Vom Eigensinn des Buches

Das geheime Leben der Bücher

December 17, 2012

Wissen Sie, was Ihre Bücher nachts so treiben? Dieses wundervolle Video-Kunstwerk inszeniert den Zauber eines quirligen Buchladens auf ganz eigene Weise – und es ist dabei kein Zufall, dass darin ausgerechnet ein Buch über Tim Burtons magische Animationsfilme eine zentrale Rolle spielt.

Lassen Sie sich, passend zur stimmungsvollen Weihnachtszeit verzaubern von der Schönheit der Bücher.


Eine Produktion von Sean Ohlenkamp für den Buchladen Type Books, Toronto, Ontario mit Musik von Grayson Matthews

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Diese Woche titelte die ZEIT: „Halt mal! Der Wert der Zeit: Ein Leitfaden der Entschleunigung“. Auf acht Seiten wird skizziert, dass Zeitknappheit, notorischer Stress und technische Beschleunigung längst zum kollektiven gesellschaftlichen Problem geworden sind. Besonders schön und typisch ZEIT: ein Artikel, in dem die fehlende Zeit für die entspannte Lektüre der ZEIT in einem fiktiven Dialog zwischen Redakteur und gestresstem Leser reflektiert wird. Einfach wunderbar.

Besinnliche Vorweihnachtszeit

Gerade jetzt kurz vor Weihnachten scheinen die meisten Menschen keineswegs die so häufig gewünschte „besinnliche Vorweihnacht“ zu genießen, sondern hetzen den letzten Terminen des Jahres, fehlenden (Ideen für) Weihnachtsgeschenke(n) und nicht erfüllten Zielvorgaben hinterher. Dies gilt gleichermaßen für zeitlich überforderte Eltern, die Teilzeitjob, Kinder, Haushalt, Freunde, Sport und Partnerschaft irgendwie unter einen Hut bringen müssen, wie auch für gestresste Kinderlose, die einfach zuviel arbeiten und von denen man annimmt, sie müssten doch eigentlich immer und überall für alles bereit sein.

Effizienz und Erreichbarkeit

Doch warum ist unsere Zeit eigentlich so stressig geworden? Liegt es am gestiegenen Anspruch, immer mehr in immer kürzerer Zeit immer effizienter bewältigen zu wollen? Ein Grund scheint in jedem Fall im digitalen Zeitalter und der damit einhergehenden ständigen Erreichbarkeit zu liegen. Gerade die permanente Abrufbarkeit von Nachrichten aller Art und der eigene Anspruch, schnellstmöglich auf diese Nachrichten zu reagieren, führen auf Dauer zu Stress und Überforderung.

Bücher  entschleunigen uns

Passend zum Thema habe ich im vergangenen Jahr den Artikel „Warum schnelle Zeiten ‚langsame’ Medien brauchen“ in dem Magazin CP-Monitor veröffentlicht. Darin beschreibe ich, dass gerade Büchern eine entscheidende Rolle bei der Entschleunigung zukommt. „Prozesse wie Imagination, das Aufrufen eigener Bilder und Muster, und Immersion, das Eintauchen in einen linearen Text, werden aktiviert.“ Einfacher gesagt: Mit Büchern kann man in andere Welten eintauchen, sich in sie fallen lassen und nachdenken. Aber gilt dies nicht auch für digitale Medien? – Zumindest wohl nicht im gleichen Maße. Denn durch die langsamere, „kontrollierbare Geschwindigkeit [wird] die Qualität der Kognition erhöht.“ Der Mensch braucht also etwas Langsamkeit, um seine Gedanken zu ordnen und damit entspannen zu können. Nur so kann neue Kreativität entstehen. Eventuell kommt einem bei der entspannten Lektüre sogar die ein oder andere Idee für ein noch fehlendes Geschenk. Und falls nicht, entsteht vielleicht die Gelassenheit, die eigene Imperfektion zu ertragen.

