Jeder hat wohl eine Vorstellung davon, wie er mediale Informationen aufnimmt. Wir alle vertrauen manchen Medien mehr als anderen, gehen bei manchen eher davon aus, gut und umfassend informiert oder kulturell bereichert zu werden, während wir bei anderen mit eher oberflächlicher Unterhaltung und Zerstreuung rechnen und von einigen erwarten, wirklich etwas zu lernen. Aber welche Hebel, welche Mechanismen sind es eigentlich, die unsere Wahrnehmung beeinflussen und steuern? Was passiert in unserem Gehirn, wenn wir ein Medium nutzen, ein Buch, einen E-Reader oder eine Zeitschrift zur Hand nehmen, eine Website anschauen, ein Blog lesen? Besonders interessant ist dies natürlich für Autoren, die wollen, dass ihre Inhalte in einer bestimmten Weise wahrgenommen werden.

Ein Wermutstropfen vorneweg: Die Forschung scheint weit davon entfernt, diese Fragen hinreichend beantworten zu können. Dennoch gibt es in vielen Forschungsbereichen interessante Ansätze dazu.

Haptik und Multisensorik

Ein wichtiger Aspekt ist für die Wissenschaftler beispielsweise die Tangibilität (Berührbarkeit), die Printprodukte von elektronischen Medien unterscheidet. Die Trendforscherin Lola Güldenberg macht darauf aufmerksam, dass taktile Einflüsse starke Auswirkungen auf unser Verhalten und unsere Einschätzungen haben. Tests belegen, dass die Annahme der Wertigkeit eines Produkts mit seinem Gewicht in Verbindung steht. Überhaupt fallen viele mögliche Kriterien in den Bereich der Haptik. Im Haptik-Forschungslabor der Universität Leipzig wird dazu unter Leitung von Martin Grunwald Grundlagen- und Auftragsforschung betrieben. Es ist möglich, ganz gezielt die Wahrnehmung von Oberflächenbeschaffenheiten und anderen haptischen Elementen zu untersuchen; solche Studien werden jedoch meist im Auftrag der Industrie durchgeführt und dienen dem Interesse der Produktentwickler. Öffentlich verfügbare Erkenntnisse gibt es dazu dagegen kaum.

Über die reine Haptik hinaus gehen Untersuchungen zur Multisensorik. Forschungen der Ruhr-Universität Bochum haben ergeben, dass das Gehirn besonders stark stimuliert wird, wenn mehrere Reize wie Optik, Formgebung und Oberflächenbeschaffenheit gleichzeitig eingehen. Diese Erkenntnisse können sicher für die Entwicklung wirkungsvoller Medienkonzepte genutzt werden.

Leseforschung

Ein weiteres bedeutendes Feld zur Wirkung von gedruckten oder elektronischen Medien ist die Leseforschung, die neuerdings auch vergleichende Studien zum Lesen auf Papier und im elektronischen Bereich anbietet und damit unter anderem zur Beantwortung der Frage herangezogen werden kann, welche Wahrnehmungseffekte zu erwarten sind. Hier liegt eine Mainzer Lesestudie von Stephan Füssel et al. vor, deren erste Ergebnisse zeigen, dass man nicht generell davon ausgehen kann, das Lesen elektronischer Texte sei bezüglich der Konzentration und Aufnahmefähigkeit, aber auch der nachhaltigen Erinnerung mühsamer oder wirkungsärmer als das von Printartikeln. Die vollständige Auswertung wird nach Auskunft der Forschungsgruppe voraussichtlich noch 2012 publiziert.

Neurologische und erziehungswissenschaftliche Aspekte

Noch nicht klar einschätzbar ist sicher auch, inwieweit das häufige Lesen elektronischer Texte gerade im Onlinebereich dazu führt, dass nur noch ein oberflächliches Verständnis möglich ist und der Leser nicht mehr wirklich in Texte eintaucht, sie versteht und eine Emotionalität dazu entwickelt. Das Medium beeinflusst die Intensität der Wahrnehmung. Es scheint, dass gerade die kontrollierbare Geschwindigkeit beim Lesen eines Buch- oder Zeitschriftentextes die Qualität der Kognition erhöht, so Maryanne Wolf vom Center for Reading and Language Research an der Tufts University in Massachusetts (Autorin des vielbeachteten Sachbuches „Das lesende Gehirn“). Der Mensch braucht etwas „Langsamkeit“, um denken, reflektieren und planen zu können. Außerdem sind die kognitiven Verknüpfungen, die wir brauchen, um zu lesen, nicht angeboren. Das bestätigt auch Gerald Hüther, der die Zentralstelle für neurobiologische Präventionsforschung der psychiatrischen Universität Göttingen leitet. Das Lesenlernen mit verschiedenen Medien beeinflusst die Hirnstrukturen und so auch die intellektuelle Entwicklung. Der Zeitraum des Lesenlernens und damit der Entstehung der Leseverknüpfungen bedarf daher einerseits einer besonders gründlichen wissenschaftlichen Untersuchung und andererseits einer besonderen pädagogischen Aufmerksamkeit.

Gesellschaftliche Funktionen

Der Lehrstuhl für Buchwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg beschäftigt sich speziell mit dem Medium Buch und setzt eher auf der strukturellen Ebene an. Das Institut betreibt Buchforschung nicht am Gegenstand „Buch“, sondern geht von einem systemischen Zusammenhang zwischen den Organisationen der Herstellung und Verbreitung (Verlag und Buchhandel), der Institutionalisierung des Mediums Buch in der Gesellschaft und den Funktionen und Leistungen von Buchkommunikation im Mediensystem aus. Ursula Rautenberg, Leiterin des Instituts, beschäftigt sich unter anderem mit der sozialen Zeichenwirkung von Büchern.

Ein weites Feld

Aber auch in vielen weiteren Bereichen werden Informationen generiert, die zum besseren Verständnis unserer Wahrnehmung von Medieninhalten herangezogen werden könnten. Psychologen wie Gerd Gigerenzer vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung untersuchen unser, auch unbewusstes, Entscheidungsverhalten, in der Neurologie betrachten Forscher wie Ernst Pöppel, welche Stimulanzien zu welcher Gehirnaktivität führen, welche Bilder, Überschriften oder Schrifttypen etwa erregen, faszinieren oder ärgern. Die Liste ließe sich sicher noch lange fortsetzen.

