Verlagswesen

Ratgeber in Bewegung

June 14, 2012

Neue Formate für die Internetgesellschaft
Die Internetplattform Pink University mischt mit einem neuen Format die Ratgeberbranche auf und verspricht ein neuartiges, zeitgemäßes Lernangebot: Sie bietet Ratgeber im Videoformat zu den Themen Beruf und Karriere, Führung, Verkaufen, Gesundheit und Freizeit sowie betriebliche Weiterbildung für Firmenkunden – und bereitet damit dem klassischen Ratgeber in Buchform direkte Konkurrenz. Die Pink University setzt damit noch konsequenter um, was sich schon seit vielen Jahrzehnten im Telekolleg bewährt hat, und greift so einen nicht zu übersehenden Trend auf, denn immer mehr Gebrauchs- oder andere Anleitungen werden inzwischen als Video angeboten. Britta Kroker, Geschäftsführerin von Managementbuch.de, ehemalige Verlagsleiterin von Campus und damit verantwortlich für den Bestseller „Simplify your life“, hat Pink University 2011 gemeinsam mit Murmann-Verleger Sven Murmann ins Leben gerufen und damit schon für einige Aufmerksamkeit gesorgt. Anfang 2012 berichtete das Handelsblatt ausführlich über das Start-up, das angetreten ist, um den Ratgebermarkt zu revolutionieren: Vollmundig verspricht Pink University bessere Lernerfolge, als sie ein gedruckter Ratgeber bieten könne.

Was bietet die Pink University?
Pink University ist ein Weiterbildungsportal, das Videokurse von bekannten Autoren und Trainern anbietet. Geskriptet und für das Medium Video aufbereitet werden die Inhalte von Verlagsredakteuren. Der Nutzer kann Kurse oder Seminare buchen, die er jederzeit und so oft er möchte anschauen kann. Die Seminare umfassen acht bis zwölf Kurseinheiten, die einzelnen Kurse sind abgeschlossene Lerneinheiten und dauern je ca. zehn Minuten. Das Angebot orientiert sich an der klassischen Präsenzschulung, da die Video-Lectures das Lernen quasi von Angesicht zu Angesicht ermöglichen. Außerdem erhalten die Nutzer Checklisten, Auszüge und Zusammenfassungen zum Nachschlagen und als Umsetzungshilfen.

Die Zukunft des Ratgebermarktes?
Crossmediale Angebote sind im Trend. Apple beispielsweise wendet sich mit „iBooks 2“, einer App für interaktive und multimediale Lehrbücher, an Schüler und Studenten, wenn auch kritische Stimmen gerade in diesem Bereich vor einer Monopolisierung warnen. Ob die klassische Ratgeberliteratur gänzlich durch Anbieter wie Pink University ersetzt werden kann, darf jedoch bezweifelt werden. Ein mehrere Hundert Seiten umfassendes Buch wird mit Sicherheit immer mehr Tiefe und Reflexion bieten können, als ein wenige Stunden umfassendes Videoseminar, und die teilweise gegenüber Büchern verhältnismäßig hohen Preise dürften die Zielgruppe bei manchen Themen etwas eingrenzen. Unleugbar ist das Studium von Lernvideos aber deutlich bequemer und unmittelbarer, erleichtert so den Zugang zu den Inhalten und erhöht möglicherweise auch die Aufnahmebereitschaft – und es erfordert schlicht weniger Zeit. Vielleicht entspricht das Lernen per Video damit einer neuen digitalen Lebensweise und könnte durchaus ein Modell für die Zukunft werden. Aus meiner Sicht drängt sich jedenfalls eine Verbindung der Videoformate mit anderen Medien bzw. die Kooperation mit anderen Content-Anbietern förmlich auf; so könnte das Angebot beispielsweise die E-Book-Ausgaben klassischer Ratgeber ergänzen. Entsprechend gab es im Mai dieses Jahres bereits eine gemeinsame Reihe von Bild.de und Pink University zu den Spielregeln der Gehaltsverhandlung, und Kroker plant laut dem Handelsblatt für die Zukunft auch eine Zusammenarbeit mit Ratgeberverlagen.

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Alle wollen grün sein

In Deutschland hat sich in den letzten Jahren ein starkes ökologisches Bewusstsein etabliert. Begriffe wie „Klimawandel“ oder „Energiewende“ sind in aller Munde. Immer häufiger bekommt man den Eindruck, alle wollen irgendwie ein bisschen „grün“ sein. So müssen sich auch Märkte und Unternehmen von der Öffentlichkeit die Frage gefallen lassen, wie ökologisch nachhaltig sie wirtschaften und wie umweltschonend die von ihnen hergestellten Produkte sind. Selbiges gilt natürlich auch für den Buchmarkt. Denn so wertvoll das Medium Buch auch ist – bei rund 100 000 Neuerscheinungen pro Jahr allein in Deutschland zeigt sich schon so manches Sorgenfältchen angesichts der Frage nach dem Rohstoffverbrauch. Nicht wenige sehen deshalb das digitale Buch als Lösung des Problems.

Der Antagonismus ist tot. Es lebe der Antagonismus!

Man sieht schon – auch hier kommt der gerne postulierte Antagonismus „elektronisches vs. gedrucktes Buch“ ins Spiel, zu dem ich mich ja bereits in einem meiner letzten Einträge geäußert habe. Lässt man aber die Prämisse einmal gelten, dass das elektronische und das gedruckte Buch Gegenspieler sind, so drängt sich schnell die Frage auf: Wird sich das E-Book in Zukunft allein deshalb durchsetzen können, ja müssen, weil es die unter ökologischen Gesichtspunkten bessere Publikationsform ist?

Leichtes Spiel fürs E-Book?

Auf den ersten Blick hat das E-Book leichtes Spiel, ein solches Kräftemessen für sich zu entscheiden – schließlich muss ja zur Produktion eines E-Books kein einziger Baum gefällt werden. Aber ist dem wirklich so?

