Verlagswesen

„Wie schaffe ich es, mein Buch auf den Markt zu bringen?“ ist die alles entscheidende Frage, die sich Autoren immer wieder stellen. Crowdfunding heißt das neue Zauberwort, das für (werdende) Autoren zukünftig überaus interessant sein könnte.

Was ist Crowdfunding?

Vorreiter für das Crowdfunding – frei übersetzt „Schwarmfinanzierung“ – war die Musikbranche in  den USA, die sich am Anfang des neuen Jahrtausends wegen sinkender Einnahmen in einer tiefen Krise befand. Im Jahr 2000 gründete Brian Camelio, ein professioneller Musiker und Produzent, als Reaktion darauf die Internetplattform ArtistShare.com. Über diese Plattform wandten sich die Musiker dann an ihre Fans und baten um finanzielle Unterstützung für ihre jeweiligen Projekte, um das Geld für die Produktion eines Albums vor seiner eigentlichen Veröffentlichung zu bekommen. Mit Hilfe zahlreicher sogenannter „Believer“ gelang es so, jeweils genügend Geld zusammenzubekommen, dass die Musiker ins Tonstudio gehen und ihre Ideen umsetzen konnten. Eine neue Finanzierungsform war geboren. Auf diese Art und Weise wurden in den letzten Jahren mehr als 50 Bandprojekte umgesetzt. Die Idee ist also so simpel wie effektiv.

Crowdfunding heute

Am Anfang war die Musik, danach griff der Crowdfunding-Hype auf alle anderen kreativen Bereiche, wie Film, Mode, Fotografie oder Design, über. In Deutschland starteten ab 2010 mehrere Crowdfunding-Plattformen, z. B. Startnext, Pling oder Inkubato. Was einst als Finanzierungsalternative für Kreative angefangen hatte, steht nun sogar jungen Firmen und Unternehmen offen, die Ihre Innovationen über Portale wie Seedmatch, Mashup-Finance oder Innovestment präsentieren und finanzieren lassen können.

Google-Suchanfragen nach dem Begriff "Crowdfunding"

Jemand – das können eine Einzelperson, mehrere oder ein ganzes Unternehmen sein – hat ein Projekt oder ein Produkt, das am Markt etabliert werden soll, kann oder möchte es aber nicht selbst finanzieren. Nach der Annahme der Bewerbung wird das Projekt auf einem der Crowdfunding-Portale ausgeschrieben. Nun muss die Crowd, die Masse, aktiviert werden, was in der Regel über mehr oder weniger ausgeklügelte oder umfangreiche Marketingmaßnahmen passiert, Mund-zu-Mund-Propaganda eingeschlossen.

Eine solche Aktion ist durch eine Mindestkapitalmenge gekennzeichnet, die durch die Crowd finanziert werden muss. Im Vergleich zu dieser Mindestkapitalsumme ist der Anteil des einzelnen Crowdfunders aber eher gering. Der entscheidende Vorteil für das ausschreibende Unternehmen oder die handelnde Person: Sie erhalten die finanziellen Mittel, ohne Sicherheiten stellen zu müssen, ganz im Gegensatz zu einem Bankkredit. Der Crowdfunder, Believer, Anteilseigner erhält im Gegenzug eine geldwerte Leistung.

Was haben die Vertragspartner beim Crowdfunding von diesem Finanzierungsmodell?

Gehen wir noch einmal vom Beispiel der Musikindustrie aus: Durch die Unterstützung des Geldgebers kommt das Projekt (z. B. ein neues Musik-Album) überhaupt erst zustande. Er kann sich also als eine moderne Form des Mäzens fühlen. Durch die finanzielle Hilfe geht er zwar auch in Vorleistung (im Prinzip eine Vorbestellung vor Produktionsbeginn), erwirbt dafür aber das Vorzugsrecht, zu den Ersten zu gehören, die das neue Album in Händen halten, evtl. angereichert mit einer Widmung des Künstlers.

Auf der anderen Seite gewinnt der Produzent eines Produktes schon vor Beginn einen guten Überblick über die zu erwartenden Marktchancen. Sind genug Unterstützer dazu bereit, sich an dem Projekt zu beteiligen, ist davon auszugehen, dass sich später auch genug Käufer dafür finden lassen. Crowdfunding liefert also gewissermaßen die Marktanalyse gleich mit dazu. Plus: Mit der Vielzahl an Menschen, die nun teilhaben an der Verwirklichung des Projektes, steigt auch der Wirkungskreis bei Markteintritt. Jeder Crowdfunder ist ein potentieller Multiplikator, der die Kunde von dem neuen Produkt auf dem Markt begeistert weitergibt.

Crowdfunding für Autoren

Eine kreative Leistung steckt ohne Frage nicht nur in einer neuen Platte, einer extravaganten Modekollektion oder einem innovativen Film, sondern erst recht in einem Buch. Was also spricht dagegen, sein Buchprojekt durch Crowdfunding zu finanzieren?

Hier ein Beispiel aus meinem eigenen Verlag: Autor Heinz Klette schrieb seine Autobiografie, starb aber, ehe er sie veröffentlichen konnte. Ein guter Freund wollte das so nicht auf sich beruhen lassen, kontaktierte den Frieling-Verlag und bat um ein Veröffentlichungsangebot. Gleichzeitig mobilisierte er die anderen Freunde und bat sie um eine Spende, um dieses Buchprojekt so doch noch realisieren zu können. Binnen vier Wochen spendeten ausnahmslos alle, sodass die notwendige Summe ohne Probleme zusammenkam. Nun ist Heinz Klettes Werk im Druck … Dem Autor hätte die Veröffentlichung sicher große Freude bereitet.

Der Leser als Crowfunder

Man kann also sagen, dass diejenigen, die in eine Crowdfunding-Unternehmung investieren, sich mit dem „Produkt“ identifizieren oder einen ganz persönlichen Bezug dazu haben. Aber nicht nur das: Unabhängig von der Art der Gegenleistung ist der Crowdfunder ebenso ein Mitbestimmer. Denn mit ihm kann auch auf den Markt kommen, was sonst keine oder nur geringe Chancen gehabt hätte.