Was jedoch aussteht, ist, all diese Ergebnisse speziell auf die Wahrnehmung von Medien bezogen zusammenzuführen und auszuwerten. Eine echte Herausforderung, die für eine zielgerichtete Medienentwicklung aber von großem Wert wäre. Autoren werden sich diese Erkenntnisse zukünftig immer mehr vor Augen führen müssen, um den sich verändernden Wahrnehmungskanälen und -wegen Rechnung tragen zu können.

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Digitales Klassenzimmer 1.0

September 4, 2012

Bald könnte Schluss sein mit Tafeldienst und dem berühmten „Hefte raus, wir schreiben ein Diktat“, denn Trendforscher sagen unseren Schulen eine digitale Zukunft voraus.

Es steht eine Zeitenwende bevor … und damit ist ausnahmsweise einmal nicht das von hoch gebildeten Maya prophezeite Ende der Welt am 21. Dezember gemeint (auch wenn hysterische Zeitgenossen beim Thema dieses Beitrages durchaus schon mal die Rede vom drohenden Untergang unserer Zivilisation bemühen), sondern die digitale Revolution in den Klassenzimmern Deutschlands. Unsere Kinder wachsen wie selbstverständlich in die heutige digitalisierte Welt hinein. Während wir hier und da noch einige Minuten brauchen, um die neu App auf unserem iPad zu finden, navigieren selbst Grundschulkinder in Sekundenschnelle und mit beeindruckender Treffsicherheit durchs Menü. E-Books werden immer beliebter, in den letzten Jahren hat sich Verkauf von E-Books vervierfacht (von 1,5 Millionen in 2009/10 auf ca. 6,7 Millionen in 2011/12, Quelle: statistika.com).

Die buchaffinen Deutschen nun tun sich aber gedanklich schwer damit, das Buch aus Wohn- und erst recht aus Klassenzimmern zu verbannen. Aber in der Realität? … Es muss etwas geschehen, müssen neue Wege beschritten werden, wenn wir irgendwann einmal in der PISA-Studie oben mitranken wollen.

Stellen wir uns folgenden Fall vor: In der selbsternannten Bildungsrepublik Deutschland bricht die digitale Revolution los! An allen Schulen wird als erstes die von den amerikanischen Lehrern Aaron Sams und Jonathan Bergmann vor einigen Jahren entwickelte „Flipped-Classroom-Methode“ eingeführt. Die Schüler bereiten eigenständig anhand von Online-Lernvideos zu Hause die Themenbereiche des Unterrichts vor. Im Unterricht dann wird aufgearbeitet und diskutiert. Dröges Büffeln ade, der oft monologisierende Lehrer wird zum Moderator und Lernpartner. Aus „normalen“ Klassen werden fortan Medienklassen, in denen jeder Schüler mit einem Netbook ausgestattet ist. Interaktive Elemente peppen den nun vielseitig vermittelbaren Lernstoff auf, steigern die Medienkompetenz und die Fähigkeit zum eigenständigen Arbeiten. Die Blackbox Schule wird für Eltern auf einmal transparent, nämlich durch Lernmanagementsysteme (LMS). Die bis dato an Hochschulen und in Unternehmen angewandten LMS verbinden nun Lehrer, Schüler und Eltern miteinander: Zusatzinformationen zum Stoff können verschickt, Hausaufgaben und Stundenplan eingesehen und Eltern über den Lernstand des Kindes informiert werden. Alles online.

Einen Einblick in Funkltionsweise und in die Vorteile der “Flipped-Classroom- Methode” gibt Aaron Sams selbst – natürlich digital und weltweit einsehbar auf Youtube:

Zukunftsmusik? Zunächst zumindest noch in Deutschland … Handeln müssen ohne Frage die Kultusministerien, Schuldirektoren, Lehrer und Eltern – aber auch jetzt schon die Verlage. Der Digitalisierung muss Rechnung getragen werden, damit man zukunftsfähig bleibt, gleichzeitig muss sinkenden Umsätzen entgegengewirkt werden.

Das E-Book als Unterrichtsmaterial von morgen? Dies ist sowohl unter dem gesundheitlichen – keine kiloschweren Schulranzen mehr auf den Rücken der Kinder –, als auch unter wirtschaftlichen Aspekten – Reduzierung der Kosten für die Anschaffung der Lehrmittel sowie Einsparung von Produktions- und Lagerkosten – eine sehr gute Option. So können alle Seiten – Schüler, Eltern und Verlage – profitieren.

Die Bildungsverlage stehen vor der Herausforderung, die digitalen Versionen ihrer Bücher und Lehrmittel so zu gestalten und aufzuwerten, dass sie für den Kunden attraktiv sind und dieser bereit ist, den Mehrwert zu bezahlen. Denn momentan liegen die Preise für E-Books noch deutlich unter denen der Printversionen, was wiederum die Verlage fataler Weise oft noch zögerlich an das Projekt Digitalisierung gehen lässt. Zudem sind sowohl die klassischen Bücher als auch ihre digitalen Umsetzungen in ihrem Informationsumfang und ihrer Aktualität begrenzt. Hier müssen Lösungen gefunden werden, denn im digitalen Klassenzimmer steckt Potential, daran zweifelt – abgesehen vielleicht von Manfred Spitzer – derzeit wohl kaum noch jemand!

Ein erster Schritt ist hierbei das von 27 Bildungsmedienverlagen installierte Online-Portal „Digitale Schulbücher“, das im Februar 2012 vorgestellt wurde und nun sukzessive ausgebaut und verbessert werden soll.

Willkommen im digitalen Zeitalter mit Büchern und E-Books!

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Wann ist ein Buch ein Buch?