Beschäftigt man sich eingehender mit der Frage, wie ökologisch nachhaltig E-Books sind, wird schnell klar, dass die Ökobilanz keineswegs so positiv ausfällt wie erwartet. Schließlich werden für die Herstellung der elektronischen Lesegeräte in großem Maße Rohstoffe und Energie verbraucht:  bis zu 15 kg Mineralien, circa 300 l Wasser und 100 kw/h Energie werden zur Produktion eines einzigen Tablets benötigt. Was dabei besonders ins Gewicht fällt: Mineralien sind fossile Rohstoffe, die nur begrenzt zur Verfügung stehen und vom Menschen nicht ersetzt werden können.

Demgegenüber handelt es sich bei Papier, der bekanntermaßen primären Ressource zur Herstellung eines gedruckten Buches, um einen nachwachsenden Rohstoff. Dennoch – in Deutsch­land werden jedes Jahr mehr als zehn Tonnen Primärfaser, die direkt aus Holz gewonnen werden, für die gesamte Papierproduktion (also von Büchern, Zeitungen, Zeitschriften und Werbematerialien) benötigt – eine ganze Menge Holz.

Bilanz 1:50

Stellt man die benötigten Rohstoffe einander gegenüber, so ergibt sich, dass die Herstellung eines elektronischen Lesegerätes etwa 40- bis 50- mal mehr Brennstoffe, Wasser, Mineralien und Energie benötigt als die eines gedruckten Buches. Umgekehrt heißt das, dass beim Download des 50. E-Books der Ressourcenverbrauch dem eines Printexemplars entspricht. Dies hieße, dass das E-Book erst ab dem 51. Download als Sieger aus dem Öko-Wettstreit hervorginge.

Remis

Neben diesen Zahlen und Fakten, die man detailliert in dem informativen Artikel „Grüner lesen“ im Börsenblatt (Ausgabe vom 09.02.2012) nachlesen kann, gibt es aber eine ganze Reihe weiterer Faktoren, die die Entscheidbarkeit dieser Frage verkomplizieren. Man denke zum Beispiel an Folgendes: In der Regel werden von Printbüchern gewaltige Auflagen produziert. Was sich nicht verkaufen lässt, landet unter Umständen als Remittende im Altpapier. Das Problem der Überproduktion gibt es dagegen bei E-Books nicht. Dafür stellt sich, wie bei allen elektronischen Geräten, die Frage nach der Entsorgung defekter Lesegeräte.

Ein weiterer Aspekt: Gedruckte Bücher sind wesentlich haltbarer und daher zumeist langlebiger als E-Books. Darüber hinaus können sie verliehen, verschenkt und vererbt werden, sodass mehrere Leser in den Genuss der Lektüre kommen. Da Haltbarkeit, Weitergabe und Recycling aber variable Kriterien sind, die nicht so einfach mathematisch summiert werden können, gestaltet sich eine fundierte Gesamtbilanz schwierig.

So bleibt im ökologischen Wettstreit nur ein unbefriedigendes Remis und die Gewissheit, dass die aufgeworfene Fragestellung in unserem grünen Deutschland ganz sicher nicht vergessen, sondern lediglich vertagt ist.

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Der 23. April 2012 sollte ein ganz besonderer Tag werden. Seit 1995 feiert die Buchbranche, nach einer Idee der UNESCO, an diesem Datum den Welttag des Buches. Aus diesem Anlass werden in deutschen Buchhandlungen schon seit mehreren Jahren eigens verfasste Geschichten an Schüler verschenkt. „Ich schenk Dir eine Geschichte“ sollte es in diesem Jahr aber nicht nur für Kinder und Jugendliche heißen; initiiert durch ein ambitioniertes Bündnis aus Börsenverein, Verlagen und Sponsoren wurde für 2012 die Aktion „Lesefreunde“ ins Leben gerufen. 33.333 Menschen durften sich im Internet registrieren und bekamen jeweils ein Paket mit 30 Exemplaren eines zuvor aus einer Liste ausgewählten Bestsellers – zum Verschenken!

Die Idee stammt aus Großbritannien, wo bereits im letzten Jahr auf der „World Book Night“ Bücher mit umwerfendem Erfolg unter die Lesefreunde gebracht wurden. Nun waren also auch Deutschland und die USA mit einer spektakulären Aktion dabei, um das Buch wieder in die Mitte der Gesellschaft zu rücken, um gezielt Leseförderung zu betreiben und dabei auch diejenigen zu erreichen, die üblicherweise selten oder gar nicht lesen. Ein lobenswertes Ansinnen, denn die vielen Diskussionen um die Zukunft der Verlags- und Buchhandelsbranche lassen viel zu oft eines in den Hintergrund treten: Die Lust am Buch bzw. die Freude am Lesen! Beides liegt uns als Verlagsmenschen und Lesefreunde selbstverständlich am Herzen. Deshalb habe auch ich mich, wie einige der Kolleginnen und Kollegen des Frieling-Verlages, als Buchschenker registrieren lassen.

Die Registrierung lief reibungslos. Die Auswahl des richtigen Buches war dagegen schon schwieriger. Entscheide ich mich eher für ein Buch, das ich selbst für einige vergnügliche Lesestunden spontan aus dem Regal gegriffen hätte, oder eher für eines, mit dem sich auch Lesemuffel vermeintlich leicht von den Vorzügen der Literatur überzeugen lassen: Siegfried Lenz, Umberto Eco, Jane Austen, oder doch Stephenie Meyer? Lyrik, feingeistiger Roman oder Krimi, die Liste der möglichen Geschenkbücher war vielfältig und hochkarätig besetzt. (Die vollständige Liste gibt es auf der Homepage des Welttages zur Einsichtnahme.) Das beliebteste Geschenkbuch war laut Börsenblatt übrigens Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“, gefolgt von Nele Neuhaus’ Bestseller-Krimi „Schneewittchen muss sterben“.