Einfluss zu nehmen und teilzuhaben an kreativen Ideen und Innovationen aller Art dürfte für viele Menschen ein starker Anreiz zum Handeln sein. Und einem Verlag kann es letztendlich nur recht sein, wenn eine interessierte Leserschaft aktiv dazu beiträgt, dass ein Buchprojekt verwirklicht werden kann. Und vielleicht oder gerade deshalb ist Crowdfunding  für Bücher ein Markt der Zukunft.

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Jedes Jahr im Oktober öffnet die Frankfurter Messe ihre mächtigen Tore. Auch wir waren 2012 natürlich wieder auf der weltgrößten Buchmesse mit unseren Verlagen vertreten. Doch welche Eindrücke bleiben, wenn die Menschen­mengen nach Hause zurückgekehrt sind und die Stände nach fünf langen Tagen verlassen werden?

Prominenz jeglicher Couleur

Unser Verlagshaus präsentierte sich in Halle 4.1 – diesmal in direkter Nachbarschaft zu 3Sat und dem Forum „Deutscher Buchpreis – Werkschau“. So war es auch mir und meinen Verlagsmitarbeitern trotz zahlreicher Termine und Gespräche möglich, den ein oder anderen Exponenten der Literaturszene im Interview live zu erleben. Besonders nachhaltig beeindruckt war ich von Martin Walser, Roger Willemsen und Juli Zeh. Letztere imponierte den Zuschauern insbesondere durch ihre scharfen gesellschaftlichen Analysen und ihren positiven Blick auf zukünftige Generationen. Der allerdings steht in eklatantem Widerspruch zu ihren destruktiven Romanfiguren. Auch Arnold Schwarzenegger stellte sein Buch im ARD-Pavillon vor; ein Blick auf den Terminator blieb uns jedoch wegen seines gelungenen Versteckspiels nach seiner Buchpräsentation verwehrt. Ob wir da etwas verpasst haben?

Ehrengast Neuseeland

Das Gastland Neuseeland präsentierte sich durchaus gelungen in einem gigantischen Pavillon voller Wasser, Licht und Soundeffekte. In der weitestgehend im Dunkeln liegenden Halle waren die Bücher über dieses wunderbare, uns so ferne Land außergewöhnlich in Szene gesetzt. Imposant waren zudem die exotischen Maoritänze und die überdimensionalen Videoleinwände.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auch wir hatten bei unserer beliebten Standlesung ein Reisetagebuch über Neuseeland im Programm, das großen Anklang fand.

Was bleibt?

So nehmen wir wieder viele, zumeist positive Impressionen und inspirierende Erlebnisse in unser Berliner Verlagshaus mit. Vielleicht ist es uns ja gelungen, einige dieser Erlebnisse in Erfahrungen zu verwandeln. So wie es der überaus charismatische Roger Willemsen im Interview mit Tina Mendelsohn wohl gemeint hat, als er von einer gelungenen Transformation des erlebten Moments in eine bleibende Erfahrung sprach. Nun denn, wir werden es versuchen. In jedem Fall sind wir dankbar für die vielen freundlichen und bereichernden Begegnungen.

 

 

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Digitales Klassenzimmer 1.0

September 4, 2012

Bald könnte Schluss sein mit Tafeldienst und dem berühmten „Hefte raus, wir schreiben ein Diktat“, denn Trendforscher sagen unseren Schulen eine digitale Zukunft voraus.

Es steht eine Zeitenwende bevor … und damit ist ausnahmsweise einmal nicht das von hoch gebildeten Maya prophezeite Ende der Welt am 21. Dezember gemeint (auch wenn hysterische Zeitgenossen beim Thema dieses Beitrages durchaus schon mal die Rede vom drohenden Untergang unserer Zivilisation bemühen), sondern die digitale Revolution in den Klassenzimmern Deutschlands. Unsere Kinder wachsen wie selbstverständlich in die heutige digitalisierte Welt hinein. Während wir hier und da noch einige Minuten brauchen, um die neu App auf unserem iPad zu finden, navigieren selbst Grundschulkinder in Sekundenschnelle und mit beeindruckender Treffsicherheit durchs Menü. E-Books werden immer beliebter, in den letzten Jahren hat sich Verkauf von E-Books vervierfacht (von 1,5 Millionen in 2009/10 auf ca. 6,7 Millionen in 2011/12, Quelle: statistika.com).

Die buchaffinen Deutschen nun tun sich aber gedanklich schwer damit, das Buch aus Wohn- und erst recht aus Klassenzimmern zu verbannen. Aber in der Realität? … Es muss etwas geschehen, müssen neue Wege beschritten werden, wenn wir irgendwann einmal in der PISA-Studie oben mitranken wollen.

Stellen wir uns folgenden Fall vor: In der selbsternannten Bildungsrepublik Deutschland bricht die digitale Revolution los! An allen Schulen wird als erstes die von den amerikanischen Lehrern Aaron Sams und Jonathan Bergmann vor einigen Jahren entwickelte „Flipped-Classroom-Methode“ eingeführt. Die Schüler bereiten eigenständig anhand von Online-Lernvideos zu Hause die Themenbereiche des Unterrichts vor. Im Unterricht dann wird aufgearbeitet und diskutiert. Dröges Büffeln ade, der oft monologisierende Lehrer wird zum Moderator und Lernpartner. Aus „normalen“ Klassen werden fortan Medienklassen, in denen jeder Schüler mit einem Netbook ausgestattet ist. Interaktive Elemente peppen den nun vielseitig vermittelbaren Lernstoff auf, steigern die Medienkompetenz und die Fähigkeit zum eigenständigen Arbeiten. Die Blackbox Schule wird für Eltern auf einmal transparent, nämlich durch Lernmanagementsysteme (LMS). Die bis dato an Hochschulen und in Unternehmen angewandten LMS verbinden nun Lehrer, Schüler und Eltern miteinander: Zusatzinformationen zum Stoff können verschickt, Hausaufgaben und Stundenplan eingesehen und Eltern über den Lernstand des Kindes informiert werden. Alles online.

Einen Einblick in Funkltionsweise und in die Vorteile der “Flipped-Classroom- Methode” gibt Aaron Sams selbst – natürlich digital und weltweit einsehbar auf Youtube:

Zukunftsmusik? Zunächst zumindest noch in Deutschland … Handeln müssen ohne Frage die Kultusministerien, Schuldirektoren, Lehrer und Eltern – aber auch jetzt schon die Verlage. Der Digitalisierung muss Rechnung getragen werden, damit man zukunftsfähig bleibt, gleichzeitig muss sinkenden Umsätzen entgegengewirkt werden.