 

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Jeder hat wohl eine Vorstellung davon, wie er mediale Informationen aufnimmt. Wir alle vertrauen manchen Medien mehr als anderen, gehen bei manchen eher davon aus, gut und umfassend informiert oder kulturell bereichert zu werden, während wir bei anderen mit eher oberflächlicher Unterhaltung und Zerstreuung rechnen und von einigen erwarten, wirklich etwas zu lernen. Aber welche Hebel, welche Mechanismen sind es eigentlich, die unsere Wahrnehmung beeinflussen und steuern? Was passiert in unserem Gehirn, wenn wir ein Medium nutzen, ein Buch, einen E-Reader oder eine Zeitschrift zur Hand nehmen, eine Website anschauen, ein Blog lesen? Besonders interessant ist dies natürlich für Autoren, die wollen, dass ihre Inhalte in einer bestimmten Weise wahrgenommen werden.

Ein Wermutstropfen vorneweg: Die Forschung scheint weit davon entfernt, diese Fragen hinreichend beantworten zu können. Dennoch gibt es in vielen Forschungsbereichen interessante Ansätze dazu.

Haptik und Multisensorik

Ein wichtiger Aspekt ist für die Wissenschaftler beispielsweise die Tangibilität (Berührbarkeit), die Printprodukte von elektronischen Medien unterscheidet. Die Trendforscherin Lola Güldenberg macht darauf aufmerksam, dass taktile Einflüsse starke Auswirkungen auf unser Verhalten und unsere Einschätzungen haben. Tests belegen, dass die Annahme der Wertigkeit eines Produkts mit seinem Gewicht in Verbindung steht. Überhaupt fallen viele mögliche Kriterien in den Bereich der Haptik. Im Haptik-Forschungslabor der Universität Leipzig wird dazu unter Leitung von Martin Grunwald Grundlagen- und Auftragsforschung betrieben. Es ist möglich, ganz gezielt die Wahrnehmung von Oberflächenbeschaffenheiten und anderen haptischen Elementen zu untersuchen; solche Studien werden jedoch meist im Auftrag der Industrie durchgeführt und dienen dem Interesse der Produktentwickler. Öffentlich verfügbare Erkenntnisse gibt es dazu dagegen kaum.

Über die reine Haptik hinaus gehen Untersuchungen zur Multisensorik. Forschungen der Ruhr-Universität Bochum haben ergeben, dass das Gehirn besonders stark stimuliert wird, wenn mehrere Reize wie Optik, Formgebung und Oberflächenbeschaffenheit gleichzeitig eingehen. Diese Erkenntnisse können sicher für die Entwicklung wirkungsvoller Medienkonzepte genutzt werden.

Leseforschung

Ein weiteres bedeutendes Feld zur Wirkung von gedruckten oder elektronischen Medien ist die Leseforschung, die neuerdings auch vergleichende Studien zum Lesen auf Papier und im elektronischen Bereich anbietet und damit unter anderem zur Beantwortung der Frage herangezogen werden kann, welche Wahrnehmungseffekte zu erwarten sind. Hier liegt eine Mainzer Lesestudie von Stephan Füssel et al. vor, deren erste Ergebnisse zeigen, dass man nicht generell davon ausgehen kann, das Lesen elektronischer Texte sei bezüglich der Konzentration und Aufnahmefähigkeit, aber auch der nachhaltigen Erinnerung mühsamer oder wirkungsärmer als das von Printartikeln. Die vollständige Auswertung wird nach Auskunft der Forschungsgruppe voraussichtlich noch 2012 publiziert.