August 23, 2012

Vor einigen Wochen habe ich bereits berichtet, dass der Börsenverein des Deutschen Buchhandels seit einiger Zeit beharrlich vom „Prinzip Buch“ spricht. Heute möchte ich mich einmal genauer mit diesem neuen Begriff auseinandersetzen: Was meint er eigentlich, was umfasst er und was nicht? Mit anderen Worten: Was wird auch in Zukunft aus einem Buch ein Buch machen?

Verpackung und Content

Die Coffee Table Books, mit denen ich mich anlässlich des neuen Billy-Regals auseinandergesetzt habe, betonen eine äußerliche Eigenschaft des Buches: Als physisch erlebbarer Gegenstand verdinglicht das Buch gewissermaßen seinen Inhalt. Es ist eine Verpackung und dient damit auch der Repräsentation. Dass wir es in Regalen im Wohnzimmer aufbewahren oder auf dem Couchtisch neben dem Sofa, zeigt auch unser Bewusstsein für die Rolle des Buches bei der Selbstdarstellung in sozialen Beziehungen. Beim Coffee Table Book spitzt sich das noch einmal zu, ist so ein Bildband doch gewissermaßen Corporate Publishing für Privatpersonen: Ein Buch über italienische Villen aus Renaissance und Barock soll wartenden Gästen Vergnügen bereiten und sagt zugleich etwas über den Gastgeber aus, unter anderem, dass dieser sich für Architekturgeschichte interessiert.

Das Buch erschöpft sich aber natürlich nicht darin, Verpackung zu sein. Es hat auch einen Inhalt – oder neudeutsch: Content. Wie sieht der aus? Typischerweise ist es hauptsächlich Text – entweder eine Sammlung kürzerer Beiträge oder ein einzelnes längeres Werk. Andere Inhalte verstehen sich meistens als Ergänzung zum Text. Und typischerweise ist der Inhalt eines Buches sehr gut aufbereitet – der Konsument wird durch eine verständliche Gliederung, durch narrative oder argumentative Strukturen geführt, außerdem gilt der Inhalt als qualitativ hochwertig. Deshalb haftet dem Buch in vielen Fällen auch der Nimbus des „ewig Gültigen“ an. Es ist in sich abgeschlossen, „ganz“ und ermöglicht damit eine besondere Form der Auseinandersetzung, die ich bereits in anderem Zusammenhang beschrieben habe.

Der Computer als Allesfresser

Die beiden letztgenannten Aspekte sind es aber auch, die nun durch technische Entwicklungen herausgefordert werden: durch Multimedialität und Digitalisierung.

Immer schon war es technisch möglich, Bücher zu illustrieren. Erst in den letzten 150 Jahren entstand aber die Fähigkeit, auch Töne und Bewegtbilder zu speichern. Die Speichertechnik war dabei jeweils an das zu speichernde Material angepasst. Filme und Musikaufnahmen traten deshalb in Konkurrenz zum Buch, drohten aber nicht, dieses aufzulösen. Diese Gefahr (die in Wahrheit eine Chance ist) entstand erst, als sich die Computertechnik all dieser Inhalte bemächtigte. Dieser Vorgang selbst ist recht komplex: Zum einen geht es um die Vereinheitlichung des Speichermediums – Filme, Musikaufnahmen und Texte lassen sich alle digitalisiert (und damit in gleicher Form) speichern. Zweitens entstand im Computer ein Gerät, das diese unterschiedlichen Inhalte wiedergeben kann, weil es einen sowohl für Bilder als auch für Text geeigneten Bildschirm und Lautsprecher besitzt. Und schließlich ermöglicht der Computer die flexible Kombination der Elemente, weil er von jeher mit der Vorstellung des Programmierens verbunden ist.

Anders als der Tonfilm, der auch schon Text, Ton und Bilder verband, erlaubt das „enriched E-Book“ oder das Computerspiel zusätzlich die selbstbestimmte Aneignung durch den Konsumenten, wie sie so typisch für das Buch ist. Beim Film ist mir die Konsumgeschwindigkeit vorgegeben, im gedruckten Buch kann ich blättern. Bei Apps, enriched E-Books und Computerspielen beeinflusst mein Verhalten sogar den Inhalt, die narrative Struktur.

Ein weites Feld statt klarer Grenzen

Wenn wir das Buch von seinen Geschwistern abgrenzen wollen, bekommen wir es also mit mindestens zwei Dimensionen zu tun. Die erste ist die Dominanz der Schrift. Verlangen wir in Büchern vor allem schriftlich fixierten Text, so fallen Computerspiele und Spielfilme als Bücher weitgehend aus. Allerdings sind dann auch Bilderbücher und Coffee Table Books bedroht – vor allem aber Hörbücher, die sich im Gegensatz zu den eben genannten auch nicht dadurch als Bücher „retten“ lassen, dass sie Seiten und einen Einband besitzen. Sind Hörbücher dagegen Bücher, dann sollten Spielfilme eigentlich auch welche sein – Schaubücher eben.

Die zweite Frage ist die der aktiven Aneignung durch den Konsumenten. Auf dem Weg vom reinen E-Book über das um Filme, Bilder, Musik und spielerische Elemente ergänzte E-Book zum ausgewachsenen Computerspiel nimmt die Gestaltungsleistung des Konsumenten zu, die Linearität ab. Hier kann man wohl nur willkürlich eine Grenze ziehen.

Eine weitere Frage stellt sich, wenn die Interaktion des Konsumenten sich nicht nur auf das „Buch“ selbst, sondern auch auf den Autor, die Autorin oder das Autorenteam bezieht. Damit geraten die sozialen Beziehungen in den Blick, die sich rund um die Buchproduktion gebildet haben. Auch diese reflektieren zum Teil die Produktionsstruktur. Bücher werden ja auch deshalb so sorgsam strukturiert, lektoriert und gestaltet, weil sie anschließend in möglichst hoher Auflage verkauft werden sollen. Sie sind deshalb umgeben von der speziellen Aura der Gegenstände aus Massenproduktion, einer kühlen Perfektion. Es ist heute aber denkbar, einen unfertigen Text in elektronischer Form zu publizieren und ihn dann gemäß den Rückmeldungen des Publikums nach und nach zu verbessern. Oder ihn durch die Gemeinschaft der Leser und Leserinnen strukturieren und lektorieren zu lassen. Die Rollen von Autorin, Lektor und Leserin würden sich durch ein solches Vorgehen beträchtlich wandeln. Aber entspräche das noch dem „Prinzip Buch“? Oder ist das Buch notwendigerweise ein in sich abgeschlossenes, vollkommenes Ganzes?