Das E-Book als Unterrichtsmaterial von morgen? Dies ist sowohl unter dem gesundheitlichen – keine kiloschweren Schulranzen mehr auf den Rücken der Kinder –, als auch unter wirtschaftlichen Aspekten – Reduzierung der Kosten für die Anschaffung der Lehrmittel sowie Einsparung von Produktions- und Lagerkosten – eine sehr gute Option. So können alle Seiten – Schüler, Eltern und Verlage – profitieren.

Die Bildungsverlage stehen vor der Herausforderung, die digitalen Versionen ihrer Bücher und Lehrmittel so zu gestalten und aufzuwerten, dass sie für den Kunden attraktiv sind und dieser bereit ist, den Mehrwert zu bezahlen. Denn momentan liegen die Preise für E-Books noch deutlich unter denen der Printversionen, was wiederum die Verlage fataler Weise oft noch zögerlich an das Projekt Digitalisierung gehen lässt. Zudem sind sowohl die klassischen Bücher als auch ihre digitalen Umsetzungen in ihrem Informationsumfang und ihrer Aktualität begrenzt. Hier müssen Lösungen gefunden werden, denn im digitalen Klassenzimmer steckt Potential, daran zweifelt – abgesehen vielleicht von Manfred Spitzer – derzeit wohl kaum noch jemand!

Ein erster Schritt ist hierbei das von 27 Bildungsmedienverlagen installierte Online-Portal „Digitale Schulbücher“, das im Februar 2012 vorgestellt wurde und nun sukzessive ausgebaut und verbessert werden soll.

Willkommen im digitalen Zeitalter mit Büchern und E-Books!

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Wann ist ein Buch ein Buch?

August 23, 2012

Vor einigen Wochen habe ich bereits berichtet, dass der Börsenverein des Deutschen Buchhandels seit einiger Zeit beharrlich vom „Prinzip Buch“ spricht. Heute möchte ich mich einmal genauer mit diesem neuen Begriff auseinandersetzen: Was meint er eigentlich, was umfasst er und was nicht? Mit anderen Worten: Was wird auch in Zukunft aus einem Buch ein Buch machen?

Verpackung und Content

Die Coffee Table Books, mit denen ich mich anlässlich des neuen Billy-Regals auseinandergesetzt habe, betonen eine äußerliche Eigenschaft des Buches: Als physisch erlebbarer Gegenstand verdinglicht das Buch gewissermaßen seinen Inhalt. Es ist eine Verpackung und dient damit auch der Repräsentation. Dass wir es in Regalen im Wohnzimmer aufbewahren oder auf dem Couchtisch neben dem Sofa, zeigt auch unser Bewusstsein für die Rolle des Buches bei der Selbstdarstellung in sozialen Beziehungen. Beim Coffee Table Book spitzt sich das noch einmal zu, ist so ein Bildband doch gewissermaßen Corporate Publishing für Privatpersonen: Ein Buch über italienische Villen aus Renaissance und Barock soll wartenden Gästen Vergnügen bereiten und sagt zugleich etwas über den Gastgeber aus, unter anderem, dass dieser sich für Architekturgeschichte interessiert.

Das Buch erschöpft sich aber natürlich nicht darin, Verpackung zu sein. Es hat auch einen Inhalt – oder neudeutsch: Content. Wie sieht der aus? Typischerweise ist es hauptsächlich Text – entweder eine Sammlung kürzerer Beiträge oder ein einzelnes längeres Werk. Andere Inhalte verstehen sich meistens als Ergänzung zum Text. Und typischerweise ist der Inhalt eines Buches sehr gut aufbereitet – der Konsument wird durch eine verständliche Gliederung, durch narrative oder argumentative Strukturen geführt, außerdem gilt der Inhalt als qualitativ hochwertig. Deshalb haftet dem Buch in vielen Fällen auch der Nimbus des „ewig Gültigen“ an. Es ist in sich abgeschlossen, „ganz“ und ermöglicht damit eine besondere Form der Auseinandersetzung, die ich bereits in anderem Zusammenhang beschrieben habe.

Der Computer als Allesfresser

Die beiden letztgenannten Aspekte sind es aber auch, die nun durch technische Entwicklungen herausgefordert werden: durch Multimedialität und Digitalisierung.

Immer schon war es technisch möglich, Bücher zu illustrieren. Erst in den letzten 150 Jahren entstand aber die Fähigkeit, auch Töne und Bewegtbilder zu speichern. Die Speichertechnik war dabei jeweils an das zu speichernde Material angepasst. Filme und Musikaufnahmen traten deshalb in Konkurrenz zum Buch, drohten aber nicht, dieses aufzulösen. Diese Gefahr (die in Wahrheit eine Chance ist) entstand erst, als sich die Computertechnik all dieser Inhalte bemächtigte. Dieser Vorgang selbst ist recht komplex: Zum einen geht es um die Vereinheitlichung des Speichermediums – Filme, Musikaufnahmen und Texte lassen sich alle digitalisiert (und damit in gleicher Form) speichern. Zweitens entstand im Computer ein Gerät, das diese unterschiedlichen Inhalte wiedergeben kann, weil es einen sowohl für Bilder als auch für Text geeigneten Bildschirm und Lautsprecher besitzt. Und schließlich ermöglicht der Computer die flexible Kombination der Elemente, weil er von jeher mit der Vorstellung des Programmierens verbunden ist.

Anders als der Tonfilm, der auch schon Text, Ton und Bilder verband, erlaubt das „enriched E-Book“ oder das Computerspiel zusätzlich die selbstbestimmte Aneignung durch den Konsumenten, wie sie so typisch für das Buch ist. Beim Film ist mir die Konsumgeschwindigkeit vorgegeben, im gedruckten Buch kann ich blättern. Bei Apps, enriched E-Books und Computerspielen beeinflusst mein Verhalten sogar den Inhalt, die narrative Struktur.