Neurologische und erziehungswissenschaftliche Aspekte

Noch nicht klar einschätzbar ist sicher auch, inwieweit das häufige Lesen elektronischer Texte gerade im Onlinebereich dazu führt, dass nur noch ein oberflächliches Verständnis möglich ist und der Leser nicht mehr wirklich in Texte eintaucht, sie versteht und eine Emotionalität dazu entwickelt. Das Medium beeinflusst die Intensität der Wahrnehmung. Es scheint, dass gerade die kontrollierbare Geschwindigkeit beim Lesen eines Buch- oder Zeitschriftentextes die Qualität der Kognition erhöht, so Maryanne Wolf vom Center for Reading and Language Research an der Tufts University in Massachusetts (Autorin des vielbeachteten Sachbuches „Das lesende Gehirn“). Der Mensch braucht etwas „Langsamkeit“, um denken, reflektieren und planen zu können. Außerdem sind die kognitiven Verknüpfungen, die wir brauchen, um zu lesen, nicht angeboren. Das bestätigt auch Gerald Hüther, der die Zentralstelle für neurobiologische Präventionsforschung der psychiatrischen Universität Göttingen leitet. Das Lesenlernen mit verschiedenen Medien beeinflusst die Hirnstrukturen und so auch die intellektuelle Entwicklung. Der Zeitraum des Lesenlernens und damit der Entstehung der Leseverknüpfungen bedarf daher einerseits einer besonders gründlichen wissenschaftlichen Untersuchung und andererseits einer besonderen pädagogischen Aufmerksamkeit.

Gesellschaftliche Funktionen

Der Lehrstuhl für Buchwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg beschäftigt sich speziell mit dem Medium Buch und setzt eher auf der strukturellen Ebene an. Das Institut betreibt Buchforschung nicht am Gegenstand „Buch“, sondern geht von einem systemischen Zusammenhang zwischen den Organisationen der Herstellung und Verbreitung (Verlag und Buchhandel), der Institutionalisierung des Mediums Buch in der Gesellschaft und den Funktionen und Leistungen von Buchkommunikation im Mediensystem aus. Ursula Rautenberg, Leiterin des Instituts, beschäftigt sich unter anderem mit der sozialen Zeichenwirkung von Büchern.

Ein weites Feld

Aber auch in vielen weiteren Bereichen werden Informationen generiert, die zum besseren Verständnis unserer Wahrnehmung von Medieninhalten herangezogen werden könnten. Psychologen wie Gerd Gigerenzer vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung untersuchen unser, auch unbewusstes, Entscheidungsverhalten, in der Neurologie betrachten Forscher wie Ernst Pöppel, welche Stimulanzien zu welcher Gehirnaktivität führen, welche Bilder, Überschriften oder Schrifttypen etwa erregen, faszinieren oder ärgern. Die Liste ließe sich sicher noch lange fortsetzen.

Was jedoch aussteht, ist, all diese Ergebnisse speziell auf die Wahrnehmung von Medien bezogen zusammenzuführen und auszuwerten. Eine echte Herausforderung, die für eine zielgerichtete Medienentwicklung aber von großem Wert wäre. Autoren werden sich diese Erkenntnisse zukünftig immer mehr vor Augen führen müssen, um den sich verändernden Wahrnehmungskanälen und -wegen Rechnung tragen zu können.

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Wann ist ein Buch ein Buch?

August 23, 2012

Vor einigen Wochen habe ich bereits berichtet, dass der Börsenverein des Deutschen Buchhandels seit einiger Zeit beharrlich vom „Prinzip Buch“ spricht. Heute möchte ich mich einmal genauer mit diesem neuen Begriff auseinandersetzen: Was meint er eigentlich, was umfasst er und was nicht? Mit anderen Worten: Was wird auch in Zukunft aus einem Buch ein Buch machen?

Verpackung und Content

Die Coffee Table Books, mit denen ich mich anlässlich des neuen Billy-Regals auseinandergesetzt habe, betonen eine äußerliche Eigenschaft des Buches: Als physisch erlebbarer Gegenstand verdinglicht das Buch gewissermaßen seinen Inhalt. Es ist eine Verpackung und dient damit auch der Repräsentation. Dass wir es in Regalen im Wohnzimmer aufbewahren oder auf dem Couchtisch neben dem Sofa, zeigt auch unser Bewusstsein für die Rolle des Buches bei der Selbstdarstellung in sozialen Beziehungen. Beim Coffee Table Book spitzt sich das noch einmal zu, ist so ein Bildband doch gewissermaßen Corporate Publishing für Privatpersonen: Ein Buch über italienische Villen aus Renaissance und Barock soll wartenden Gästen Vergnügen bereiten und sagt zugleich etwas über den Gastgeber aus, unter anderem, dass dieser sich für Architekturgeschichte interessiert.