Hat man sich für ein Buch entschieden, stellt sich natürlich die Frage: Wie und vor allem wo bringe ich die Bücher unters Volk – per Verteiler im Kollegenkreis, persönlich überreicht an ausgewählte Freunde, Bekannte oder Verwandte, oder einfach spontan im Lieblingskaffee, in der U-Bahn oder vor dem Blumenladen an der Ecke? Aus meiner Erfahrung kann ich übrigens berichten, dass es gar nicht so leicht ist, dieser Tage unbekannte Menschen mit Geschenken zu beglücken. Auch wenn die Forderung nach kostenlosen E-Books im Internet immer wieder laut wird, wer auf offener Straße kostenlose Bücher verteilt, muss beim Beschenkten häufig zunächst eine tief empfundene Skepsis überwinden. „Nein, danke, keine Zeit“ oder ein pauschal gerauntes „Ich lese nicht!“ sind da unter den reflexartigen Ausflüchten eher die harmlosen Beispiele – eine Erfahrung die Felicitas von Lovenburg im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in wunderbare Worte fasst. Es gibt aber auch Situationen, in denen sich Menschen offenbar bereitwillig ein gutes Buch schenken lassen. Mein persönlicher Geheimtipp: Die Warteschlange vor der Gerhard-Richter-Ausstellung in der Berliner Neuen Nationalgalerie!

Aber auch wenn das eine oder andere Mal ein wenig Überzeugungsgeschick nötig war, gute Bücher zu verschenken, lohnt sich. Davon erzählen allein schon die Rückmeldungen von glücklich Beschenkten, die sich zum Beispiel auf der Facebook-Seite zum Welttag des Buches nachlesen lassen. Und außerdem: Lässt sich nicht auch die Skepsis so mancher Passanten verstehen als Ergebnis der immer noch hohen Wertschätzung des Mediums Buch durch die Leser. Denn das Buch und die viele Arbeit, die darin steckt, sind den Deutschen etwas wert! Und was ist dann von einem Buch zu halten, das nichts kostet …

Wie haben Sie den Welttag des Buches erlebt? Waren Sie selbst als Buchschenker unterwegs, oder wurden Sie sogar beschenkt? Glauben Sie, dass sich durch das Verschenken von Büchern neue Leser gewinnen lassen? Wenn Sie möchten, schreiben Sie mir doch, wie Sie die Aktion bewerten.

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Ein Nachbericht von der Leipziger Buchmesse 2012

Verlage und Aussteller, Bücherfreunde und Fachbesucher, Autoren und Leser, Manga-Fans und Cosplayer und nicht zuletzt die Veranstalter zeigten sich hoch zufrieden mit dem Verlauf der Leipziger Buchmesse vom 14. bis 17. März 2012. Nicht nur die frühlingshaften Temperaturen und der herrliche Sonnenschein, die die große Glashalle in einen Bücherpalast verwandelten, sorgten für gute Stimmung auf dem europaweit größten Lesefest. Mit 163 500 Besuchern wurde das sehr hohe Vorjahresniveau sogar noch einmal leicht überboten.

Wie jedes Jahr trugen während der vier Tage an vielen Veranstaltungsorten der Stadt aber auch in den Messehallen zahlreiche Autoren aus ihren Neuerscheinungen vor. Das Entdecken, Erleben und Erlesen neuer Literatur steht bereits traditionell in Leipzig im Mittelpunkt, was nicht unwesentlich zur großen Beliebtheit des Buchfestes beiträgt. In diesem Zusammenhang gab es dieses Jahr übrigens eine ganz besondere Attraktion. Denn am Freitag wurde unter der Aufsicht eines offiziellen Schiedsrichters ein neuer Weltrekord im „Staffel-Lesen“ aufgestellt. Eingeladen hatte die Online-Bibliothek Skoobe – ein Gemeinschaftsprojekt von Random House, Holtzbrinck und der Bertelsmanntochter Arvato. Der Anbieter einer neuen „App“ zum elektronischen Verleih digitaler Bücher schaffte es tatsächlich, 2012 Menschen zu versammeln, die innerhalb von viereinhalb Stunden, ohne den Lesefluss zu unterbrechen, jeweils einen Satz aus Christopher Paolinis Buch „Eragon – Das Erbe der Macht“ vorlasen – und zwar vom Display eines iPads! Damit sicherte sich das Unternehmen einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde und lieferte gleichzeitig einen interessanten Beitrag zur gegenwärtigen Diskussion um Lesegewohnheiten und -qualität im Zeitalter der Digitalisierung ab.

Abgesehen von diesem medienwirksamen Spektakel hatte ich persönlich den Eindruck, dass das Thema elektronisches Publizieren und Onlinecommunities in Leipzig im Vergleich zur letzten Frankfurter Buchmesse verhältnismäßig dezent verhandelt wurde. Zwar stellten sich im sog. „Digitalen Wohnzimmer“ zum zweiten Mal einige interessante Online-Literaturportale vor, das Thema war aber weit weniger präsent als noch im Oktober 2011 in Frankfurt. Einige der größeren Player fehlten ganz, andere hatten relativ sparsame Messeauftritte. Möglicherweise lag das auch an der etwas anders gearteten Schwerpunktsetzung der Leipziger Buchmesse. Während Frankfurt als internationales Branchentreffen natürlich stärker auf interne Trends und Diskurse reagiert, rückt Leipzig den Leser, bzw. die Beziehung zwischen Autor, Verlag und Leser in den Mittelpunkt.

Insofern ist die Buchmesse in der sächsischen Metropole der ideale Ort für Bücherfreunde, um miteinander in Kontakt zu treten. Die vielen Lesungsorte auf der Messe waren gut gefüllt, das Interesse des Publikums groß und die Vielfalt der Autoren unterschiedlichster Art, die man in Leipzig unmittelbar erleben konnte, wie immer beeindruckend.

Selten bieten sich in der literarischen Welt so gute Gelegenheiten, um Neuerscheinungen und die klugen Köpfe, die dahinter stecken kennenzulernen, oder um sich als (angehender) Autor nach Publikationsmöglichkeiten umzusehen. Dazu passend startete in diesem Jahr mit dem Programm „Autoren@Leipzig“ eine spezielle Plattform, die mit einem Fortbildungs- und Netzwerkangebot speziell Autoren auf dem teils unübersichtlichen Publikationsmarkt unterstützen möchte – ein spannender Schritt, vom dem sicherlich in den kommenden Jahren noch zu berichten sein wird.