Ein weites Feld statt klarer Grenzen

Wenn wir das Buch von seinen Geschwistern abgrenzen wollen, bekommen wir es also mit mindestens zwei Dimensionen zu tun. Die erste ist die Dominanz der Schrift. Verlangen wir in Büchern vor allem schriftlich fixierten Text, so fallen Computerspiele und Spielfilme als Bücher weitgehend aus. Allerdings sind dann auch Bilderbücher und Coffee Table Books bedroht – vor allem aber Hörbücher, die sich im Gegensatz zu den eben genannten auch nicht dadurch als Bücher „retten“ lassen, dass sie Seiten und einen Einband besitzen. Sind Hörbücher dagegen Bücher, dann sollten Spielfilme eigentlich auch welche sein – Schaubücher eben.

Die zweite Frage ist die der aktiven Aneignung durch den Konsumenten. Auf dem Weg vom reinen E-Book über das um Filme, Bilder, Musik und spielerische Elemente ergänzte E-Book zum ausgewachsenen Computerspiel nimmt die Gestaltungsleistung des Konsumenten zu, die Linearität ab. Hier kann man wohl nur willkürlich eine Grenze ziehen.

Eine weitere Frage stellt sich, wenn die Interaktion des Konsumenten sich nicht nur auf das „Buch“ selbst, sondern auch auf den Autor, die Autorin oder das Autorenteam bezieht. Damit geraten die sozialen Beziehungen in den Blick, die sich rund um die Buchproduktion gebildet haben. Auch diese reflektieren zum Teil die Produktionsstruktur. Bücher werden ja auch deshalb so sorgsam strukturiert, lektoriert und gestaltet, weil sie anschließend in möglichst hoher Auflage verkauft werden sollen. Sie sind deshalb umgeben von der speziellen Aura der Gegenstände aus Massenproduktion, einer kühlen Perfektion. Es ist heute aber denkbar, einen unfertigen Text in elektronischer Form zu publizieren und ihn dann gemäß den Rückmeldungen des Publikums nach und nach zu verbessern. Oder ihn durch die Gemeinschaft der Leser und Leserinnen strukturieren und lektorieren zu lassen. Die Rollen von Autorin, Lektor und Leserin würden sich durch ein solches Vorgehen beträchtlich wandeln. Aber entspräche das noch dem „Prinzip Buch“? Oder ist das Buch notwendigerweise ein in sich abgeschlossenes, vollkommenes Ganzes?

Der Übergang vom Buch zum Prinzip Buch ist also keinesfalls trivial. Der neue Begriff spricht aber viele virulente Themen an und spitzt sie auf die fruchtbare Fragestellung zu, was unser Leben mit den Büchern eigentlich ausmacht und was es davon zu bewahren gilt. Der Börsenverein zeigt mit der Einführung dieser Formel deshalb nicht nur seine Bereitschaft, einem grundlegenden Wandel seines ureigenen Gegenstandes Rechnung zu tragen – er vereinigt und fokussiert auch Diskurse, um die Auseinandersetzung produktiver werden zu lassen.

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Sommerzeit ist Lesezeit!?

August 16, 2012

Für Statistiker ist das nicht Neues: Der Umsatz von Büchern in Deutschland ist abhängig von der Wetterlage. Doch gilt dies auch für den Buchkauf im Internet? Soeben erschien eine neue Studie, die diesen Erfahrungswert speziell auf dem Onlinemarkt überprüft hat.

Das kommende Wochenende soll hochsommerlich heiß werden. Halb Deutschland wird folglich die Badehose, ein Handtuch und ein gutes Buch einpacken und die Seen stürmen. Ist es da nicht naheliegend, dass viele der Sonnenpilger, in Ermangelung einer passenden Lektüre, auf dem Weg ins Grüne noch eben beim Buchhändler vorbeischauen, um dort den Umsatz spontan in die Höhe zu treiben? Weit gefehlt, sagt der Buchhandel. Schon seit den 80ern weiß man über die Wetterabhängigkeit des (Buch-)Konsumverhaltens der Deutschen Bescheid: In der Bundesrepublik werden vor allem dann Bücher im Laden gekauft, wenn es draußen grau und kühl, aber trocken ist.

Rechtzeitig zum Hitzestart veröffentlicht Christoph Kaeder, WebShop Manager von Lehmanns, eine Statistik, die zeigt: Die Wetterfühligkeit der Deutschen gilt erstaunlicherweise genauso für Kaufentscheidungen im Internet. Auch Online wird vor allem dann zugeschlagen, wenn sich die analoge Welt recht unwirtlich zwischen null und zehn Grad eingependelt hat. Weder bei Frost noch bei großer Hitze wird in Deutschland offenbar viel an Bücher gedacht, so das interessante Ergebnis der Studie.

 

Spannend wäre sicherlich, gerade beim Zusammenhang von Onlinegeschäft und Wetterlage, noch einmal genauer zwischen stationärer und mobiler Kaufsituation zu unterscheiden. Es könnte doch sein, dass Besitzer eines stets so hochgelobten kontrastreichen (= strandtauglichen) E-Ink-Readers ihre E-Books mit Vorliebe direkt von der Liegewiese aus „ordern“. Dazu muss der Internetempfang am Badesee allerdings gut sein – sonst bleibt nur der Blick auf die anderen Badegäste.

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Durch die Möglichkeiten des E-Books können Autoren inzwischen „alles selber machen“. Theoretisch können sie Autor, Verlag und Hersteller in einer Person verkörpern. Aber ist dies in jedem Fall auch sinnvoll?

Ein Blick in die Historie

Aus publizistischer Sicht lassen sich E-Books in eine Reihe von Veränderungen und Erfindungen einordnen, die jeweils die Distanz zwischen Autor und Leser verringerten. Im Laufe dieser Entwicklung verschwanden ganze Berufsgruppen, die zuvor am Transport der Texte von den Autoren zu den Lesern beteiligt waren. Da heute ein Großteil der Texte bereits am Computer entsteht, entfällt zum Beispiel die Texterfassung durch spezielle Mitarbeiter. Durch die Entwicklung des Desktop-Publishings wurde es außerdem möglich, Texte auf demselben Rechner zu schreiben und zu setzen. Autoren und Redakteure konnten, wenn sie das nötige Know-how hatten, also auch die Arbeit der Setzer übernehmen.