Das Buch erschöpft sich aber natürlich nicht darin, Verpackung zu sein. Es hat auch einen Inhalt – oder neudeutsch: Content. Wie sieht der aus? Typischerweise ist es hauptsächlich Text – entweder eine Sammlung kürzerer Beiträge oder ein einzelnes längeres Werk. Andere Inhalte verstehen sich meistens als Ergänzung zum Text. Und typischerweise ist der Inhalt eines Buches sehr gut aufbereitet – der Konsument wird durch eine verständliche Gliederung, durch narrative oder argumentative Strukturen geführt, außerdem gilt der Inhalt als qualitativ hochwertig. Deshalb haftet dem Buch in vielen Fällen auch der Nimbus des „ewig Gültigen“ an. Es ist in sich abgeschlossen, „ganz“ und ermöglicht damit eine besondere Form der Auseinandersetzung, die ich bereits in anderem Zusammenhang beschrieben habe.

Der Computer als Allesfresser

Die beiden letztgenannten Aspekte sind es aber auch, die nun durch technische Entwicklungen herausgefordert werden: durch Multimedialität und Digitalisierung.

Immer schon war es technisch möglich, Bücher zu illustrieren. Erst in den letzten 150 Jahren entstand aber die Fähigkeit, auch Töne und Bewegtbilder zu speichern. Die Speichertechnik war dabei jeweils an das zu speichernde Material angepasst. Filme und Musikaufnahmen traten deshalb in Konkurrenz zum Buch, drohten aber nicht, dieses aufzulösen. Diese Gefahr (die in Wahrheit eine Chance ist) entstand erst, als sich die Computertechnik all dieser Inhalte bemächtigte. Dieser Vorgang selbst ist recht komplex: Zum einen geht es um die Vereinheitlichung des Speichermediums – Filme, Musikaufnahmen und Texte lassen sich alle digitalisiert (und damit in gleicher Form) speichern. Zweitens entstand im Computer ein Gerät, das diese unterschiedlichen Inhalte wiedergeben kann, weil es einen sowohl für Bilder als auch für Text geeigneten Bildschirm und Lautsprecher besitzt. Und schließlich ermöglicht der Computer die flexible Kombination der Elemente, weil er von jeher mit der Vorstellung des Programmierens verbunden ist.

Anders als der Tonfilm, der auch schon Text, Ton und Bilder verband, erlaubt das „enriched E-Book“ oder das Computerspiel zusätzlich die selbstbestimmte Aneignung durch den Konsumenten, wie sie so typisch für das Buch ist. Beim Film ist mir die Konsumgeschwindigkeit vorgegeben, im gedruckten Buch kann ich blättern. Bei Apps, enriched E-Books und Computerspielen beeinflusst mein Verhalten sogar den Inhalt, die narrative Struktur.

Ein weites Feld statt klarer Grenzen

Wenn wir das Buch von seinen Geschwistern abgrenzen wollen, bekommen wir es also mit mindestens zwei Dimensionen zu tun. Die erste ist die Dominanz der Schrift. Verlangen wir in Büchern vor allem schriftlich fixierten Text, so fallen Computerspiele und Spielfilme als Bücher weitgehend aus. Allerdings sind dann auch Bilderbücher und Coffee Table Books bedroht – vor allem aber Hörbücher, die sich im Gegensatz zu den eben genannten auch nicht dadurch als Bücher „retten“ lassen, dass sie Seiten und einen Einband besitzen. Sind Hörbücher dagegen Bücher, dann sollten Spielfilme eigentlich auch welche sein – Schaubücher eben.