Was ist nun eigentlich das Besondere an der Leipziger Buchmesse, die bei Publikum und Ausstellern gleichermaßen so hoch im Kurs steht? Nun, nach meinem diesjährigen Eindruck würde ich sagen, dass nirgends sonst im literarischen Leben Leser, Autoren und Buchbrache so unmittelbar zusammenkommen. Zu diesem Gedanken passt vielleicht auch die schöne Tatsache, dass bei der Verleihung des diesjährigen Buchpreises der Leipziger Buchmesse im Bereich Belletristik Publikums-Voting und Jury-Entscheidung übereinstimmten, was durchaus nicht selbstverständlich ist: Beide stimmten für Wolfgang Herrndorfs aktuelles Buch „Sand“, das im Rowohlt Verlag erschienen ist.

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Lesen und lesen lassen

February 10, 2012

Nachgedacht und mitgemacht, die Zukunft des Buches

Wie sehen Bücher in Zukunft aus? So fragte der Börsenverein des Buchhandels unlängst in einem Schülerwettbewerb. Das Börsenblatt weiß von inzwischen mehr als 500 eingegangenen kreativen Ideen zu berichten, aus denen noch im Februar eine Jury die Gewinner wählt. Bilder, Skulpturen, Filmbeiträge und „der Buchträumer“, ein futuristischer Ansaugstutzen, den man vor dem Schlafen an die Schläfe setzt, um nachts eine Geschichte per Traum zu erleben – die schiere Vielfalt der Zukunftsvisionen ist beeindruckend. Das gilt für die hier angesprochenen Schüler ebenso wie für ausgemachte Branchenexperten. Aber wie auch immer das Buch der Zukunft im Detail aussehen mag, es besteht doch ein Konsens darin, dass Geschichten und das Lesen auch in Zukunft eine zentrale Rolle im Leben der Menschen spielen werden. Diese einfache Wahrheit übersieht man leicht bei all der Zukunftssorge und bei aller Konzeptsuche, mit der die Buchbranche gegenwärtig beschäftigt ist.

Das Buch liegt den Deutschen am Herzen und wird dies nach aktuellen Prognosen sehr wahrscheinlich auch in Zukunft tun. Dennoch bleiben wir als Buchbegeisterte immer dazu aufgerufen, Lesemuffel zu überzeugen und das Kulturgut Buch und dessen Wertschätzung in der Bevölkerung zu verbreiten. Letzten Endes kommt es doch darauf an, nicht nur ängstlich auf die Statistiken zu blicken, sondern aktiv zu werden und die Stärken des Buches zu nutzen. Wer mit Begeisterung dabei ist, der wird auch andere überzeugen.

Anlässlich des Welttages des Buches (dem 23. April 2012) hat sich ein Bündnis aus Verlagen, dem Börsenverein, der Stiftung Lesen und Sponsoren eine besondere Aktion ausgedacht: Lesefreunde können sich auf einer Internetseite eintragen und damit zum Buchschenker werden. Wer sich registriert, wählt aus einer hochkarätig besetzten Liste von Büchern kostenlos eines aus, das er oder sie an andere Menschen verschenken möchte. Ziel ist es, gerade diejenigen Menschen zu beschenken, die bisher eher selten oder gar nicht lesen. Die registrierten Buchschenker erhalten von dem ausgewählten Titel jeweils 30 kostenlose Exemplare zum Verschenken. Bisher sind etwa 25.300 von 33.333 möglichen Buchschenkern registriert. Die Anmeldung zur Aktion ist noch bis zum 20. Februar 2012 möglich. Schenken auch Sie Lesefreude und tragen Sie dazu bei, Menschen für Bücher zu begeistern!

Abschließend möchte ich Ihnen ohne große Erklärung noch ein Netzfundstück präsentieren. Sehen Sie sich das Video nach Möglichkeit bis zum Ende an und lassen Sie sich überraschen. Das Ende des Publizierens ist noch lange nicht gekommen.

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Digitale Medien wie das E-Book bereiten dem Buch bezüglich Aktualität, Funktionsvielfalt und Transportfähigkeit starke Konkurrenz. Und trotzdem ist die Liebe zum Gedruckten bei vielen Menschen aus gutem Grunde ungebrochen.

Das Buch lebt!

Gedruckte Bücher begleiten uns durchs ganze Leben. Sie sind Unterhaltungs- und Informationsquelle, bieten Abenteuer und Zur-Ruhe-Kommen, bringen uns zum Lachen, zum Weinen oder zum Stirnrunzeln. Bücher helfen uns, die Welt zu erschließen. In Büchern ist nichts unmöglich: Mit ihnen lernen wir die Vergangenheit und Spekulationen über die Zukunft kennen, reisen in fremde Länder und fantastische Welten, erweitern unseren intellektuellen und praktischen Horizont.

Warum haben wir Bücher eigentlich so gern?

Bücher entsprechen der kognitiven Beschaffenheit und den emotionalen Bedürfnissen von Menschen. Ein wichtiger Aspekt ist dabei sicher ihre Materialität. Die Materialität macht das Buch automatisch zu einem Gegenüber, seine Haptik, aber auch sein Geruch, das Geräusch des Blätterns verleihen ihm Sinnlichkeit; das Öffnen eines Buches gleicht einer Verheißung. Unterstützt wird dies durch seine nicht alltägliche, nicht rein funktionelle, sondern bildhafte, differenzierte und sorgsam gewählte Sprache. Wie sagte Walter Benjamin? „Bücher und Dirnen kann man ins Bett nehmen.“ Apropos Bett: Vierzig Prozent der Buchliebhaber geben an, gern im Bett zu lesen, denn hier kommt man zur Ruhe und kann sich gänzlich auf etwas Neues, auf das lockende Angebot eines Buches, einlassen. Auch dieses Sich-Einlassen, die Immersion, ist ein Grund für unsere Hinwendung zu Büchern: wir genießen das Innehalten, die Entschleunigung, das Eintreten in einen selbst bestimmten Raum.

Ein Thema wird gleichsam für uns aus der Zeit genommen, denn im Buch sind Inhalte nicht mehr veränderbar, sie werden selektiert, separiert und fokussiert. Im Gegenzug schenken wir ihm unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. Bücher ermöglichen uns so den Zugang zu komplexen und Dauer beanspruchenden Inhalten. Wir können sie in ausgewählten Momenten immer wieder zu Rate ziehen und dabei auch immer wieder Neues entdecken, denn in jeder Lebensphase nehmen wir sie anders wahr.