Im Falle des E-Books entfällt nun auf einen Schlag die gesamte Produktion in Druckerei und Buchbinderei. Es wird möglich, als Autor sämtliche Herstellungsschritte zu übernehmen – bis zum Produkt, das die Leser schließlich auf ihre Lesegeräte laden. E-Books sind insofern das „wahre“ Desktop-Publishing – alle Arbeitsschritte können an einem einzigen Schreibtisch stattfinden.

Das neue Selbstverständnis des Autors

Damit gewinnt der Autor an Macht und Einfluss. Er ist auf niemanden mehr angewiesen. Aber ist es tatsächlich so einfach? Wenn es technisch denkbar ist, auf die Hilfe von Experten zu verzichten, muss das ja deshalb per se noch nicht sinnvoll sein.

In vielen Bereichen ist es einfach eine Frage des Anspruchs und des eigenen Könnens, wen man bei einer Veröffentlichung eigener Texte hinzuziehen sollte. Viele Autoren schätzen das Feedback aus dem Lektorat, das ihnen hilft, das, was sie sagen möchten, noch genauer und noch verständlicher auszudrücken. Auch ein professionelles Korrektorat und eine Gestaltung durch Fachleute verlieren durch die digitale Veröffentlichung grundsätzlich nicht an Wert. Manche Autoren können diese Aufgaben trotzdem gut selbst übernehmen.

Herausforderungen auf dem Weg zum eigenen E-Book

Die Produktion eines E-Books hat aber auch ihre ganz eigenen Tücken, mit denen ein Autor gegebenenfalls alleine zu kämpfen hat. So gibt es noch keinen allgemeinen technischen Standard für E-Books. Als offenes Format wäre EPUB zwar ein guter Kandidat. Ausgerechnet Amazon, der bekannteste Anbieter von E-Books in Deutschland, verwendet aber ein anderes Format. Durch die zahlreichen unterschiedlichen Anbieter von Lesegeräten und E-Book-Shops entsteht für den Autor also ein spezifisches Problem: Er muss herausfinden, welche Plattformen für seine Publikation besonders geeignet sind, er muss entscheiden, welche Shops und Lesegeräte er bedienen möchte – und er muss sein E-Book gegebenenfalls in mehreren Varianten mit dem entsprechenden Know-how erstellen. Auch diesen Aufwand kann er natürlich an andere abgeben – etwa, wenn es ihm wichtiger ist, Zeit zum Schreiben zu haben als völlig unabhängig von anderen zu sein. Entsprechende Dienstleister stehen inzwischen bereit.

Das E-Book führt also nicht automatisch zum Autor als Einzelkämpfer. Aber es wird die Karten im Verhältnis zwischen Autoren und Verlagen neu mischen – und vielleicht zur Herausbildung ganz neuer Institutionen führen. Der Autor kann mit den entsprechenden Wissens- und Zeitressourcen in Zukunft vieles selbst in der Hand behalten, häufig wird aber auch weiterhin das Expertenwissen spezialisierter Dienstleister hilfreich sein.

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Literatur per Flatrate – durch E-Books könnte dies Realität werden. Ähnlich wie beim Auto müsste man sich nur noch zwischen Leihen oder Kaufen entscheiden. Glaubt man den unbestätigten Annahmen der Financial Times, so kann man schon bald gegen eine monatliche Gebühr bei Amazon so viele Bücher als E-Books herunterladen, wie das Herz begehrt. Was würde das für die Verlage bedeuten? Unbegrenzt Leihen kann man schon jetzt – Online-Bibliotheken wie Skoobe machen’s möglich. Doch ist dieses Angebot derzeit wirklich attraktiv?

Flatrate – kulturelle Verkommenheit oder zeitgemäßes Modell?

Der Begriff „Flatrate“ ruft häufig ambivalente Gefühle hervor. Einerseits sind Flatrates praktisch – hat man doch durch sie unbegrenzten Zugang und muss daher nicht mehr jeden singulären Erwerb überdenken. Andererseits verschwindet bei einer Flatrate das Exquisite, das Besondere des einzelnen Kaufs. Viele Menschen denken deshalb auch an Billiganbieter, an Internet, an Handys, und manche sogar an das übermäßige Trinkverhalten unbesonnener Jugendlicher. Und dennoch: Flatrates sind beliebt und scheinen sich in vielen Branchen zumindest als ein mögliches Geschäftsmodell durchzusetzen.

Wie funktioniert Skoobe?

Skoobe ist ein Münchner Start-up und ein Gemeinschaftsprojekt der Verlagsriesen Random House und Holtzbrinck. Bereits der Name s-k-o-o-b-e als Ananym für e-b-o-o-k-s scheint sympathisch. Hier können die ersten 10.000 Nutzer für 9,99 Euro im Monat beliebig viele Bücher ausleihen. Fünf Bücher darf man gleichzeitig in sein virtuelles Regal stellen. Möchte man weitere Titel herunterladen, muss man erst entliehene „zurückgeben“. Wie bei einer Bibliothek. Nur eben online. Ohne enervierende Ausleihfristen, die überschritten werden könnten. Und ohne ein künstlich verknapptes Kontingent der ausleihbaren Titel (im Gegensatz z. B. zum Konkurrenten Onleihe. Das klingt attraktiv.

Derzeit nicht genügend Titel verfügbar

Ab März 2013 können die Skoobe-Mitglieder dann nur noch zwei Bücher pro Monat ausleihen. Außerdem sind momentan nur knapp 10.000 E-Books verfügbar. Diese stammen ausschließlich von Bastei Lübbe und Verlagen der Holtzbrink-Gruppe, da sich andere Verlage noch nicht dafür entschieden haben, bei Skoobe mitzumachen. Zum Vergleich: Der Marktführer Amazon mit seinem Lesegerät Kindle hat über 950.000 Titel als E-Book vorrätig. Natürlich von allen bedeutenden Verlagen. Da erscheint Skoobe schon weniger attraktiv. Darüber hinaus kann die Online-Bibliothek bislang noch nicht mit einem großen Angebot an Bestsellern punkten. Im Gegenteil. Von den ersten 20 Titeln auf der SPIEGEL-Bestsellerliste der Hardcover-Ausgaben sind bei Skoobe gerade mal drei verfügbar. Dies sind zu wenige, um massiv Kunden anzulocken. Dennoch präsentiert sich das Start-up-Unternehmen sympathisch. So fiel Skoobe etwa bei der Leipziger Buchmesse auf, als es mithilfe von 2012 eifrigen Lesern einen neuen Weltrekord im E-Book-Staffel-Lesen aufstellte. In jedem Fall scheint Skoobe Charme und Potenzial zu haben und wird vielleicht in der Zukunft als größerer Player noch interessant.