Die zweite Frage ist die der aktiven Aneignung durch den Konsumenten. Auf dem Weg vom reinen E-Book über das um Filme, Bilder, Musik und spielerische Elemente ergänzte E-Book zum ausgewachsenen Computerspiel nimmt die Gestaltungsleistung des Konsumenten zu, die Linearität ab. Hier kann man wohl nur willkürlich eine Grenze ziehen.

Eine weitere Frage stellt sich, wenn die Interaktion des Konsumenten sich nicht nur auf das „Buch“ selbst, sondern auch auf den Autor, die Autorin oder das Autorenteam bezieht. Damit geraten die sozialen Beziehungen in den Blick, die sich rund um die Buchproduktion gebildet haben. Auch diese reflektieren zum Teil die Produktionsstruktur. Bücher werden ja auch deshalb so sorgsam strukturiert, lektoriert und gestaltet, weil sie anschließend in möglichst hoher Auflage verkauft werden sollen. Sie sind deshalb umgeben von der speziellen Aura der Gegenstände aus Massenproduktion, einer kühlen Perfektion. Es ist heute aber denkbar, einen unfertigen Text in elektronischer Form zu publizieren und ihn dann gemäß den Rückmeldungen des Publikums nach und nach zu verbessern. Oder ihn durch die Gemeinschaft der Leser und Leserinnen strukturieren und lektorieren zu lassen. Die Rollen von Autorin, Lektor und Leserin würden sich durch ein solches Vorgehen beträchtlich wandeln. Aber entspräche das noch dem „Prinzip Buch“? Oder ist das Buch notwendigerweise ein in sich abgeschlossenes, vollkommenes Ganzes?

Der Übergang vom Buch zum Prinzip Buch ist also keinesfalls trivial. Der neue Begriff spricht aber viele virulente Themen an und spitzt sie auf die fruchtbare Fragestellung zu, was unser Leben mit den Büchern eigentlich ausmacht und was es davon zu bewahren gilt. Der Börsenverein zeigt mit der Einführung dieser Formel deshalb nicht nur seine Bereitschaft, einem grundlegenden Wandel seines ureigenen Gegenstandes Rechnung zu tragen – er vereinigt und fokussiert auch Diskurse, um die Auseinandersetzung produktiver werden zu lassen.

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Gedanken zu unserer Wertschätzung eines bedrohten Mediums

Seit Jahren begleitet ihn auf seinen Reisen stets eine 250 GB-Festplatte mit allen wichtigen Werken der Weltliteratur, dennoch ist er immer ein entschiedener Liebhaber des gedruckten Buches geblieben: Umberto Eco! Seine Lobeshymnen auf unsere papiergebundenen Kulturschätze sind Balsam auf die dieser Tage geplagten Büchermacherseelen. Gerne hören wir seine Bekenntnisse. Und doch kostet es uns immer mehr Mühe, stichhaltig zu belegen, worin der unersetzbare Wert der gefüllten Bibliotheksregale eigentlich begründet liegt.

Ja, wir lieben unsere Bücher, aber warum eigentlich?