Der Übergang vom Buch zum Prinzip Buch ist also keinesfalls trivial. Der neue Begriff spricht aber viele virulente Themen an und spitzt sie auf die fruchtbare Fragestellung zu, was unser Leben mit den Büchern eigentlich ausmacht und was es davon zu bewahren gilt. Der Börsenverein zeigt mit der Einführung dieser Formel deshalb nicht nur seine Bereitschaft, einem grundlegenden Wandel seines ureigenen Gegenstandes Rechnung zu tragen – er vereinigt und fokussiert auch Diskurse, um die Auseinandersetzung produktiver werden zu lassen.

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Sommerzeit ist Lesezeit!?

August 16, 2012

Für Statistiker ist das nicht Neues: Der Umsatz von Büchern in Deutschland ist abhängig von der Wetterlage. Doch gilt dies auch für den Buchkauf im Internet? Soeben erschien eine neue Studie, die diesen Erfahrungswert speziell auf dem Onlinemarkt überprüft hat.

Das kommende Wochenende soll hochsommerlich heiß werden. Halb Deutschland wird folglich die Badehose, ein Handtuch und ein gutes Buch einpacken und die Seen stürmen. Ist es da nicht naheliegend, dass viele der Sonnenpilger, in Ermangelung einer passenden Lektüre, auf dem Weg ins Grüne noch eben beim Buchhändler vorbeischauen, um dort den Umsatz spontan in die Höhe zu treiben? Weit gefehlt, sagt der Buchhandel. Schon seit den 80ern weiß man über die Wetterabhängigkeit des (Buch-)Konsumverhaltens der Deutschen Bescheid: In der Bundesrepublik werden vor allem dann Bücher im Laden gekauft, wenn es draußen grau und kühl, aber trocken ist.

Rechtzeitig zum Hitzestart veröffentlicht Christoph Kaeder, WebShop Manager von Lehmanns, eine Statistik, die zeigt: Die Wetterfühligkeit der Deutschen gilt erstaunlicherweise genauso für Kaufentscheidungen im Internet. Auch Online wird vor allem dann zugeschlagen, wenn sich die analoge Welt recht unwirtlich zwischen null und zehn Grad eingependelt hat. Weder bei Frost noch bei großer Hitze wird in Deutschland offenbar viel an Bücher gedacht, so das interessante Ergebnis der Studie.

 

Spannend wäre sicherlich, gerade beim Zusammenhang von Onlinegeschäft und Wetterlage, noch einmal genauer zwischen stationärer und mobiler Kaufsituation zu unterscheiden. Es könnte doch sein, dass Besitzer eines stets so hochgelobten kontrastreichen (= strandtauglichen) E-Ink-Readers ihre E-Books mit Vorliebe direkt von der Liegewiese aus „ordern“. Dazu muss der Internetempfang am Badesee allerdings gut sein – sonst bleibt nur der Blick auf die anderen Badegäste.

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Durch die Möglichkeiten des E-Books können Autoren inzwischen „alles selber machen“. Theoretisch können sie Autor, Verlag und Hersteller in einer Person verkörpern. Aber ist dies in jedem Fall auch sinnvoll?

Ein Blick in die Historie

Aus publizistischer Sicht lassen sich E-Books in eine Reihe von Veränderungen und Erfindungen einordnen, die jeweils die Distanz zwischen Autor und Leser verringerten. Im Laufe dieser Entwicklung verschwanden ganze Berufsgruppen, die zuvor am Transport der Texte von den Autoren zu den Lesern beteiligt waren. Da heute ein Großteil der Texte bereits am Computer entsteht, entfällt zum Beispiel die Texterfassung durch spezielle Mitarbeiter. Durch die Entwicklung des Desktop-Publishings wurde es außerdem möglich, Texte auf demselben Rechner zu schreiben und zu setzen. Autoren und Redakteure konnten, wenn sie das nötige Know-how hatten, also auch die Arbeit der Setzer übernehmen.

Im Falle des E-Books entfällt nun auf einen Schlag die gesamte Produktion in Druckerei und Buchbinderei. Es wird möglich, als Autor sämtliche Herstellungsschritte zu übernehmen – bis zum Produkt, das die Leser schließlich auf ihre Lesegeräte laden. E-Books sind insofern das „wahre“ Desktop-Publishing – alle Arbeitsschritte können an einem einzigen Schreibtisch stattfinden.

Das neue Selbstverständnis des Autors

Damit gewinnt der Autor an Macht und Einfluss. Er ist auf niemanden mehr angewiesen. Aber ist es tatsächlich so einfach? Wenn es technisch denkbar ist, auf die Hilfe von Experten zu verzichten, muss das ja deshalb per se noch nicht sinnvoll sein.

In vielen Bereichen ist es einfach eine Frage des Anspruchs und des eigenen Könnens, wen man bei einer Veröffentlichung eigener Texte hinzuziehen sollte. Viele Autoren schätzen das Feedback aus dem Lektorat, das ihnen hilft, das, was sie sagen möchten, noch genauer und noch verständlicher auszudrücken. Auch ein professionelles Korrektorat und eine Gestaltung durch Fachleute verlieren durch die digitale Veröffentlichung grundsätzlich nicht an Wert. Manche Autoren können diese Aufgaben trotzdem gut selbst übernehmen.