Und einfach kaufen?

Eine E-Book-Flatrate, bei der die Bücher tatsächlich von Kunden gegen eine monatliche Gebühr in unbegrenzter Zahl gekauft werden können, wie sie Amazon möglicherweise plant, scheint für Deutschland bislang eher unrealistisch. Schließlich stehen solche Ideen im scharfen Gegensatz zur deutschen Buchpreis­bindung, der hierzulande auch E-Books unterliegen. Immer häufiger werden daher Stimmen laut, die die Abschaffung der Buchpreisbindung zumindest für E-Books fordern. Doch auf derartige Ideen reagieren Verlage und Buchhandel mehr als nervös – sehen sie doch zu Recht ihre Existenz gefährdet.

Amazon ist allerdings bekanntlich immer für eine Überraschung gut. Vermutlich im Oktober wird der neue Tablet-PC des Medienriesen erscheinen. Auf diesem könnten dann auch E-Books anderer Anbieter gekauft und gelesen werden. Dieser Verlockung könnte Amazon mit einer Flatrate gezielt entgegenwirken. Spätestens dann wird das Thema wohl wieder aktuell.

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E-Books zum Anfassen

July 6, 2012

Ein Gespenst geht um

Wo immer man sich in der Verlagsbranche bewegt, überall hört man derzeit: E-Books, E-Books, E-Books. Manch einer findet den digitalen Trend und dessen Entwicklungen hochinteressant, der andere hingegen winkt entnervt ab, weil ihn das Dauerthema zusehends frustriert oder weil monetär nur wenig dabei herumzukommen scheint. Denn da die Deutschen, im Gegensatz zu den US-Amerikanern, ziemliche E-Book-Muffel zu sein scheinen, muten die Umsätze, die der Handel in Deutschland durch E-Books einfährt, derzeit noch recht bescheiden an. Und dennoch: Das Gespenst des mächtigen E-Books geht um und viele fürchten sich vor seinem tatsächlichen Erscheinen.

Der Buchhandel schlägt zurück

Wie ich bereits in meinem letzten Eintrag skizziert habe, stellt sich im Zusammenhang mit E-Books auch die Frage, ob der Buchhandel die digitale Revolution übersteht oder ob er geschlagen in den Untiefen der Bedeutungslosigkeit versinkt. In jedem Fall geht der Buchhandel nicht sang- und klanglos unter, sondern versucht, aktiv in das Geschehen einzugreifen und einen Platz im sich formierenden E-Book-Markt zu besetzen. Hierfür gibt es einige Beispiele, etwa den Versuch, die Leser durch die Entwicklung eines gebrandeten Readers an den eigenen (digitalen) Shop zu binden. Besonders interessant finde ich den neuesten Versuch der Alteingesessenen, sich der Umwälzungen in der Buchbranche zu erwehren: E-Book-Cards.

E-Book-Cards

Hierbei handelt es sich um Karten, die die Leser wie Bücher im Buchladen kaufen können und die einen Buch-Code zum Download eines E-Books enthalten. Die Kosten für die Karten sind mit dem Preis für das online erhältliche E-Book identisch. Die Karten brachte das Start-up-Unternehmen EPIDU vor einigen Monaten auf den Markt. Seitdem sind sie in ausgewählten Buchhandlungen erhältlich.

Der große Wurf?

Und was bringen die E-Book-Cards dem Leser? EPIDU und Buchhandel werben damit, dass der Kunde die Vorteile des stationären Buchhandels auch beim E-Book-Kauf nutzen kann: die Beratung der Verkäufer, die Auswahl, das Ambiente. Und dass er bar zahlen kann. Betrachtet man die Zielgruppe, scheinen die Vorteile der Karten jedoch genau für diese nur wenig attraktiv – handelt es sich doch mit hoher Wahrscheinlichkeit um Menschen, die gerne online einkaufen, das Zahlen mit Kreditkarte als unproblematisch empfinden und das blitzschnelle Runterladen einer Datei vom Sofa aus dem zeitintensiven Gang zum Buchladen vorziehen.

E-Books verschenken

Eine Lücke könnten die Karten allerdings schließen. Bisher kann man E-Books in Deutschland nicht verschenken, da diese immer durch den Endnutzer direkt über seinen Reader bestellt werden müssen. Möchte jemand ein E-Book verschenken, so kann er lediglich eine Gutschrift für Online-Anbieter wie Thalia oder Amazon weitergeben, nicht aber einen Gutschein für ein konkretes Buch. Dieses Problem wird durch die Karten auf elegante Art und Weise gelöst. Sie haben zudem den Vorteil, dass etwas Repräsentatives überreicht werden kann.

Back to the roots?

Dennoch ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis es den digitalen E-Book-Anbietern gelingt, auch diese Verkaufslücke zu schließen. Dann könnten die E-Book-Cards genauso schnell in Vergessenheit geraten, wie sie aufgetaucht sind.  Doch auch wenn die letzte Schlacht im E-Book-Handel noch nicht geschlagen ist, scheinen die Karten zum Verschenken eine gute Übergangslösung zu sein. Bis zur nächsten Veränderung. Und so wispert es wohl auch weiterhin überall: E-Books, E-Books, E-Books.

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Wandel und Kontinuität

Die menschliche Geschichte ist weder ein Prozess permanenten chaotischen Wandels, noch eine stete Wiederholung des Immergleichen. Die Kunst bei ihrer Betrachtung ist es, bleibende Prinzipien und Bedingungen, zufällige Turbulenzen und grundlegenden Wandel zu unterscheiden. So haben beispielsweise zwei Erfindungen, die in den Neunzigerjahren zu Massenphänomenen wurden, nämlich das Internet und der Mobilfunk, nicht nur unseren Alltag nachhaltig verändert, sondern z. B. auch Einfluss auf politische Ereignisse ausgeübt. Man denke etwa an den sogenannten arabischen Frühling. Das Beispiel zeigt aber auch, wie groß der gesellschaftsverändernde Einfluss sein kann, ohne dass dabei grundlegend die Gesetze der Politik ausgehebelt werden mussten.