Aufgrund dieses besonderen Stellenwertes in unserem Leben haben Bücher auch spezielle kommunikative Wirkungen.

Bücher sprechen an

Grundsätzlich vermitteln Bücher durch ihre materielle Form und den offensichtlichen Aufwand, der für ihre Entstehung betrieben wurde, Gewichtigkeit, Seriosität und Nachhaltigkeit. Hinzu kommt unsere kulturelle Prägung, die uns das Buch als geschichtsträchtiges, niveauvolles Medium wahrnehmen lässt, das Exklusivität verheißt. Deshalb sind wir gerne bereit, Büchern unser Vertrauen zu schenken und uns von ihnen einen Impuls geben zu lassen. Gleichzeitig schaffen sie Nähe, indem sie Meinungen wiedergeben, unterhalten, den Leser bilden und zu seiner Entwicklung beitragen. Darüber hinaus – und dies ist nicht zu unterschätzen – haben Bücher auch eine starke soziale Zeichenwirkung: Als Geschenk zeigen sie Wertschätzung, als Sammelobjekt manifestieren sie ein gehobenes Bildungsniveau, ihren Inhalten verleihen sie Exklusivität, ihrem Verfasser Expertenstatus.

Deshalb sind Bücher auch ein wichtiges Medium im Corporate Publishing, über das ich in Kürze ebenfalls berichten werde.

 

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Es sind die guten Geschichten, die Menschen bewegen. Aber längst nicht mehr alle guten Geschichten, die das digitale Zeitalter hervorbringt, findet man zwischen zwei Buchdeckeln. Joanne K. Rowling zum Beispiel begann ihre Erfolgsgeschichte mit den Romanen um den Zauberei-Schüler Harry Potter. Inzwischen dürfte aber die finanziell äußerst erfolgreiche Kinofilmreihe einen wesentlichen Beitrag zum Bekanntheitsgrad der Geschichte beitragen. Auch als Video- und Computerspiel kann man die Abenteuer in Hogwarts nacherleben. Und der neueste Coup: Auf der Internetplattform Pottermore.com, die bald der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll, können Fans J. K. Rowlings Geschichten fortschreiben. Das Hogwarts-Universum lebt inzwischen in vielen verschiedenen Medien unter jeweils spezifischen Bedingungen. Die Romane allein bilden dabei nur einen Teil davon ab, wenn auch einen wesentlichen. Schließlich waren es die Romane, die genügend Raum boten, um das Setting in all seiner Vielfalt und mit all den liebevollen Details zu entwickeln und damit die diversen Ansatzpunkte für eine multimediale Verwertung erst zu ermöglichen.

Das Phänomen Harry Potter ist ein gutes Beispiel für sog. Multichannel Marketing, einer Strategie, der in Zukunft immer mehr Bedeutung für die Verbreitung neuer Geschichten zukommen wird. Die Frankfurter Buchmesse hat diesen Trend erkannt und unter dem Titel Frankfurt StoryDrive eigens eine Konferenz initiiert, um Gedanken zur transmedialen Zukunft des Geschichtenerzählens zusammenzutragen. Hier trafen sich Verlage, Autoren, Filmemacher und Spiele-Entwickler, die ein gemeinsames Interesse an der Umsetzung guter Geschichten verbindet. Was dort bisher verhandelt wurde, lässt sich im Wesentlichen unter dem Begriff „Adaptionsgeschäft“ zusammenfassen. Dabei geht es vor allem um den Verkauf von Lizenzen, damit ein bereits vorhandener Stoff in andere Medien überführt werden kann. Man denke z. B. an Ken Follets Bestseller „Die Säulen der Erde“, der auch als TV-Mehrteiler und als Brettspiel erfolgreich war, oder an das preisgekrönte Familienspiel „Die Siedler von Catan“, das von Rebecca Gablé in einen Roman überführt wurde. Man denke auch an die unzähligen Buch- und Comicverfilmungen, die in den Kinos weltweit regelmäßig für Kassenerfolge sorgen. Der Gedanke, Geschichten von unterschiedlichen Medienmachern verwerten zu lassen, um sich dabei wechselseitig öffentlichkeitswirksam zu befruchten, hat sich also längst etabliert.

Die Visionäre der StoryDrive-Konferenz wollen aber noch einen Schritt weiter gehen. Sie bauen darauf, dass in Zukunft Vertreter unterschiedlicher Medien schon bei der Entwicklung von Stoffen zusammenarbeiten. Wie das Börsenblatt berichtet, hat beispielsweise Random House zu diesem Zweck eine Kooperation mit dem Videogame-Entwickler THQ angekündigt. Diese soll zunächst in den USA tätig werden, aber auch für Deutschland sind solche Kooperationen zu erwarten. Schließlich stellt die elektronische Spieleindustrie auch hierzulande einen enormen Wachstumsmarkt dar – und zwar einen mit einem rasant zunehmenden Bedarf an anspruchsvollen Inhalten. Solche Inhalte könnten aus Büchern kommen, den Verlagen und Autoren wird das nur recht sein. Insofern ist es also konsequent, wenn auch Vertreter der Gameindustrie auf die Buchmesse reisten. Berührungspunkte zwischen den unterschiedlichen Medien gibt es zu genüge. Abzuwarten bleibt, ob tatsächlich mehr aus der transmedialen Zusammenarbeit wird, als die Übertragung von Lizenzen und ob sich die Vision vom gemeinsamen Entwickeln neuer Stoffe umsetzen lässt. Auch spannend wird es sein zu beobachten, wie sich eine medienübergreifende Zusammenarbeit auf den Schreibprozess ebenso wie auf die Story selbst und ihre Charaktere auswirken wird. Schon jetzt kann es sicherlich nicht schaden sich beim Schreiben zu überlegen wie sich der eigene Stoff multimedial verwerten oder weiterführen lässt.