Herausforderungen auf dem Weg zum eigenen E-Book

Die Produktion eines E-Books hat aber auch ihre ganz eigenen Tücken, mit denen ein Autor gegebenenfalls alleine zu kämpfen hat. So gibt es noch keinen allgemeinen technischen Standard für E-Books. Als offenes Format wäre EPUB zwar ein guter Kandidat. Ausgerechnet Amazon, der bekannteste Anbieter von E-Books in Deutschland, verwendet aber ein anderes Format. Durch die zahlreichen unterschiedlichen Anbieter von Lesegeräten und E-Book-Shops entsteht für den Autor also ein spezifisches Problem: Er muss herausfinden, welche Plattformen für seine Publikation besonders geeignet sind, er muss entscheiden, welche Shops und Lesegeräte er bedienen möchte – und er muss sein E-Book gegebenenfalls in mehreren Varianten mit dem entsprechenden Know-how erstellen. Auch diesen Aufwand kann er natürlich an andere abgeben – etwa, wenn es ihm wichtiger ist, Zeit zum Schreiben zu haben als völlig unabhängig von anderen zu sein. Entsprechende Dienstleister stehen inzwischen bereit.

Das E-Book führt also nicht automatisch zum Autor als Einzelkämpfer. Aber es wird die Karten im Verhältnis zwischen Autoren und Verlagen neu mischen – und vielleicht zur Herausbildung ganz neuer Institutionen führen. Der Autor kann mit den entsprechenden Wissens- und Zeitressourcen in Zukunft vieles selbst in der Hand behalten, häufig wird aber auch weiterhin das Expertenwissen spezialisierter Dienstleister hilfreich sein.

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Literatur per Flatrate – durch E-Books könnte dies Realität werden. Ähnlich wie beim Auto müsste man sich nur noch zwischen Leihen oder Kaufen entscheiden. Glaubt man den unbestätigten Annahmen der Financial Times, so kann man schon bald gegen eine monatliche Gebühr bei Amazon so viele Bücher als E-Books herunterladen, wie das Herz begehrt. Was würde das für die Verlage bedeuten? Unbegrenzt Leihen kann man schon jetzt – Online-Bibliotheken wie Skoobe machen’s möglich. Doch ist dieses Angebot derzeit wirklich attraktiv?

Flatrate – kulturelle Verkommenheit oder zeitgemäßes Modell?

Der Begriff „Flatrate“ ruft häufig ambivalente Gefühle hervor. Einerseits sind Flatrates praktisch – hat man doch durch sie unbegrenzten Zugang und muss daher nicht mehr jeden singulären Erwerb überdenken. Andererseits verschwindet bei einer Flatrate das Exquisite, das Besondere des einzelnen Kaufs. Viele Menschen denken deshalb auch an Billiganbieter, an Internet, an Handys, und manche sogar an das übermäßige Trinkverhalten unbesonnener Jugendlicher. Und dennoch: Flatrates sind beliebt und scheinen sich in vielen Branchen zumindest als ein mögliches Geschäftsmodell durchzusetzen.

Wie funktioniert Skoobe?

Skoobe ist ein Münchner Start-up und ein Gemeinschaftsprojekt der Verlagsriesen Random House und Holtzbrinck. Bereits der Name s-k-o-o-b-e als Ananym für e-b-o-o-k-s scheint sympathisch. Hier können die ersten 10.000 Nutzer für 9,99 Euro im Monat beliebig viele Bücher ausleihen. Fünf Bücher darf man gleichzeitig in sein virtuelles Regal stellen. Möchte man weitere Titel herunterladen, muss man erst entliehene „zurückgeben“. Wie bei einer Bibliothek. Nur eben online. Ohne enervierende Ausleihfristen, die überschritten werden könnten. Und ohne ein künstlich verknapptes Kontingent der ausleihbaren Titel (im Gegensatz z. B. zum Konkurrenten Onleihe. Das klingt attraktiv.

Derzeit nicht genügend Titel verfügbar

Ab März 2013 können die Skoobe-Mitglieder dann nur noch zwei Bücher pro Monat ausleihen. Außerdem sind momentan nur knapp 10.000 E-Books verfügbar. Diese stammen ausschließlich von Bastei Lübbe und Verlagen der Holtzbrink-Gruppe, da sich andere Verlage noch nicht dafür entschieden haben, bei Skoobe mitzumachen. Zum Vergleich: Der Marktführer Amazon mit seinem Lesegerät Kindle hat über 950.000 Titel als E-Book vorrätig. Natürlich von allen bedeutenden Verlagen. Da erscheint Skoobe schon weniger attraktiv. Darüber hinaus kann die Online-Bibliothek bislang noch nicht mit einem großen Angebot an Bestsellern punkten. Im Gegenteil. Von den ersten 20 Titeln auf der SPIEGEL-Bestsellerliste der Hardcover-Ausgaben sind bei Skoobe gerade mal drei verfügbar. Dies sind zu wenige, um massiv Kunden anzulocken. Dennoch präsentiert sich das Start-up-Unternehmen sympathisch. So fiel Skoobe etwa bei der Leipziger Buchmesse auf, als es mithilfe von 2012 eifrigen Lesern einen neuen Weltrekord im E-Book-Staffel-Lesen aufstellte. In jedem Fall scheint Skoobe Charme und Potenzial zu haben und wird vielleicht in der Zukunft als größerer Player noch interessant.

Und einfach kaufen?

Eine E-Book-Flatrate, bei der die Bücher tatsächlich von Kunden gegen eine monatliche Gebühr in unbegrenzter Zahl gekauft werden können, wie sie Amazon möglicherweise plant, scheint für Deutschland bislang eher unrealistisch. Schließlich stehen solche Ideen im scharfen Gegensatz zur deutschen Buchpreis­bindung, der hierzulande auch E-Books unterliegen. Immer häufiger werden daher Stimmen laut, die die Abschaffung der Buchpreisbindung zumindest für E-Books fordern. Doch auf derartige Ideen reagieren Verlage und Buchhandel mehr als nervös – sehen sie doch zu Recht ihre Existenz gefährdet.

Amazon ist allerdings bekanntlich immer für eine Überraschung gut. Vermutlich im Oktober wird der neue Tablet-PC des Medienriesen erscheinen. Auf diesem könnten dann auch E-Books anderer Anbieter gekauft und gelesen werden. Dieser Verlockung könnte Amazon mit einer Flatrate gezielt entgegenwirken. Spätestens dann wird das Thema wohl wieder aktuell.