Für Unternehmen stellen sich ähnliche Fragen wie für den Historiker: Wie verlässlich ist die derzeitige Umgebung, das aktuelle Geschäftsmodell? Welche Trends werden sich durchsetzen? Wie radikal wird der Wandel sein, der sich aus bestimmten technischen Neuerungen ergibt? Ein bedeutsamer Unterschied zum Historiker jedoch ist, dass Unternehmen in der Regel auch Teilnehmer des Szenarios sind, das sie beobachten. So wettet Apple zum Beispiel einerseits darauf, dass sich die Computernutzung stark verändern und zu „post-PC devices“ verschieben wird, und treibt andererseits diese Entwicklung zugleich durch das eigene Produktangebot voran.

Ein Regal als Orakel

Unser eigener Geschäftszweig, die Welt der Bücher, wähnt sich schon seit mehreren Jahren vor einschneidenden Umbrüchen. Und nun scheinen sich die Dinge zuzuspitzen. So wurde die Entscheidung eines branchenfremden Giganten mit großem Interesse aufgenommen, weil man sie als strategisch, ja geradezu symptomatisch interpretieren konnte: IKEA hat sein klassisches Bücherregal Billy um eine Variante mit tieferen Regalböden ergänzt! Das passt zu der These, angesichts von neuen Publikationsformen wie Blogs und E-Books werde das klassische gedruckte Buch in Zukunft vor allem als Coffee Table Book überleben, also als großformatiger Prachtband mit aufwendigem Foto-Layout und wenig Text.

Diese These hat eine gewisse Plausibilität, denn in dieser Form kann das gedruckte Buch seine Vorteile besonders gut ausspielen und die Sinne ansprechen, wie es das beispielsweise das E-Book (noch) nicht vermag. Aber ist das schon alles? Bringt das Coffee Table Book das Wesentliche des Buches auf den Punkt? Und wird der klassische Roman der den alten Billy bisher befüllte, zukünftig nur noch digital ausgeliefert? Wird sich unser Begriff des Buches wandeln müssen?

Altes (links) und neues Logo (rechts) des Börsenvereins, die auch den strategischen Wandel des Branchenverbands erkennen lassen.

Vom Buch zum Prinzip

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels spricht seit einiger Zeit vom „Prinzip Buch“ und bringt damit zum Ausdruck, dass das gewohnte, gedruckte Buch zukünftig nur noch eine Form von mehreren sein wird, in der die Buchkultur weiterlebt. Um diesen Begriff hat sich eine breite Diskussion in der Branche entwickelt. Es geht darum, Geschäftsmodelle zu finden, um dieser Entwicklung zu begegnen. Häufig wird dabei gefordert, das Geldverdienen zukünftig vom Buchdruck zu entkoppeln. Und es geht um das Selbstverständnis der Branche. Dies betrifft insbesondere den Börsenverein: Mit dem zu erwartenden Wandel bei Verlagen und im Buchhandel stellt sich schließlich auch die Frage, wie deren Interessenvertretung in Zukunft aussehen soll – und damit die Frage nach der Existenz des Branchenverbandes.

Die Diskussion ist also auch von strategischen Interessen geprägt: Wird es den Verlagen gelingen, die Zuständigkeit für E-Books und andere neue Publikationsformen zu verteidigen bzw. zu erobern? Wird der Buchhandel als besonderes Segment des Einzelhandels bestehen bleiben? Oder zerbricht die historisch gewachsene Allianz der „Buchmenschen“, die ihre Branche immer als etwas ganz Besonderes begriffen haben?

Zugleich ist die Rede vom „Prinzip Buch“ aber auch für jedes einzelne Unternehmen und jeden einzelnen Leser, jede Autorin interessant. Was meinen wir eigentlich, wenn wir vom Buch sprechen? Warum liegt es uns am Herzen? Wie werden wir in fünf, in zehn, in zwanzig Jahren beschreiben, was uns am Buch begeistert? – Darüber wird demnächst also noch einmal separat zu sprechen sein.

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Unser Redakteur war im Rahmen der Buchtage Berlin auf der AKEP-Jahrestagung 2012 und erlebte dort eine offene und kollegiale Atmosphäre, die vom gemeinsamen Wunsch geprägt war, die Zukunft der Verlagsbranche zu erfassen und mitzugestalten. Die Eröffnungsrede „Die Zukunft des Buchstabenverkaufs – professionell publizieren im Zeitalter der digitalen, sozialen Vernetzung“ hielt Sascha Lobo. Hier der Bericht unseres Redakteurs:  

Vierzehn Thesen über die „Zukunft des Buchstabenverkaufs“

Sascha Lobo habe es satt, so sagt er in seiner unverwechselbaren Art, den Verlagen immer wieder aus der Position des Beraters heraus erklären zu müssen, was zu tun sei, um für die Zukunft des Buchstabenverkaufs gewappnet zu sein. Auf der AKEP-Jahrestagung 2012 (dem zentralen jährlichen Treffen des „Arbeitskreises elektronisches Publizieren im Börsenverein des Deutschen Buchhandels“) gibt er deshalb die Beobachtungshaltung auf und kündigt am Ende seines Eröffnungsvortrages ein wenig überraschend an, mit der Gründung eines eigenen Verlages, seine Ideen endlich konsequent in die Tat umsetzen zu wollen.

Sascha Lobo ist sicherlich einer der bekanntesten Vordenker, Experten und Moderatoren des digitalen Wandels innerhalb der Publikationswelt, sein roter Irokesen-Haarschnitt ist längst zum Marken- und Erkennungszeichen geworden. Diesen Bekanntheitsgrad hat er sich durch nahezu unheimliche Geschäftigkeit als Medienwissenschaftler, Publizist, Blogger und Twitterer, als Vortragender und ja, auch nicht zuletzt, als klassischer Buchautor erworben. Zudem ist er einer, der sich freimütig in die heißen Diskussionen der Zeit einklinkt, einer, der seine Meinung sagt, seine Position vertritt, auch dann, wenn das dem jeweiligen Auditorium nicht immer gefällt. Genau deshalb wird er aber auch so gerne für Vorträge gebucht: weil er sich eben traut, sich erst schemenhaft abzeichnende Entwicklungen in knackige Worte zu fassen und mit heißen (manchmal auch heißblütigen) Thesen, sein Publikum zu verblüffen.