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Die Veranstalter der Frankfurter Buchmesse 2011 können eine positive Bilanz ziehen. Offiziell hatten sich 280.194 Besucher (ggü. dem Vorjahr ein leichtes Plus von 0,3 %) bei strahlendem Sonnenschein auf den Weg an den Main gemacht, um Ausschau zu halten nach neuen Büchern, spannenden Geschichten, richtungsweisenden unternehmerischen Einfällen, begnadeten Vorlesern, nach Anknüpfungspunkten für Netzwerke und Inspirationen verschiedenster Art. Über die Messetage nutzte ich die Gelegenheit, um viele anregende Gespräche zu führen. Dabei richtete ich in diesem Jahr besonderes Augenmerk auf die neuen Mitstreiter auf dem Publikationsmarkt: Dienstleister für Self-Publishing, E-Book-Hersteller, Online-Plattformen und die vielen Impulsgeber für Innovationen innerhalb der Buchbranche. Gerade in diesem Marktsegment ist vieles in Bewegung geraten, auch wenn dies vielleicht nicht immer gleich ins Auge stach. Zwei Aspekte sind mir dabei besonders aufgefallen.

Wie die Enten auf dem Teich – Viel Bewegung unterhalb der „Wasseroberfläche“ beim Thema E-Books

Zwar beschäftigt sich inzwischen ein Großteil neuer Studien und Diskussionen mit den technischen und strategischen Entwicklungslinien von E-Books (hier eine Zusammenstellung der wichtigsten Nachrichten, Interviews und Diskussionsbeiträge zur Buchmesse auf buchreport.de), wer sich aber als Besucher über die Möglichkeiten dieses neuen Mediums informieren wollte, musste Durchhaltevermögen und ein gutes Maß an Spürsinn an den Tag legen. Die Messehallen sind traditionell voll mit gedruckten Büchern, E-Book-Reader dagegen waren auch dieses Jahr in Frankfurt eher eine Randerscheinung. Das ist weniger verwunderlich, wenn man in Betracht zieht, dass die Branche das elektronische Buch inzwischen zwar konsequent weiterentwickeln will (sog. enhanced E-Books, elektronische Bücher angereichert mit multimedialem Content, werden derzeit von vielen Verlagen gefördert), diesem aber andererseits auch in Zukunft nur einen kleinen Marktanteil prognostiziert. Der Publizist Ranga Yogeshwar sieht das in einem erhellenden Interview zur Zukunft der Verlagsbranche ganz anders: „Der E-Book-Anteil der Zukunft wird von den Verantwortlichen derzeit auf 20 % geschätzt. Ich behaupte: Es wird genau umgekehrt sein: Der Anteil des Gedruckten wird künftig bei 20 % liegen.“ Yogeshwar, der selbst ein innovatives E-Book-Format, das Epedio, mitentwickelte, sieht einen dringenden Handlungsbedarf für Verlage, möchte man die Vielfalt des Buchmarktes auch für die Zukunft erhalten. Hier wird sich zeigen, ob die Anstrengungen, die von der Branche bisher unternommen werden, ausreichen, um der digitalen Herausforderung zu begegnen. Noch war an den Ständen der großen Verlage verhältnismäßig wenig Ausstellungsmaterial zum Thema E-Books zu finden. Eine unterschwellige Betriebsamkeit konnte dem aufmerksamen Messebesucher aber nicht verborgen bleiben.

Self-Publisher vor dem Tigersprung? – Neue Ehrenplätze auf der Buchmesse

Über die Einführung des „neuen Buchpreises“ für Self-Publisher hatte ich hier ja schon berichtet. Zur Preisverleihung im beliebten Agora Lesezelt der Buchmesse waren die Sitzreihen zwar nicht ganz gefüllt, an prominenten Gästen mangelte es dafür aber nicht. Die Holtzbrinck Verlagsgruppe warf ihr ganzes Gewicht in die Waagschale und schickte mit den Chefredakteuren Wolfgang Blau (ZEIT ONLINE) und Lorenz Maroldt (Der Tagesspiegel) gewichtige Laudatoren zur Veranstaltung. Enthusiastisch begrüßte Dr. Jörg Dörnemann, Geschäftsführer von epubli, die „Versammlung der größten Optimisten der Buchszene“ und appellierte an die Branche, die Angst vor einer „Überflutung des Buchmarktes durch Digitalisierung“ fallen zu lassen und stattdessen die großen Vorteile des Self-Publishing zu würdigen. Einer dieser Vorteile sei die hohe Geschwindigkeit, mit der über Self-Publishing nach dem „time-to-market“-Prinzip auf aktuelle Ereignisse publizistisch reagiert werden könne. Folgerichtig zeichnete die Jury beispielsweise mit Matthias Mattings „Reise nach Fukushima“ ein Sachbuch aus, das zeitnah über die Folgen der Katastrophe in Japan berichtet. Der festliche Rahmen für eine Präsentation von Self-Publishing Büchern war also gegeben, die mediale Aufmerksamkeit auch. Sicherlich, der Besucherandrang hielt sich (noch) in Grenzen, aber der Impuls für die Branche war nicht zu übersehen.

Übrigens wurde im Rahmen der Buchmesse noch ein weiterer neuer Buchpreis aus der Taufe gehoben, nämlich einer, der die hier vorgestellten Aspekte in sich vereint: Am 14.10. wurde in Halle 4.0 der insgesamt mit 1500 € dotierte „Erste Deutsche E-Book-Preis“ verliehen. Alle drei Preise gingen an Self-Publishing-Autoren, von denen zwei bei Neobooks, einer bei Bookrix veröffentlicht haben. (Eine Übersicht über Preisverleihungen auf der Buchmesse findet sich hier.)

Mögen auch viele dieser neuen Geschäftsmodelle und Denkansätze noch in den Kinderschuhen stecken, wer aufmerksam auf der Buchmesse unterwegs war, konnte sie spüren, die Aufbruchsstimmung und die neue Bewegung, die den Publikationsmarkt umtreibt. Natürlich bleibt zu klären, für welche Autoren der Weg über Self-Publishing eine probate Alternative darstellen kann, welche Bücher auf diesem Wege entstehen werden und welche Rolle diese innerhalb der Branche spielen können. In jedem Fall lässt sich zusammenfassen: die internationale Buchbranche hat erneut deutlich an Facettenreichtum gewonnen.