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Gedanken zu unserer Wertschätzung eines bedrohten Mediums

Seit Jahren begleitet ihn auf seinen Reisen stets eine 250 GB-Festplatte mit allen wichtigen Werken der Weltliteratur, dennoch ist er immer ein entschiedener Liebhaber des gedruckten Buches geblieben: Umberto Eco! Seine Lobeshymnen auf unsere papiergebundenen Kulturschätze sind Balsam auf die dieser Tage geplagten Büchermacherseelen. Gerne hören wir seine Bekenntnisse. Und doch kostet es uns immer mehr Mühe, stichhaltig zu belegen, worin der unersetzbare Wert der gefüllten Bibliotheksregale eigentlich begründet liegt.

Ja, wir lieben unsere Bücher, aber warum eigentlich?

In puncto Mobilität, Verbreitung und Verfügbarkeit überzeugt das Format E-Book längst auf der ganzen Linie. Selbst das Leseerlebnis wird dank nicht-spiegelnder E-Ink-Technologie zunehmend als zumindest äquivalent beschrieben. Wer beim Lesen nicht auf ein gewohntes Buch-Gefühl verzichten möchte, der kann sich beim Seitenwechsel eine „Umblätter-Animation“ anzeigen lassen, auf manchen Readern lässt sich dazu sogar ein kitschiger Papier-Raschel-Sound abspielen. Fast wird auf dem digitalen Lesegerät also ein „echtes“ Leseerlebnis simuliert. Fast! Denn ein Buch spricht in seiner Materialität natürlich eine Vielzahl von Sinnen des Lesers an, ein multisensorisches Erlebnis, das sich so sicher nie vollständig simulieren lässt. Aber kann es denn wirklich sein, möchte ich überspitzt formulieren, dass die Entscheidung darüber, auf welchem Trägermedium wir in Zukunft lesen möchten, beispielsweise davon abhängig ist, wie selbiges riecht? Es ist doch geradezu seltsam, wie häufig derzeit durch alle Medien über die olfaktorischen Qualitäten des gedruckten Buches gesprochen wird. Haben wir wirklich, bevor die Diskussion um digitale Buch-Surrogate zum Medienereignis geworden ist, bei der Lektüre im Stillen den Duft bedruckter Seiten goutiert? Ist es vielleicht vielmehr nur nostalgische Neigung, eine romantisch idealisierte Erinnerung, die uns das Bucherlebnis 1.0 überbewerten lässt?

Gehört die Zukunft allein dem digitalen Buch? Sollten wir das Unvermeidbare einfach akzeptieren?

Vor wenigen Wochen lehnte sich Tom Hillenbrand (erfolgreicher Romanautor und Wirtschaftsjournalist, u. a. für Spiegel Online) mit seinen „Zehn steilen Thesen zum E-Book“ auf gewohnt provokante Weise aus dem (digitalen) Fenster seines Blogs auf Netzfundbuero.de: Darunter so schmerzliche Prognosen wie, in 20 Jahren werde es (fast) keine Buchläden mehr geben, alle Bereiche des Buchmarktes wären dann digitalisiert sein und auch den (herkömmlichen) Verlagen gehe es deutlich an den Kragen, gingen doch wesentlich mehr Autoren dazu über, ihre Werke in Eigenregie zu veröffentlichen. Gerade weil sich mit Hillenbrand hier ein bekannter Autor äußerte, also einer, der selbst mit seinen Werken von dem prognostizierten Wandel betroffen ist, der durchaus als nicht unbedeutender „Player“ des Buchmarkts wahrgenommen wird, einer, dem man aber auch anmerkte, dass er seine Prognosen mit einer gewissen Portion Bedauern abgab, befeuerten die Thesen einmal mehr die hitzige Diskussion um die Zukunft des Buches. Und diese Diskussion wird zunehmend emotional geführt, man erinnere sich, um ein nur leicht entferntes Beispiel zu nennen, an die „Shitstorms“ und Drohungen, die Unterzeichner der „Wir sind die Urheber“-Kampagne im Internet über sich ergehen lassen mussten. Ohne hier auf die Details dieser Debatte einzugehen, kann sie doch verdeutlichen, wie sehr und wie breit das Thema Bücher zu mobilisieren vermag.

Warum liegt uns so viel am Buch? Eine filmische Spurensuche

Auch wenn wir immer noch weit davon entfernt sind, abschließende Aussagen darüber zu treffen, wie Literatur und wie Bücher in Zukunft aussehen werden oder sollten, es ist immerhin großartig zu sehen, dass eine fruchtbare Diskussion darüber geführt wird. Ins Feld geführt werden Argumente zur Haltbarkeit, zur Verfügbarkeit oder zum Verbreitungsgrad von Wissen und Kultur. Ebenso spannend wird etwa über anthropologische Aspekte debattiert: das Buch entspreche in seiner über die Jahrhunderte ausgeklügelten Gestaltungs- und Wesensform schlichtweg physiologischen, psychologischen oder auch sozialen Bedürfnissen des Menschen. An dieser Stelle geht es mir aber stärker um ästhetische Qualitäten. Deshalb möchte ich als Anregung ein wunderbares Video empfehlen, nämlich eine Dokumentation vom April 2012 mit dem vielversprechenden Titel „The future of print“. Regisseurin Hanah Ryu Chung hat eine Reihe ausgewiesener Buchmenschen interviewt, darunter Grafiker, Setzer, Drucker, Buchhändler und Verleger. Der Film vereint zahlreiche sehr persönliche An- und Einsichten und gerät so zu einer bildreichen Suche nach dem Proprium, nach der Faszination und dem Wert des gedruckten Buches. Ich wünsche viel Vergnügen und gute Inspiration!

EPILOGUE: the future of print from EPILOGUEdoc on Vimeo.