In puncto Mobilität, Verbreitung und Verfügbarkeit überzeugt das Format E-Book längst auf der ganzen Linie. Selbst das Leseerlebnis wird dank nicht-spiegelnder E-Ink-Technologie zunehmend als zumindest äquivalent beschrieben. Wer beim Lesen nicht auf ein gewohntes Buch-Gefühl verzichten möchte, der kann sich beim Seitenwechsel eine „Umblätter-Animation“ anzeigen lassen, auf manchen Readern lässt sich dazu sogar ein kitschiger Papier-Raschel-Sound abspielen. Fast wird auf dem digitalen Lesegerät also ein „echtes“ Leseerlebnis simuliert. Fast! Denn ein Buch spricht in seiner Materialität natürlich eine Vielzahl von Sinnen des Lesers an, ein multisensorisches Erlebnis, das sich so sicher nie vollständig simulieren lässt. Aber kann es denn wirklich sein, möchte ich überspitzt formulieren, dass die Entscheidung darüber, auf welchem Trägermedium wir in Zukunft lesen möchten, beispielsweise davon abhängig ist, wie selbiges riecht? Es ist doch geradezu seltsam, wie häufig derzeit durch alle Medien über die olfaktorischen Qualitäten des gedruckten Buches gesprochen wird. Haben wir wirklich, bevor die Diskussion um digitale Buch-Surrogate zum Medienereignis geworden ist, bei der Lektüre im Stillen den Duft bedruckter Seiten goutiert? Ist es vielleicht vielmehr nur nostalgische Neigung, eine romantisch idealisierte Erinnerung, die uns das Bucherlebnis 1.0 überbewerten lässt?

Gehört die Zukunft allein dem digitalen Buch? Sollten wir das Unvermeidbare einfach akzeptieren?

Vor wenigen Wochen lehnte sich Tom Hillenbrand (erfolgreicher Romanautor und Wirtschaftsjournalist, u. a. für Spiegel Online) mit seinen „Zehn steilen Thesen zum E-Book“ auf gewohnt provokante Weise aus dem (digitalen) Fenster seines Blogs auf Netzfundbuero.de: Darunter so schmerzliche Prognosen wie, in 20 Jahren werde es (fast) keine Buchläden mehr geben, alle Bereiche des Buchmarktes wären dann digitalisiert sein und auch den (herkömmlichen) Verlagen gehe es deutlich an den Kragen, gingen doch wesentlich mehr Autoren dazu über, ihre Werke in Eigenregie zu veröffentlichen. Gerade weil sich mit Hillenbrand hier ein bekannter Autor äußerte, also einer, der selbst mit seinen Werken von dem prognostizierten Wandel betroffen ist, der durchaus als nicht unbedeutender „Player“ des Buchmarkts wahrgenommen wird, einer, dem man aber auch anmerkte, dass er seine Prognosen mit einer gewissen Portion Bedauern abgab, befeuerten die Thesen einmal mehr die hitzige Diskussion um die Zukunft des Buches. Und diese Diskussion wird zunehmend emotional geführt, man erinnere sich, um ein nur leicht entferntes Beispiel zu nennen, an die „Shitstorms“ und Drohungen, die Unterzeichner der „Wir sind die Urheber“-Kampagne im Internet über sich ergehen lassen mussten. Ohne hier auf die Details dieser Debatte einzugehen, kann sie doch verdeutlichen, wie sehr und wie breit das Thema Bücher zu mobilisieren vermag.

Warum liegt uns so viel am Buch? Eine filmische Spurensuche

Auch wenn wir immer noch weit davon entfernt sind, abschließende Aussagen darüber zu treffen, wie Literatur und wie Bücher in Zukunft aussehen werden oder sollten, es ist immerhin großartig zu sehen, dass eine fruchtbare Diskussion darüber geführt wird. Ins Feld geführt werden Argumente zur Haltbarkeit, zur Verfügbarkeit oder zum Verbreitungsgrad von Wissen und Kultur. Ebenso spannend wird etwa über anthropologische Aspekte debattiert: das Buch entspreche in seiner über die Jahrhunderte ausgeklügelten Gestaltungs- und Wesensform schlichtweg physiologischen, psychologischen oder auch sozialen Bedürfnissen des Menschen. An dieser Stelle geht es mir aber stärker um ästhetische Qualitäten. Deshalb möchte ich als Anregung ein wunderbares Video empfehlen, nämlich eine Dokumentation vom April 2012 mit dem vielversprechenden Titel „The future of print“. Regisseurin Hanah Ryu Chung hat eine Reihe ausgewiesener Buchmenschen interviewt, darunter Grafiker, Setzer, Drucker, Buchhändler und Verleger. Der Film vereint zahlreiche sehr persönliche An- und Einsichten und gerät so zu einer bildreichen Suche nach dem Proprium, nach der Faszination und dem Wert des gedruckten Buches. Ich wünsche viel Vergnügen und gute Inspiration!