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Zur Symbolkraft eines neuen Buchpreises für Self-Publishing Autoren

Am 13. Oktober 2011 wird auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ein immerhin mit 20.000 € dotierter neuer Buchpreis verliehen und er heißt sinniger Weise: „Der neue Buchpreis“. Ausgelobt wird er von dem Berliner Publikationsdienstleister epubli in Zusammenarbeit mit Der Tagespiegel und ZEIT ONLINE. Alle drei Unternehmen gehören übrigens zur Holtzbrinck Verlagsgruppe. Der neue Buchpreis hat sich nach eigenen Angaben zum Ziel gesetzt, die Leistungen „innovativer Self-Publishing Autoren“ zu würdigen. Das Preisgeld wird auf insgesamt vier Sieger aus den unterschiedlichen Kategorien Belletristik, Sachbuch, Wissenschaft und Buchgestaltung verteilt.

Zum Modus der Preisverleihung

In einer ersten Phase waren Autoren aufgerufen, sich an einem Schreibwettbewerb zu beteiligen und ihre Texte einzureichen. Aus dem erwartungsgemäß riesigen Textkorpus wurden im Anschluss auf sehr moderne Weise, nämlich über ein offenes Abstimmungsverfahren durch die Internetgemeinde, per Facebook „Gefällt mir“ Button die Top5 aus jeder Kategorie bestimmt. Diese Bestenlisten wurden dann einer prominent besetzten Jury aus Feuilleton, Wissenschaft und Buchbranche vorgelegt, die bis zum Oktober die vier Gewinner kürt. Die offizielle Preisverleihung findet in Frankfurt a. M. auf der Buchmesse statt.

Die Besonderheit des Neuen Buchpreises

Bemerkenswert an dem Verfahren ist, dass sich der Preis ausdrücklich direkt an Autoren richtet, die dadurch selbst aktiv werden können, um mit ihren Texten an die literarische Öffentlichkeit zu treten. Das ist selten, denn in der Regel richten sich Ausschreibungen für Buchpreise an Verlage, die in ihrer Mittlerfunktion Texte stellvertretend für ihre Autoren einreichen und damit eine gewisse historisch begründete Filterfunktion wahrnehmen. In dieser Hinsicht geht „Der neue Buchpreis“ tatsächlich „revolutionäre“ Wege. Er trägt damit einer Entwicklung Rechnung, die sich in der Verlagsbranche seit einigen Jahrzenten abzeichnet. Im Zeitalter der digitalen Medien, von Web 2.0 und „Schwarmintelligenz“ offenbart sich besonders im Publikationswesen mehr und mehr ein Trend zur Verlagerung von Entscheidungsprozessen. Immer stärker ergreifen Autoren und Leser selbst die Initiative und loten in direkter Vernetzung aus, was interessiert und was gelesen werden will.

Der neue Buchpreis wendet sich ausschließlich an Self-Publishing Autoren  (von epubli). Nur wer seinen Text zuvor auf der Homepage von epubli hochgeladen hatte, konnte an dem Preisausschreiben teilnehmen und bewertet werden. Damit lag die Entscheidung über Relevanz und Qualität der Textbeiträge, zumindest in der ersten Phase des Verfahrens, ganz in Händen der Leser und der Schreibenden selbst. Epubli übernahm als Dienstleister in diesem Prozess lediglich die Rolle der Moderation zwischen Angebot und Nachfrage; indem sie nämlich ihre Internetplattform zum Austausch von Vorschlägen zur Verfügung stellten.

Zum Self-Publishing in aller Kürze

Wer als Self-Publisher auftritt, der trägt, so die Wortbedeutung, zugleich die Verantwortung von Autor und Verleger. Das heißt, er behält die volle Entscheidungsgewalt über seinen Text, die Initiative liegt bei ihm. Das heißt aber auch, er allein zeichnet verantwortlich für Orthographie, Inhalt, Gestaltung und Marketing. Die ordnende, kategorisierende, ja manchmal auch zensierende Hand der klassischen Verlage wird hier nicht mehr bemüht. So manch ehrwürdiger Feuilletonist und nicht wenige der Lektoren, Programmchefs und Verleger betrachten diese Entwicklung mit Sorge. Ohnehin sei bereits die Flut der auf den Buchmarkt strömenden Neuerscheinungen kaum zu bändigen, sei die Suppe der literarischen Kulturlandschaft ständig davon bedroht, verwässert zu werden, ein Überblick sei kaum mehr zu behalten.

Paradigmenwechsel im Verlagswesen?

Manch einer mag es als bedrohlich empfinden, wenn Self-Publisher, die bisher vom traditionsbewussten Kulturbürger als irrelevante Randerscheinung mehr oder weniger ignoriert wurden, nun mit dem neuen Buchpreis ein zentrales Forum auf der Buchmesse erhalten. Zumindest aber wird anhand dieser Entwicklung ein Paradigmenwechsel innerhalb der Buchbranche erspürbar. Es scheint, als ob die Position der Verlage an der Schaltstelle zwischen Autoren und Buchmarkt inzwischen auch durch die Verlage selbst in Frage gestellt würde und als ob sich dadurch Autoren über die Etablierung des Self-Publishing-Gedankens zu emanzipieren beginnen. Schon jetzt wirbt epubli mit dem Slogan: „Wir entdecken die Starautoren von morgen“. Gerade der Anspruch des Berliner Unternehmens, über den (Um-)Weg des Self-Publishings, zukünftig erfolgreiche Autoren zu rekrutieren, platziert meines Erachtens ein leuchtendes Ausrufezeichen über dem Bereich „innovative Marketingstrategien für Autoren“. Eine äußerst interessante Entwicklung, die die Buchbranche bis in die tiefsten Strukturen beeinflussen könnte und aus der sich ettliche Fragen ergeben.