 

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Überlieferte Schätze

Auch Umberto Eco kommt nicht umhin, sich mit der Bedeutung von Büchern in der heutigen Zeit kritisch auseinanderzusetzen. Kürzlich habe ich dazu einen spannenden Aufsatz gefunden, der 2006 im Original erschien: „Das pflanzliche Gedächtnis“ (in: Eco, Die Kunst des Bücherliebens, 2011). Darin reflektiert Eco in gewohnter Eloquenz eine sehr wichtige Funktion von Büchern: die Bewahrung von Erinnerungen, von Geschichte und Wissen. Um die Welt um uns herum zu verstehen, sind wir auf Wissensspeicher angewiesen. Das gilt sowohl für einzelne Menschen als auch für größere Gemeinschaften: ohne Überlieferung ist alles Vergangene verloren. Aber welches Medium ist dafür das richtige?

Anhäufen oder selektieren?

Immer, wenn es darum geht, Wissen weiterzugeben, steht dem Wunsch nach Vollständigkeit die Notwendigkeit von Selektion gegenüber. Unser Gedächtnis kann viel leisten, aber natürlich kann es nicht jedes Detail behalten. Im Gegenteil, es ist sogar eine wichtige Aufgabe unseres Gehirns, eingehende Informationen nach Relevanz zu sortieren und gegebenenfalls auch wieder zu löschen. Während dem Menschen als Mittel zur Überlieferung in grauer Vorzeit nur die Sprache zur Verfügung stand und die Alten am Feuer ihr Wissen an die Jungen weitergaben, stehen uns heute durch die elektronische Speicherung schier unendliche Datenmengen zur Verfügung. „Es gibt kein größeres Schweigen als den absoluten Lärm“, sagt Eco – die vorhandene Flut an Informationen kann der Mensch nicht verarbeiten, ohne Selektion ist sie nutzlos. Hier zeigt sich eine Grundqualität von Büchern, unseres „pflanzlichen Gedächtnisses“, also der in Form von Schrift auf Papier festgehaltenen Erinnerungen und Erkenntnisse. Zugegeben, auch an Büchern herrscht bisweilen Überfluss und wir müssen eine Wahl treffen, doch jedes Buch für sich birgt eine abgeschlossene Einheit ausgewählter Inhalte. Gewiss können sich diese untereinander auch widersprechen – aber genau damit lehren sie uns, Inhalte kritisch zu bewerten. Und sie helfen uns, Muster und Schemata zu bilden, zu selektieren und damit Orientierung zu finden.

Wie schon die Alten sungen … – die Macht des geschriebenen Wortes

Ein Buch regt dazu an, sich zu fragen, wer die präsentierten Inhalte ausgewählt hat und unter welchem Gesichtspunkt. „Wir versuchen es nicht bloß zu entziffern, sondern suchen auch einen Gedanken zu interpretieren, eine Absicht.“ Durch diese permanente Befragung, den Dialog mit dem Medium, wird ein Kult des Buches möglich, der es zugleich zu einem Symbol der Wahrheit werden lässt. Während wir unser eigenes Gedächtnis oft in Zweifel ziehen, nutzen wir das pflanzliche Gedächtnis gerne als Argumentationshilfe: So steht es geschrieben! Bücher sind für uns, was einst die Alten waren. Sie besitzen Autorität, ihr transferiertes Wissen ist wertvoll und sorgsam ausgewählt. Durch sie können wir neben unserem eigenen viele weitere Leben leben.

Lesen Sie, sollten Sie Gelegenheit dazu haben, Ecos bildreichen Aufsatz – er ist eine mitreißende Liebeserklärung an das Buch!

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E-Books zum Anfassen

July 6, 2012

Ein Gespenst geht um

Wo immer man sich in der Verlagsbranche bewegt, überall hört man derzeit: E-Books, E-Books, E-Books. Manch einer findet den digitalen Trend und dessen Entwicklungen hochinteressant, der andere hingegen winkt entnervt ab, weil ihn das Dauerthema zusehends frustriert oder weil monetär nur wenig dabei herumzukommen scheint. Denn da die Deutschen, im Gegensatz zu den US-Amerikanern, ziemliche E-Book-Muffel zu sein scheinen, muten die Umsätze, die der Handel in Deutschland durch E-Books einfährt, derzeit noch recht bescheiden an. Und dennoch: Das Gespenst des mächtigen E-Books geht um und viele fürchten sich vor seinem tatsächlichen Erscheinen.

Der Buchhandel schlägt zurück

Wie ich bereits in meinem letzten Eintrag skizziert habe, stellt sich im Zusammenhang mit E-Books auch die Frage, ob der Buchhandel die digitale Revolution übersteht oder ob er geschlagen in den Untiefen der Bedeutungslosigkeit versinkt. In jedem Fall geht der Buchhandel nicht sang- und klanglos unter, sondern versucht, aktiv in das Geschehen einzugreifen und einen Platz im sich formierenden E-Book-Markt zu besetzen. Hierfür gibt es einige Beispiele, etwa den Versuch, die Leser durch die Entwicklung eines gebrandeten Readers an den eigenen (digitalen) Shop zu binden. Besonders interessant finde ich den neuesten Versuch der Alteingesessenen, sich der Umwälzungen in der Buchbranche zu erwehren: E-Book-Cards.

E-Book-Cards

Hierbei handelt es sich um Karten, die die Leser wie Bücher im Buchladen kaufen können und die einen Buch-Code zum Download eines E-Books enthalten. Die Kosten für die Karten sind mit dem Preis für das online erhältliche E-Book identisch. Die Karten brachte das Start-up-Unternehmen EPIDU vor einigen Monaten auf den Markt. Seitdem sind sie in ausgewählten Buchhandlungen erhältlich.

Der große Wurf?

Und was bringen die E-Book-Cards dem Leser? EPIDU und Buchhandel werben damit, dass der Kunde die Vorteile des stationären Buchhandels auch beim E-Book-Kauf nutzen kann: die Beratung der Verkäufer, die Auswahl, das Ambiente. Und dass er bar zahlen kann. Betrachtet man die Zielgruppe, scheinen die Vorteile der Karten jedoch genau für diese nur wenig attraktiv – handelt es sich doch mit hoher Wahrscheinlichkeit um Menschen, die gerne online einkaufen, das Zahlen mit Kreditkarte als unproblematisch empfinden und das blitzschnelle Runterladen einer Datei vom Sofa aus dem zeitintensiven Gang zum Buchladen vorziehen.