EPILOGUE: the future of print from EPILOGUEdoc on Vimeo.

 

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Überlieferte Schätze

Auch Umberto Eco kommt nicht umhin, sich mit der Bedeutung von Büchern in der heutigen Zeit kritisch auseinanderzusetzen. Kürzlich habe ich dazu einen spannenden Aufsatz gefunden, der 2006 im Original erschien: „Das pflanzliche Gedächtnis“ (in: Eco, Die Kunst des Bücherliebens, 2011). Darin reflektiert Eco in gewohnter Eloquenz eine sehr wichtige Funktion von Büchern: die Bewahrung von Erinnerungen, von Geschichte und Wissen. Um die Welt um uns herum zu verstehen, sind wir auf Wissensspeicher angewiesen. Das gilt sowohl für einzelne Menschen als auch für größere Gemeinschaften: ohne Überlieferung ist alles Vergangene verloren. Aber welches Medium ist dafür das richtige?

Anhäufen oder selektieren?

Immer, wenn es darum geht, Wissen weiterzugeben, steht dem Wunsch nach Vollständigkeit die Notwendigkeit von Selektion gegenüber. Unser Gedächtnis kann viel leisten, aber natürlich kann es nicht jedes Detail behalten. Im Gegenteil, es ist sogar eine wichtige Aufgabe unseres Gehirns, eingehende Informationen nach Relevanz zu sortieren und gegebenenfalls auch wieder zu löschen. Während dem Menschen als Mittel zur Überlieferung in grauer Vorzeit nur die Sprache zur Verfügung stand und die Alten am Feuer ihr Wissen an die Jungen weitergaben, stehen uns heute durch die elektronische Speicherung schier unendliche Datenmengen zur Verfügung. „Es gibt kein größeres Schweigen als den absoluten Lärm“, sagt Eco – die vorhandene Flut an Informationen kann der Mensch nicht verarbeiten, ohne Selektion ist sie nutzlos. Hier zeigt sich eine Grundqualität von Büchern, unseres „pflanzlichen Gedächtnisses“, also der in Form von Schrift auf Papier festgehaltenen Erinnerungen und Erkenntnisse. Zugegeben, auch an Büchern herrscht bisweilen Überfluss und wir müssen eine Wahl treffen, doch jedes Buch für sich birgt eine abgeschlossene Einheit ausgewählter Inhalte. Gewiss können sich diese untereinander auch widersprechen – aber genau damit lehren sie uns, Inhalte kritisch zu bewerten. Und sie helfen uns, Muster und Schemata zu bilden, zu selektieren und damit Orientierung zu finden.

Wie schon die Alten sungen … – die Macht des geschriebenen Wortes

Ein Buch regt dazu an, sich zu fragen, wer die präsentierten Inhalte ausgewählt hat und unter welchem Gesichtspunkt. „Wir versuchen es nicht bloß zu entziffern, sondern suchen auch einen Gedanken zu interpretieren, eine Absicht.“ Durch diese permanente Befragung, den Dialog mit dem Medium, wird ein Kult des Buches möglich, der es zugleich zu einem Symbol der Wahrheit werden lässt. Während wir unser eigenes Gedächtnis oft in Zweifel ziehen, nutzen wir das pflanzliche Gedächtnis gerne als Argumentationshilfe: So steht es geschrieben! Bücher sind für uns, was einst die Alten waren. Sie besitzen Autorität, ihr transferiertes Wissen ist wertvoll und sorgsam ausgewählt. Durch sie können wir neben unserem eigenen viele weitere Leben leben.

Lesen Sie, sollten Sie Gelegenheit dazu haben, Ecos bildreichen Aufsatz – er ist eine mitreißende Liebeserklärung an das Buch!

