürchtungen des Digitalzeitalters). Über eine Befehlsleiste kann der Leser dem Text nun die geforderte Freiheit schenken, ihn von der Leine lassen („Do the Text“), was dazu führt, dass die einzelnen Buchstaben über den gesamten Bildschirm auseinanderdriften. Der Leser hat anschließend jederzeit die Möglichkeit, den Text in einer Momentaufnahme erstarren zu lassen, oder ihn zu „disziplinieren“, also in die ursprüngliche Form zurückzuversetzen. Was Jim Andrews an seinem Textprogramm vorführt ist somit gleichsam eine Reflektion auf die Mechanismen, die Chancen und Risiken der Digitalisierung von Texten.

„Set me free“ – Why don’t you?

Einen Text zu digitalisieren heißt also, funktional gesehen, ihn von einem statischen Träger (z. B. Papier) auf einen manipulierbaren zu überführen. Stellen Sie sich vor, Sie könnten die wenigen (zugeben bei Jim Andrews noch streng vorgegebenen) Möglichkeiten der Einflussnahme auf einen vorgefundenen Text beliebig erweitern. Dann haben Sie eine Idee davon, wie sie tatsächlich aussehen könnte, die Literatur der Zukunft. Im direkten Anschluss an diesen Gedanken wird auch vorstellbar, wie sehr sich die Rollen auf dem literarischen Feld verändern werden. Noch ist niemand in der Lage zu sagen, welche Rollen Autoren, Leser, Verlage, Buchhändler usw. dabei bekleiden werden. Und auch wenn die Diskussion dieser Fragen (verständlicherweise) hoch emotional geführt wird, die Digitalisierung selbst wird sich davon völlig unbeeindruckt fortsetzen. Sie schlichtweg zu ignorieren, wird als Lösung des Problems nicht lange herhalten – besser wir beschäftigen uns frühzeitig mit den neuen, spannenden Möglichkeiten digitaler Texte.

 

Surf-Empfehlungen: Wenn Sie möchten, sehen Sie sich auch Robert Kendalls digitale (und multimedial angereicherte) Text-Komposition “Faith” an, oder lesen Sie die thematisch passende Forschungsarbeit “What’s next for text?” von Richard A. Lanham (University of Chicago). Eine große Auswahl der Litertur von Reinhard Döhl finden Sie ebenfalls online.

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Facebook bietet in den USA Promoted Posts für private Accounts an

Facebook gehört mittlerweile bei vielen von uns zum Alltag. Weltweit nutzen 900 Millionen Menschen und Institutionen das soziale Netzwerk. Doch was passiert, wenn Facebook sich selbst kommerzialisiert? Für die in den USA lebenden Nutzer ist dies seit einigen Wochen Realität – in Form von „Promoted Posts“.

Kritik an Facebook – ein Dauerbrenner

Ein bekannter Leitsatz der 68er Bewegung lautet: „Das Private ist politisch. Und das Politische ist privat.“ Im Zeitalter von Social Media könnte dieser Spruch nun in „Das Private ist öffentlich. Und das Öffentliche ist privat.“ umgemünzt werden. Das behaupten zumindest die zahlreichen Kritiker von Facebook, die seit Jahren beanstanden, dass personenbezogene Daten weitergegeben, personalisierte Werbung geschaltet und gegen zahlreiche Persönlichkeitsrechte verstoßen wird. Für seinen schludrigen Umgang mit der Privatsphäre wurde der Internetgigant 2011 denn ja auch mit dem Big Brother Award ausgezeichnet.

Bezahlte Aufmerksamkeit

Neben den bekannten Datenschutzproblemen, gegen die Facebook nur wenig unternimmt, gibt es jetzt eine Neuerung, die ebenfalls einen Sturm der Entrüstung auslösen könnte: private Promoted Posts.

Hierbei handelt es sich um die Möglichkeit, auf den eigenen Post, also den eigenen Beitrag, noch einmal besonders aufmerksam zu machen – und zwar gegen Geld. Für rund sieben Dollar kann man seinem Post einen besonderen Popularitätsschub verleihen. Dies war bisher nur Unternehmen möglich, doch seit einigen Wochen kommen auch private Nutzer in den USA in den Genuss dieses Angebots. Testläufe gab es dazu bereits seit Mai dieses Jahres.

Möglich sind Promoted Posts für alle Arten von Beiträgen: Statusmeldungen, Fotos, Angebote, Videos und Fragen. Angepriesen wird der Promoted Post z. B. für besonders wichtige Nachrichten, wie etwa die Mitteilung, dass man bald heiraten wird. Spätestens hier legt sich die Stirn in Falten: Lag der große Vorteil von Facebook nicht immer darin, dass es sich um ein freies und in jedem Fall kostenloses Netzwerk handelt? Und ist es nicht etwas seltsam, wenn man (umgerechnet) 5,40 € investiert, damit „Freunde“ den eigenen Beitrag auch wahrnehmen? Oder anders gefragt: Wer bitte ist ernsthaft bereit, dafür zu bezahlen, dass seine Freunde die Beiträge im Newsfeed auch ansehen? Kratzt das dann nicht am Selbstwertgefühl? Und wie wenig interessieren wir uns eigentlich mittlerweile für einander, wenn wir nicht mehr darauf reagieren, wenn jemand so ein wichtiges Ereignis wie seine bevorstehende Hochzeit verkündet?

Lukratives Geschäftsmodell

In jedem Fall ist interessant, ob und wie häufig die Facebook-Nutzer in den USA von dem neuen Angebot Gebrauch machen werden. Erweist sich das Geschäftsmodell entgegen meiner Skepsis als lukrativ, wäre das natürlich gut für Facebook. Vielleicht nicht für sein Image, aber mit Sicherheit für seine Bilanz. Denn trotz steigender Nutzerzahlen schrumpft der Gewinn und ist je Nutzer erstaunlich gering.

Fazit

Kann man sich Aufmerksamkeit erkaufen? Ja, natürlich kann man das. Dafür gibt es Anzeigenteile, die jedes Medium – ob im Print- oder Digitalbereich – gerne und auch notwendigerweise anbietet. Das macht auch Facebook schon lange und das ist sicher legitim. Doch mit der Möglichkeit der Promoted Posts könnte die Kommerzialisierung des Privaten eine neue Ebene erreichen, die meines Erachtens besorgniserregend ist. Ist Facebook damit erfolgreich und wird das Angebot auf alle Accounts erweitert, dann muss der 68er Spruch vielleicht schon bald erneut umgedichtet werden. Vielleicht etwa so: „Nur durch viel Geld wird das Private öffentlich. Sonst bleibt’ s privat.“

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