Offene Fragen für die Zukunft der Buchbranche

Wenn die großen Programmverlage bisher insgeheim für sich in Anspruch nahmen, für die Qualität der deutschen Literaturlandschaft zu garantieren, was kann dann von einer neuen Art des Publizierens erwartet werden, bei der solche Institutionen umgangen werden? Entsteht aus der Self-Publishing Szene tatsächlich eine selbständige Landschaft von Kulturschaffenden, oder wird der neue Buchpreis nur als Sprungbrett für literarische Greenhorns dienen, um nach der Entdeckung durch Webcommunity und Jury in eine bessere Verhandlungspositionen mit den klassischen Verlagen zu kommen? ­Und: Falls sich tatsächlich ein Markt für Self-Publisher etabliert, welche Texte kann man dort erwarten? Beim Blick in die Top5 des Publikumsvotings im Bereich Belletristik fällt beispielsweise auf, dass vier der fünf Beiträge dem Genre fantastische Literatur zugeordnet werden können. Was heißt das für die literarischen Ambitionen der Self-Publisher? Gibt es gerade bei Fantasy und fantastischer Kinderliteratur einen besonders großen Bedarf an neuen Büchern? Oder ist es lediglich die Internetaffinität, die bei Autoren im Fantasy-Bereich größer als in anderen Genres ist? Was bedeutet es für die Literatur der Zukunft, wenn die Abhängigkeit vom Medium Internet beständig wächst? Schließlich: Wenn Entscheidungsprozesse verstärkt im direkten Austausch zwischen Autor und Leser stattfinden, was heißt das für das Verlagswesen? Kann und soll es dem Markt selbst überlassen werden, was morgen gelesen wird? Welche Rolle wird der Verlag der Zukunft im Feld der literarischen Öffentlichkeit übernehmen? Sicher, nicht für jeden Autor wird Self-Publishing eine praktizierbare Alternative sein können. Nur wer sich zutraut, seinen Text ohne die Hilfestellung und Erfahrung eines Verlags marktfähig zu machen, wird zu diesem Publikationsmodell neigen. Wird die Zukunft der Verlage stärker als bisher vom Dienstleistungsgedanken geprägt sein müssen, wie es bei Privatverlagen schon länger üblich ist? Oder werden hier andere, neue Akteure – Agenturen, freie Lektoren, Onlinedienstleister, Marketingexperten, usw. – in den kulturellen Ring steigen, um Autoren, die in Eigenverantwortung veröffentlichen möchten, tatkräftig zu unterstützen?

Auf jeden Fall zeigt die große Aktivität im Self-Publishing Bereich, begleitet durch den angeregten medialen Diskurs, paradigmatisch wie sehr die Buchbranche in Bewegung geraten ist. Nirgends sonst kann dieser Trend in konzentrierterer Form beobachtet werden, als auf der Frankfurter Buchmesse. In diesem Sinne wünsche ich allen Besuchern einen eindrucksvollen und anregenden Messebesuch.

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„Die Welt ist im Wandel.“ Wahrscheinlich wird diese von J. R. R. Tolkien geprägte Formel derzeit nirgends öfter zitiert, als in den Büros der internationalen Verlage und natürlich in der zugehörigen Presseberichterstattung. Nüchterner und stärker auf den Buchmarkt bezogen formuliert dieser Tage Alexander Skipis, der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des deutschen Buchhandels : „Wir sind selbst auf dem Weg. Veränderung ist uns zum Normalfall geworden.“ Das müssen tatsächlich neue Zeiten sein, wenn das Börsenblatt als zentrales Organ des Börsenvereins im Mai dieses Jahres „die neue S-Klasse“ der Buchbranche feiert und damit Self-Publishing Autoren großes Gewicht für die Zukunft auf dem Publikationsmarkt prognostiziert. Gleichzeitig starten renommierte Verlage eigene Plattformen für Self-Publisher (etwa die Holtzbrinckverlagsgruppe mit epubli in Berlin und der zu Droemer Knaur gehörigen Plattform Neobooks) und schütteln damit offenbar die alten Berührungsängste mit Geschäftsmodellen ab, die nicht dem klassischen Verlagsbild entsprechen. Herr Skipis hat also recht: die ganze Branche ist in Bewegung geraten.
Digitaldruck, Print on Demand, eBooks, Online-Bookshops, Self-Publishing-Plattformen, Literaturblogs, elektronische Salons, Peergroup- und Social Media Marketing – im Kontext der voranschreitenden Digitalisierung der Medienlandschaft ergeben sich, sowohl für Verlage als auch für Autoren, in rasanter Geschwindigkeit immer neue Möglichkeiten und Wege, wenn es darum geht, mit Texten an das Licht der Öffentlichkeit zu treten. Überhaupt führen Übergangsphasen, wie es nun einmal ihre Art ist, eine ganze Menge offener Fragen im Gepäck. Hier ist es selbst für Experten schwierig, den Überblick zu behalten und Chancen und Risiken, die sich aus den aktuellen Entwicklungen ergeben, richtig einzuschätzen.

Dadurch stehen natürlich auch die Autoren von morgen vor neuen Herausforderungen. Sie sind von den Verlagerungen innerhalb der Buchbranche nämlich genauso betroffen. Durch die Vielfalt der Möglichkeit wird es immer schwieriger, für eigene Projekte den jeweils optimalen Veröffentlichungsweg zu finden. Sich hier mit den gangbaren Alternativen auseinanderzusetzen, heißt auch, sich für eine bestimmte Rolle zu entscheiden, die man als Schreibender innerhalb der Buchbranche bekleiden möchte, zum Beispiel als Self-Publisher oder als Autor in einem Verlag. Das gilt im Übrigen in ähnlicher Weise für Menschen und Institutionen, die Bücher im Kommunikationsbereich (Corporate Publishing) einsetzen möchten.

Aus meiner Tätigkeit als Verleger, weiß ich, wie viele dringliche Fragen sich im täglichen Miteinander auf dem literarischen Markt ergeben. Ich denke, es ist höchste Zeit, sich zum einen aktiv an der Diskussion um die Zukunft des Verlagswesens zu beteiligen, und zum anderen, gerade für Schreibende eine Hilfestellung zu bieten, Entwicklungslinien der Buchbranche aufzuzeigen und vor allem, Einblicke in die Welt des zeitgemäßen Publizierens zu bieten.

Die Buchbranche hat sich auf den Weg gemacht, über Ziel und Geschwindigkeit der Reise darf und wird ausführlich diskutiert und gestritten werden. Einer der zentralen Orte für solche Debatten ist traditionell das Branchentreffen auf der Frankfurter Buchmesse. Deshalb erscheint mir der Zeitpunkt, kurz vor der Messe, der richtige zu sein, um mit meinem Blog an den Start zu gehen.

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