Und nun gibt er also, natürlich nicht ganz ohne Augenzwinkern, bekannt, die Seiten wechseln und, zusammen mit Partnern wie Christoph Kappes, einen eigenen Verlag gründen zu wollen. Dieser solle „Sobooks“ heißen und „nicht vor Ende des Jahres“ an den Start gehen. Wer Lobos Prokrastinations-Standardwerk „Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin“ gelesen hat, weiß, was der Berufsirokese damit meint. Dennoch, sollte „Sobooks“ wirklich an den Start gehen, wird es ein hochinteressantes Unternehmen sein, beruht dessen Firmenphilosophie doch auf 14 provokanten Thesen zur Zukunft des Verlagswesens, die Lobo zum Opening der Jahrestagung in Berlin vorstellte.

Darunter finden sich (für Brancheninterne) so atemberaubende Ideen wie „Das ‚Produkt Buch’ müsse zum ‚Buch als Service’ werden“, der Produktpreis müsse langfristig gegen Null gehen, dafür werde in Zukunft ein Finanzierungsmodell über den Service „drumherum“ gebraucht. Die Integration von Multimedia, bislang oft als Allheilmittel für digitales Publizieren gehandelt, löse dagegen nicht das Problem, schaffe aber neue Zielgruppen. Des Weiteren gehörten Aufbau und Pflege von Autorencommunities sowie die Bereitstellung von adäquaten Präsentationskanälen für lebendige Inhalte unbedingt zum Serviceangebot. Texte der Zukunft werden, so Lobo, prozessual, veränderbar und lebendig gestaltet sein, die Interaktion zwischen Autor und Leser werde enorm an Bedeutung zunehmen, bis schließlich die Grenze zwischen beiden Sphären verschwimmen werde. Hinzu kommt Lobos Idee der Social Reading Experience, der Möglichkeit nämlich, direkt beim Lesen mit anderen Lesern in Kontakt treten, Kommentare abgeben und teilen sowie Empfehlungen aussprechen zu können.

Ein „Buch“, das wird in Zukunft vielleicht am Besten beschrieben werden als der Ort, an dem (viele) Leser und Autoren (gleichzeitig) interagierend zusammenkommen. Im Grunde genommen ist diese These aber gar nicht so neu, auch wenn sie bisher wenig (öffentlich) diskutiert wurde. Sie deckt sich beispielsweise weitestgehend mit der Idee vom „Buch der Zukunft als sozialer Ort“ des „institutes for the future of the book“, die ich hier bereits vorgestellt hatte.

Die Frage aber, die sich vor allem im Zusammenhang der AKEP-Jahrestagung stellte, war doch: Was bedeutet denn eine solche Zukunftsperspektive für die Verlagslandschaft? Nun, zum einen lässt sich sicher sagen, Verlage werden auch in Zukunft gebraucht werden. Zum Beispiel als diejenige Institution, die den Zugang zu jenem sozialen Ort, formerly known as „book“,  auf einer speziell dafür vorgesehenen Plattform bereitstellt, als Trägermedium und Servicekraft und als diejenige Position, die die Inszenierung einer Geschichte vorantreibt, die den Zusammenhang herstellt, Heimathafen und fester Ankerplatz ist für den sich im Fließen und im Sich-Verändern begriffenen Text.

An dieser Stelle angekommen, gebe ich zu, dieses Modell ist nach wie vor reichlich abstrakt, viele weiße Bereiche im losen Gedankenkonstrukt gilt es sicher in den kommenden Jahren noch zu Füllen. Auch bleiben genug bange Fragen: Welche Art von Texten werden wir in Zukunft von diesen sozialen Orten zu erwarten haben? Gibt es oder braucht es “Kontrollinstanzen” für die Entwicklung einer Geschichte? Wer bändigt in Zukunft Trolle, Shitstorms und Konsorten? Sascha Lobo würde vermutlich empfehlen, was er auch als Reaktion auf das Thema Piraterie vorschlägt: Einfach ignorieren! Das spare Geld und man schlafe besser. Man müsse schlichtweg hinnehmen, dass es in der (digitalen) Gesellschaft „10 bis 15% Arschlöcher“ gebe. Diese seien selbiges aber glücklicherweise in der Regel nur temporär. Mit etwas Geduld könne sich das Problem von alleine lösen.

Ohnehin gibt es dringendere Fragen. Werden Verlage in Zukunft tatsächlich nicht mehr viel mehr als „Buchstabenverkäufer“ darstellen? Vorbei die Zeit der Mitgestaltung einer kulturellen Literaturszene? Und ja, ohne empörten Urhebern der Gegenwart zu nahe treten zu wollen, wie alle diese (von vielen Akteuren gemeinsam geschaffenen) Geschichten der Zukunft mit einem Urheberrecht in Einklang zu bringen sein könnten, das wird eine richtig harte Nuss. Erleben wir auch beim Medium Buch die endgültige Abkehr von der Vorstellung des originären Geniegedankens (seit dem 18. Jahrhundert personifiziert durch den Autor, bald in freundlicher Beratung durch seinen Lektor/Verleger) hin zur schwarmschlau sich selbst bildenden und kontrollierenden Massenkontribution?

Wer will diese Fragen schon beantworten? Wer traut sich an eine solche Prognose heran? Aber genau deshalb wird er ja auch immer wieder so gerne eingeladen, der Herr Sascha Lobo, weil er, ich wiederhole mich, sich eben traut, sich erst schemenhaft abzeichnende Entwicklungen in knackige Worte zu fassen. Aber diesmal haben wir ein ganz besonderes Versprechen bekommen: Wir werden sehen, ob uns „sobooks“ als Modell des neuen Publizierens die Augen öffnen kann. Spannend wird es allemal. Insofern wünschen wir Herrn Lobo viel Erfolg bei der Umsetzung seiner Idee.

Christian Sachseneder

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