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Digitale Medien wie das E-Book bereiten dem Buch bezüglich Aktualität, Funktionsvielfalt und Transportfähigkeit starke Konkurrenz. Und trotzdem ist die Liebe zum Gedruckten bei vielen Menschen aus gutem Grunde ungebrochen.

Das Buch lebt!

Gedruckte Bücher begleiten uns durchs ganze Leben. Sie sind Unterhaltungs- und Informationsquelle, bieten Abenteuer und Zur-Ruhe-Kommen, bringen uns zum Lachen, zum Weinen oder zum Stirnrunzeln. Bücher helfen uns, die Welt zu erschließen. In Büchern ist nichts unmöglich: Mit ihnen lernen wir die Vergangenheit und Spekulationen über die Zukunft kennen, reisen in fremde Länder und fantastische Welten, erweitern unseren intellektuellen und praktischen Horizont.

Warum haben wir Bücher eigentlich so gern?

Bücher entsprechen der kognitiven Beschaffenheit und den emotionalen Bedürfnissen von Menschen. Ein wichtiger Aspekt ist dabei sicher ihre Materialität. Die Materialität macht das Buch automatisch zu einem Gegenüber, seine Haptik, aber auch sein Geruch, das Geräusch des Blätterns verleihen ihm Sinnlichkeit; das Öffnen eines Buches gleicht einer Verheißung. Unterstützt wird dies durch seine nicht alltägliche, nicht rein funktionelle, sondern bildhafte, differenzierte und sorgsam gewählte Sprache. Wie sagte Walter Benjamin? „Bücher und Dirnen kann man ins Bett nehmen.“ Apropos Bett: Vierzig Prozent der Buchliebhaber geben an, gern im Bett zu lesen, denn hier kommt man zur Ruhe und kann sich gänzlich auf etwas Neues, auf das lockende Angebot eines Buches, einlassen. Auch dieses Sich-Einlassen, die Immersion, ist ein Grund für unsere Hinwendung zu Büchern: wir genießen das Innehalten, die Entschleunigung, das Eintreten in einen selbst bestimmten Raum.

Ein Thema wird gleichsam für uns aus der Zeit genommen, denn im Buch sind Inhalte nicht mehr veränderbar, sie werden selektiert, separiert und fokussiert. Im Gegenzug schenken wir ihm unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. Bücher ermöglichen uns so den Zugang zu komplexen und Dauer beanspruchenden Inhalten. Wir können sie in ausgewählten Momenten immer wieder zu Rate ziehen und dabei auch immer wieder Neues entdecken, denn in jeder Lebensphase nehmen wir sie anders wahr.

Aufgrund dieses besonderen Stellenwertes in unserem Leben haben Bücher auch spezielle kommunikative Wirkungen.

Bücher sprechen an

Grundsätzlich vermitteln Bücher durch ihre materielle Form und den offensichtlichen Aufwand, der für ihre Entstehung betrieben wurde, Gewichtigkeit, Seriosität und Nachhaltigkeit. Hinzu kommt unsere kulturelle Prägung, die uns das Buch als geschichtsträchtiges, niveauvolles Medium wahrnehmen lässt, das Exklusivität verheißt. Deshalb sind wir gerne bereit, Büchern unser Vertrauen zu schenken und uns von ihnen einen Impuls geben zu lassen. Gleichzeitig schaffen sie Nähe, indem sie Meinungen wiedergeben, unterhalten, den Leser bilden und zu seiner Entwicklung beitragen. Darüber hinaus – und dies ist nicht zu unterschätzen – haben Bücher auch eine starke soziale Zeichenwirkung: Als Geschenk zeigen sie Wertschätzung, als Sammelobjekt manifestieren sie ein gehobenes Bildungsniveau, ihren Inhalten verleihen sie Exklusivität, ihrem Verfasser Expertenstatus.

Deshalb sind Bücher auch ein wichtiges Medium im Corporate Publishing, über das ich in Kürze ebenfalls berichten werde.

 

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