E-Books verschenken

Eine Lücke könnten die Karten allerdings schließen. Bisher kann man E-Books in Deutschland nicht verschenken, da diese immer durch den Endnutzer direkt über seinen Reader bestellt werden müssen. Möchte jemand ein E-Book verschenken, so kann er lediglich eine Gutschrift für Online-Anbieter wie Thalia oder Amazon weitergeben, nicht aber einen Gutschein für ein konkretes Buch. Dieses Problem wird durch die Karten auf elegante Art und Weise gelöst. Sie haben zudem den Vorteil, dass etwas Repräsentatives überreicht werden kann.

Back to the roots?

Dennoch ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis es den digitalen E-Book-Anbietern gelingt, auch diese Verkaufslücke zu schließen. Dann könnten die E-Book-Cards genauso schnell in Vergessenheit geraten, wie sie aufgetaucht sind.  Doch auch wenn die letzte Schlacht im E-Book-Handel noch nicht geschlagen ist, scheinen die Karten zum Verschenken eine gute Übergangslösung zu sein. Bis zur nächsten Veränderung. Und so wispert es wohl auch weiterhin überall: E-Books, E-Books, E-Books.

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Wandel und Kontinuität

Die menschliche Geschichte ist weder ein Prozess permanenten chaotischen Wandels, noch eine stete Wiederholung des Immergleichen. Die Kunst bei ihrer Betrachtung ist es, bleibende Prinzipien und Bedingungen, zufällige Turbulenzen und grundlegenden Wandel zu unterscheiden. So haben beispielsweise zwei Erfindungen, die in den Neunzigerjahren zu Massenphänomenen wurden, nämlich das Internet und der Mobilfunk, nicht nur unseren Alltag nachhaltig verändert, sondern z. B. auch Einfluss auf politische Ereignisse ausgeübt. Man denke etwa an den sogenannten arabischen Frühling. Das Beispiel zeigt aber auch, wie groß der gesellschaftsverändernde Einfluss sein kann, ohne dass dabei grundlegend die Gesetze der Politik ausgehebelt werden mussten.

Für Unternehmen stellen sich ähnliche Fragen wie für den Historiker: Wie verlässlich ist die derzeitige Umgebung, das aktuelle Geschäftsmodell? Welche Trends werden sich durchsetzen? Wie radikal wird der Wandel sein, der sich aus bestimmten technischen Neuerungen ergibt? Ein bedeutsamer Unterschied zum Historiker jedoch ist, dass Unternehmen in der Regel auch Teilnehmer des Szenarios sind, das sie beobachten. So wettet Apple zum Beispiel einerseits darauf, dass sich die Computernutzung stark verändern und zu „post-PC devices“ verschieben wird, und treibt andererseits diese Entwicklung zugleich durch das eigene Produktangebot voran.

Ein Regal als Orakel

Unser eigener Geschäftszweig, die Welt der Bücher, wähnt sich schon seit mehreren Jahren vor einschneidenden Umbrüchen. Und nun scheinen sich die Dinge zuzuspitzen. So wurde die Entscheidung eines branchenfremden Giganten mit großem Interesse aufgenommen, weil man sie als strategisch, ja geradezu symptomatisch interpretieren konnte: IKEA hat sein klassisches Bücherregal Billy um eine Variante mit tieferen Regalböden ergänzt! Das passt zu der These, angesichts von neuen Publikationsformen wie Blogs und E-Books werde das klassische gedruckte Buch in Zukunft vor allem als Coffee Table Book überleben, also als großformatiger Prachtband mit aufwendigem Foto-Layout und wenig Text.

Diese These hat eine gewisse Plausibilität, denn in dieser Form kann das gedruckte Buch seine Vorteile besonders gut ausspielen und die Sinne ansprechen, wie es das beispielsweise das E-Book (noch) nicht vermag. Aber ist das schon alles? Bringt das Coffee Table Book das Wesentliche des Buches auf den Punkt? Und wird der klassische Roman der den alten Billy bisher befüllte, zukünftig nur noch digital ausgeliefert? Wird sich unser Begriff des Buches wandeln müssen?

Altes (links) und neues Logo (rechts) des Börsenvereins, die auch den strategischen Wandel des Branchenverbands erkennen lassen.

Vom Buch zum Prinzip

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels spricht seit einiger Zeit vom „Prinzip Buch“ und bringt damit zum Ausdruck, dass das gewohnte, gedruckte Buch zukünftig nur noch eine Form von mehreren sein wird, in der die Buchkultur weiterlebt. Um diesen Begriff hat sich eine breite Diskussion in der Branche entwickelt. Es geht darum, Geschäftsmodelle zu finden, um dieser Entwicklung zu begegnen. Häufig wird dabei gefordert, das Geldverdienen zukünftig vom Buchdruck zu entkoppeln. Und es geht um das Selbstverständnis der Branche. Dies betrifft insbesondere den Börsenverein: Mit dem zu erwartenden Wandel bei Verlagen und im Buchhandel stellt sich schließlich auch die Frage, wie deren Interessenvertretung in Zukunft aussehen soll – und damit die Frage nach der Existenz des Branchenverbandes.

Die Diskussion ist also auch von strategischen Interessen geprägt: Wird es den Verlagen gelingen, die Zuständigkeit für E-Books und andere neue Publikationsformen zu verteidigen bzw. zu erobern? Wird der Buchhandel als besonderes Segment des Einzelhandels bestehen bleiben? Oder zerbricht die historisch gewachsene Allianz der „Buchmenschen“, die ihre Branche immer als etwas ganz Besonderes begriffen haben?

Zugleich ist die Rede vom „Prinzip Buch“ aber auch für jedes einzelne Unternehmen und jeden einzelnen Leser, jede Autorin interessant. Was meinen wir eigentlich, wenn wir vom Buch sprechen? Warum liegt es uns am Herzen? Wie werden wir in fünf, in zehn, in zwanzig Jahren beschreiben, was uns am Buch begeistert? – Darüber wird demnächst also noch einmal separat zu sprechen sein.

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